Bettina König
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Stellen wir uns ein Mädchen vor, 14 Jahre alt, es hat Angst, jeden Morgen, vor der Schule, vor dem Tag, vor sich selbst. Und die Eltern spüren, hier stimmt etwas nicht. Sie wollen und brauchen Hilfe, und dann beginnt das Warten, Wochen und Monate, auf einen freien Therapieplatz. Das ist leider keine Ausnahme, das ist in Berlin und ganz Deutschland zum Alltag geworden. Wir wissen alle, die Zahlen sind eindeutig, Angststörungen, Depressionen, Essstörungen, psychosomatische Beschwerden, all diese Erkrankungen haben bei Kindern und Jugendlichen zugenommen. Es hat sich verfestigt. Hinter jeder dieser Zahlen stecken ein Kind, das leidet, und eine Familie, die kämpft. Was erleben diese Familien, wenn sie Hilfe suchen? – Monatelange Wartezeiten, zu wenig niedrigschwellige Angebote in der akuten Krise, Übergänge zwischen Schule, Jugendhilfe und Gesundheitswesen, die nicht ineinandergreifen! Das Ergebnis ist bitter: Hilfe kommt spät, zu spät oder gar nicht. Aus einer Belastung wird dann eine Krise. Aus einer Krise kann eine chronische Erkrankung werden. Am härtesten trifft es die, die ohnehin am wenigsten Schutz haben, Kinder in belasteten Lebenslagen. Genau deshalb haben wir diesen Antrag geschrieben. Wir wollen, dass sich die Situation für Kinder, Jugendliche und Familien verbessert. [Beifall bei der SPD – Vereinzelter Beifall bei der CDU] Wir fordern den Bund auf, endlich zu handeln, psychischer Gesundheit von Kindern und Jugendlichen endlich Priorität zu geben. Wir fordern, die psychotherapeutische Versorgung auszubauen, die Bedarfsplanung an die Wirklichkeit anzupassen, statt weiter mit Zahlen aus den Neunzigerjahren zu planen und die Finanzierung der Fachweiterbildung von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten endlich gesetzlich zu regeln, sonst schlittern wir nämlich auch noch in einen Therapeutinnen- und Therapeutenmangel. Wir wollen verlässliche Mittel für Prävention statt Kürzungen und eine bundesweite Kampagne gegen das Stigma, damit sich kein junger Mensch schämen muss, Hilfe zu suchen. [Beifall bei der SPD] Aber was passiert im Bund stattdessen? – Das Gegenteil! Mit dem sogenannten GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz, im Juli beschlossen, kürzt das Bundesgesundheitsministerium ausgerechnet dort, wo wir dringend mehr brauchten, bei der Psychotherapie mit der Budgetierung, von der die Fachverbände sagen, bis zu ein Viertel weniger Angebote drohen. Also noch längere Wartezeiten! Auch das drohende Honorarminus von 4,5 Prozent wird weitere Therapieplätze verschwinden lassen. Das ist kein Sparen an einer Statistik, das ist das Sparen an einem 14- jährigen Mädchen, das auf Hilfe wartet. Und das ist falsch. Wir wollen, dass der Bund umsteuert, aber wir warten nicht nur darauf, dass der Bund seiner Verantwortung endlich gerecht wird, wir handeln. Wir bauen niedrigschwellige Anlaufstellen für junge Menschen in der Krise auf. Angebote wie soulspace zeigen, wie es geht, schnell, unkompliziert, anonym, ohne monatelange Wartezeit. Aktuell werden zwei weitere soulspace geschaffen. Unser Ziel ist ein solches Angebot in jedem Berliner Bezirk, [Beifall bei der SPD] ein flächendeckendes Netz früher Hilfen. Wir bauen die Traumaambulanzen für junge Menschen aus, denn ein Kind, das Gewalt erleben musste, gehört nicht auf eine Warteliste. Wir als SPD wollen zudem die psychotherapeutischen Hilfen im Rahmen der Jugendhilfe nach dem SGB VIII ausbauen. Und für uns sollen Schulen zu Orten der psychischen Gesundheit werden, mit mehr Schulpsychologinnen und Schulpsychologen, mit klaren Regeln für die Handynutzung an Grundschulen und mit guter Medienbildung, damit unsere Kinder gesund aufwachsen, digital und seelisch. Wir wollen Weiterbildungsplätze für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten im öffentlichen Gesundheitsdienst und in landeseigenen Krankenhäusern schaffen und damit einen eigenen Beitrag leisten, damit junge Psychologinnen und Psychologen sich zu Therapeutinnen und Therapeuten ausbilden lassen können. Klar ist aber auch, die strukturellen Probleme kann Berlin nicht allein lösen. Deshalb fordern wir den Senat auf, im Bundesrat die Initiative zu ergreifen und den Bund dazu zu bewegen, was längst überfällig ist: die psychische Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen endlich zur Priorität zu machen. Kein Kind darf mit seiner Angst allein bleiben, kein Jugendlicher darf Monate auf Hilfe warten, und keine Familie darf durch das Raster fallen. – Vielen Dank! [Beifall bei der SPD – Vereinzelter Beifall bei der CDU]
