Katrin Seidel
Sehr geehrte Damen und Herren! Sehr geehrter Herr Präsident! Mit dem vorliegenden Antrag wollen wir weitere Vorschläge unterbreiten, wie die Berliner Kitaqualität verbessert werden kann. Durch die rückläufigen Kinderzahlen müssen Eltern in weiten Teilen der Stadt nicht mehr Bittsteller sein, sondern können den Kitaplatz ihrer Wahl bekommen. Auch bekommen wir nun Kinder aus Familien in die Kitas, die es lange Zeit in der Belegungs- und Platzkonkurrenz nicht so leicht hatten. Doch das reicht noch nicht. Noch immer finden Kinder aus geflüchteten Familien oder Kinder mit dringendem frühzeitigem Sprachförderbedarf oder mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen nicht den Weg in unsere Einrichtungen. Wir wollen aber alle Familien, alle Kinder erreichen und den Rechtsanspruch auf frühe Bildung und Förderung am besten tatsächlich ab dem ersten Lebensjahr gewährleisten. Wichtig ist, dass inzwischen bekanntermaßen freie Kapazitäten beim Personal als auch bei den Räumen existieren. Wir fordern deshalb den Senat auf, die Gunst der Stunde offensiv zu nutzen und jetzt notwendige Gesetzesänderungen vorzubereiten, um folgende erprobte Systeme zu qualifizieren und zu verstetigen; Systeme, die präventiv ansetzen und hohen späteren Folgekosten vorbeugen. Erstens: Kitasozialarbeit. In vielen Ländern Europas gehört Kitasozialarbeit als integrativer Bestandteil multiprofessioneller Teams zur Grundausstattung einer jeden Kita. Kitasozialarbeit ist präsent in den Kitas und baut Vertrauen zu den Eltern auf, weil diese dort unkompliziert ansprechbar sind. So kann frühzeitig Hilfebedarf erkannt, Hilfe zur Selbsthilfe angeboten und Unterstützung vermittelt werden. Sozialarbeiterinnen in der Kita arbeiten Hand in Hand mit Jugendämtern, Kinder- und Jugendgesundheitsdiensten, Familienzentren und anderen Einrichtungen im Sozialraum. Sie machen Netzwerk- und Gremienarbeit und werben für den Kitabesuch – genau das, was wir wollen. Vor allem entlastet Kitasozialarbeit die pädagogischen Teams. Sie wird in unserer Stadt schon seit vielen Jahren eingesetzt, mit durchweg positiver Resonanz. Im Zuge des Berliner Gipfels gegen Jugendgewalt wurde dann für derzeit 55 Kitas ein Modellprogramm aufgelegt. Eine Sozialarbeiterin ist hier für circa 100 Kinder und Familien zuständig. Das Projekt läuft Ende des Jahres aus, und es besteht die Befürchtung, dass es mit dem Jahresbeginn 2026 nicht weitergeführt wird und damit unwiederbringlich Fachkräftestrukturen sowie Erfahrungs- und Prozesswissen verlorengehen. Wir wollen nun schnell einen Plan, wie in einem dreistufigen Verfahren in den Jahren 2026 bis 2031 das Programm weitergeführt und ausgebaut werden kann. Das Fernziel ist eine flächendeckende Einführung von Kitasozialarbeit und ihre Verankerung in den Kostenblättern. [Beifall bei der LINKEN] Zweitens: Kinderschutz. Kinderschutz ist ein hohes Gut. Auch hier braucht es Prävention, Früherkennung und Aufklärung. In der Praxis zeigt sich leider eine kontinuierlich steigende Quote bei Kinderschutzmeldungen und bei Kinderschutzberatungen. Es gibt natürlich jetzt schon Verfahren zur Intervention im Fall einer Kindeswohlgefährdung an den Kitas, und schon jetzt arbeiten in unserem Kitasystem viele insoweit erfahrene Fachkräfte – das ist der etwas sperrige Begriff für Kinderschutzberaterinnen –, die aber im Falle einer Beratungsanfrage oder eines Kinderschutzfalls ihren eigenen Arbeitsplatz verlassen müssen. Die Beratungsfachkräfte arbeiten zum Teil ganz normal als Erzieherin oder Leiterin und fehlen dann natürlich, wenn sie ins Auto steigen und in eine andere Einrichtung fahren oder eine Onlineberatung durchführen, um diese Zusatzaufgabe zu übernehmen. Die Beratungsfachkräfte übernehmen auch wichtige Präventions- und Schulungsaufgaben, damit das gesamte Personal in der Kita handlungssicher in Kinderschutzfragen ist. Wir wollen die Kinderschutzberatung in Berliner Kitas auf solide Füße stellen und fordern, dass die Arbeitszeit der insoweit erfahrenen Fachkräfte in den Kitakostenblättern festgeschrieben wird. [Beifall bei der LINKEN – Beifall von Daniela Billig (GRÜNE) und Marianne Burkert-Eulitz (GRÜNE)] Drittens: Der Rechtsanspruch auf Inklusion gilt natürlich auch für die Kita. Es gibt für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf in Berlin ein ganz gutes System. Förderstatus A und B sorgen dafür, dass Kitakinder ihren individuellen Rechtsanspruch auf Teilhabe und Kitabesuch mit Unterstützung in Anspruch nehmen können, aber das System kommt an seine Grenzen, wenn A und B nicht greifen. Viele Teams in Kitas trauen es sich auch nicht zu, Kinder mit komplexen gesundheitlichen Problemlagen zu betreuen. Dazu kommt eine insgesamt gestiegene Zahl von Kindern mit besonderen Bedürfnissen oder psychischen Problemen unterhalb eines Förderstatus, was sowieso höhere Anforderungen an die Fachkräfte im Regelbetrieb stellt. Die Gesamtsituation, die höhere Heterogenität in unseren Kindergruppen erfordert eine höhere Binnendifferenzierung in der Arbeit der Fachkräfte, erfordert sowieso multiprofessionelle Teams. Dass die Integration und Inklusion in unseren Kitas künftig gut gelingen kann, ist ein großes Thema in unseren Einrichtungen, eine Baustelle, die wir politisch bearbeiten und begleiten müssen. Wir greifen hier eine langjährige Diskussion wieder auf und fordern einen Förderstatus Bplus für alle Integrationskinder, für die das bisherige System nicht greift. Lassen Sie uns gerne im Ausschuss darüber beraten, wie das am besten gelingen kann! – Vielen Dank! [Beifall bei den GRÜNEN – Vereinzelter Beifall bei der LINKEN]
