Bettina König
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Wartezeiten von durchschnittlich sechs Monaten auf einen Therapieplatz, trotz Dringlichkeit kein Termin beim Jugendpsychiater in Sicht, stationäre Behandlung vorrangig nur absoluten Notfällen vorbehalten – so sieht die Realität aus, wenn es um die Behandlung von psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen geht. Wir haben uns jetzt in relativ kurzer Zeit im Gesundheitsausschuss zum zweiten Mal mit dieser Thematik beschäftigt, weil sie extrem wichtig ist, und es wurde sehr deutlich, hier ist für eine gute Versorgung noch massiv Luft nach oben. [Beifall bei der SPD] Egal mit welchen Experten man spricht, jeder betont, dass die Kapazitäten komplett an der Überlastungsgrenze sind. Am Thema Essstörungen wurde das exemplarisch im Ausschuss noch mal sehr deutlich. Essstörungen haben in und seit der Pandemie bei Jugendlichen massiv zugenommen, und es gibt genau eine Beratungsstelle für Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen in Berlin. Diese hat knapp drei Vollzeitstellen, drei Stellen Beratung für eine Viermillionenstadt wie Berlin mit 650 000 Kindern und Jugendlichen. Das ist wirklich bemerkenswert wenig. Hier kann Berlin mehr. [Vereinzelter Beifall bei der SPD] Wir sind unseren Kindern und Jugendlichen, gerade nach den Einschränkungen der Pandemie, mehr schuldig, nämlich ein Hilfesystem, das funktioniert und auffängt. Einem Kind mit Angststörungen, einem Jungen mit Depressionen oder einem Mädchen mit einer Essstörung muss zeitnah die Versorgung zur Verfügung stehen, die es benötigt. Diese Krankheitsbilder sind schwere Erkrankungen und stellen die Familien vor riesige Herausforderungen. Mit einem nicht funktionierenden Versorgungssystem lassen wir diese nicht nur alleine, tatsächlich riskieren wir sehenden Auges Chronifizierungen bei unseren Kindern und Jugendlichen. Ein Hauptproblem in der Versorgung muss ich ganz klar benennen. Ich möchte es benennen, weil es ganz stark ursächlich für die Probleme ist und weil bisher zu wenig getan wird, um es zu lösen, obwohl dieses Problem jedem Player im System klar ist. Es ist die Art der Bedarfsplanung von Kinder- und Jugendtherapeuten. Auch wenn hier vorrangig der Bund gefragt ist, muss ich hier etwas sagen, denn als Land können wir zumindest laut werden, lauter, als wir es bisher sind, denn wenn dieses Thema nicht endlich angepackt und gelöst wird, wird es sehr schwer, die Probleme in der medizinischen Versorgung zu lösen. Was ist denn nun das Problem? – Die Bedarfsplanung für Kinder- und Jugendtherapeuten, wie sie derzeit funktioniert, ist nicht am realen Bedarf ausgerichtet. Jeder im System weiß, dass die jetzige Bedarfsplanungspraxis, die sogenannte 20-Prozent-Regel, von der Annahme ausgeht, dass für junge Menschen pauschal 20 Prozent der Erwachsenentherapeuten ausreichen, und nicht den tatsächlichen Bedarf abdeckt. Es ist eine statistisch festgelegte Zahl ohne Bezug zur Realität. Die Krankenversicherungen wissen, dass es nicht reicht. Die KVs wissen es, die Ärzte- und Psychotherapeutenkammern wissen es, der gemeinsame Bundesausschuss weiß es, und die Politik weiß es auch, geändert hat sich bisher aber wenig, und das geht so nicht. [Beifall bei der SPD] Die Bedarfsplanung muss endlich adäquat, zeitgerecht und am tatsächlich bestehenden Bedarf gemessen erstellt werden und damit eine an die Realität angepasste Versorgung ermöglichen, denn solange die Planung auf falschen Annahmen beruht, wirkt es auf dem Papier auch noch so, als sei die Versorgung ausreichend. Und das ist wohl der Grund, warum ich auf eine aktuelle Schriftliche Anfrage die Antwort erhalte, Berlin sei mit einem Versorgungsgrad von 170 Prozent bei den Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten und einem Versorgungsgrad von 150 Prozent bei den Jugendpsychiaterinnen und Jugendpsychiatern überversorgt. Wie das mit den langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz zusammenpassen soll, das bleibt unbeantwortet. [Beifall bei der SPD – Vereinzelter Beifall bei den GRÜNEN und der LINKEN] Betroffene Familien wissen aus täglichem Erleben, dass hier Theorie und Realität nicht zusammenpassen. Glauben Sie mir, für Betroffene ist das sehr schwer! Jetzt fragen Sie sich vielleicht, warum ich an dieser Stelle zu diesem TOP so umfangreich über die Versorgungssituation und Bedarfsplanung spreche, die nur mittelbar mit dem Landesarzt zu tun hat und die wir, das Land Berlin, ebenso nur mittelbar beeinflussen können. Ich mache das, weil ich finde, dass in Anbetracht der Versorgungslage in jedem Parlament gesagt werden muss und oft genug gesagt werden muss, dass es so ist, damit sich was ändert, bis sich was ändert. Deshalb, liebe Frau Pieroth, machen wir das hier auch zur Priorität, weil die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen uns als Koalition das wert ist. [Beifall bei der SPD und der CDU] Und der Landesarzt, den wir jetzt wieder einsetzen? – Nun immerhin mittelbar hat er natürlich auch damit zu tun, denn er soll eine laute Stimme für die Bedarfe von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen sein. Wir, die SPD-Fraktion, wollen, dass Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen in Berlin besser und schneller behandelt werden. Dafür brauchen wir jede Stimme. [Beifall bei der SPD – Vereinzelter Beifall bei der CDU] Wir nehmen die Anhörung ernst und folgen dem Rat, den uns ausnahmslos alle Expertinnen und Experten in der Anhörung dazu gaben. Deshalb freue ich mich, dass wir mit der Wiedereinsetzung dieses Amtes eine Stimme mehr für die Belange von psychisch erkrankten Kindern und Jugendlichen in Berlin bekommen. Weiterer Stellschrauben für Verbesserungen werden wir uns natürlich annehmen, damit wir zu der Versorgung kommen, die die Betroffenen benötigen.
