Louis Krüger
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Wer heute 14 Jahre alt ist, trifft Entscheidungen, die weit in die 2060er-Jahre reichen. Berufsorientierung an Schulen ist deshalb kein Beiwerk, sondern eine Frage von Gerechtigkeit, Teilhabe und wirtschaftlicher Zukunftsfähigkeit. Sie entscheidet, ob junge Menschen in Berlin offene Türen vorfinden, ob Talente entdeckt werden; sie ist wichtig, damit niemand zurückgelassen wird. Daran messen wir Grüne den vorliegenden Antrag von CDU und SPD, und daran, ob er den bereits vereinbarten Qualitätsrahmen dieses Landes, sprich das Landeskonzept Berufliche Orientierung Berlin, wirklich stärkt oder ihn nur sprachlich umarmt, um hier etwas Neues zu suggerieren. Es ist lobenswert, dass der Fokus der Koalition sich nicht nur auf die Einführung des 11. Pflichtschuljahrs richtet, das mit erheblichen Startschwierigkeiten zu kämpfen hat. Denn wenn jemand bereits zehn Jahre lang nicht im Schulsystem erreicht worden ist, wird das elfte Jahr auch keinen großen Beitrag mehr leisten können. So ist es richtig, die Berufsorientierung dort zu stärken, wo sie tatsächlich stattfindet: während der regulären Schulzeit selbst. Der Antrag wirkt erst mal ambitioniert: früh ansetzen, verpflichtende Werkstatt- und Unternehmensbesuche in Jahrgang 7 und 8, weitere Praktika in Jahrgang 9 und 10, sogar in Jahrgang 11, WAT ausbauen. – Das sind große Worte, um bereits bekannte Ansätze aus der beruflichen Bildung sowie aus dem Maßnahmenkatalog des Bündnisses für Ausbildung zu benennen, die eigentlich schon längst hätten auf den Weg gebracht sein müssen. Bei all der Aufregung um die Ausbildungsplatzumlage wollen Sie nun die berufliche Bildung an Schulen besser in den Blick nehmen. Gut so! Berlin hat bereits ein verbindliches Gerüst; im Landeskonzept Berufliche Orientierung Berlin steht alles drin, und daran müsste sich die Politik auch messen lassen. Ehrlicherweise sind wir als Land Berlin noch ein ganzes Stück davon entfernt, diesem Landeskonzept gerecht zu werden. Aber Papier ist geduldig. Und nun meine Frage an Sie: Was ist der Mehrwert von den hier geforderten Maßnahmen? Führt das zu mehr Qualität, mehr Gerechtigkeit, zu besser begleiteten Übergängen, oder stapeln wir erneut Aufgaben auf Schulen, ohne die bereits bestehenden Strukturen für die Umsetzung zu sichern? – Kümmern Sie sich lieber erst einmal darum, die Kürzungen bei den Mitteln der Jugendberufsagenturen und den außerschulischen Angebote zurückzunehmen! Gemessen an dem, was es schon längst geben müsste, ist das, was hier debattiert wird, nicht ambitioniert, sondern additiv. Es werden mehr Pflichten aufgelistet, ohne die Qualitätsarchitektur mitzuziehen. Worauf es aber ankommt, ist die Qualität in der Praxis: Betriebserkundungen und Vermittlungen, Werkstatttage, spannende Praktika, Vertreterinnen und Vertreter der beruflichen Schulen auch am Gymnasium. Wer WAT stärken will, modernisiert Werkstätten, schafft Räume für die BO-Teams und sorgt für die Sicherung der Lehrkräfte dafür an den Hochschulen. Stattdessen verkünden Sie wohlfeil die Einführung von berufsorientierendem Unterricht für das Gymnasium und lassen die Schulen dann mit der Umsetzung in der Stundentafel allein. Das ist verantwortungslose Politik für das Schaufenster. [Beifall bei den GRÜNEN – Vereinzelter Beifall bei der LINKEN] Und bitte schaffen Sie nicht noch ein weiteres Netzwerk, sondern greifen Sie auf die guten Maßnahmen aus dem Maßnahmenkatalog des Bündnisses zurück, den Ausbau der Peer-to-Peer-Angebote etwa, wie der Ausbildungsbotschafterinnen und -botschafter an den Schulen und der Schulpaten, die die SPD im letzten Moment finanziell gesichert hat. Wir teilen den Grundgedanken: früher, verbindlicher, näher an der Praxis –, aber Ihr Antrag addiert einfach nur Aufgaben. Wir verlangen Verbindlichkeit, Verzahnung und Ressourcen; dann machen wir auch mit. – Vielen Dank! [Beifall bei den GRÜNEN – Vereinzelter Beifall bei der LINKEN]
