Andreas Geisel
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Am 8. Mai dieses Jahres jährt sich der Tag des Endes des Zweiten Weltkrieges, der Tag der Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zum 80. Mal. Dieser Tag war der Tag, an dem die Verantwortung Deutschlands für die NS-Verbrechen, für den Angriffskrieg, für den Holocaust, für 75 Millionen Todesopfer auf der Welt deutlich wurde. Ich erinnere an dieser Stelle an die Rede von Richard von Weizsäcker im Jahr 1985, der sich zu dieser historischen Verantwortung Deutschlands bekannte und diesen 8. Mai als Tag der Befreiung gekennzeichnet hat. Im Sommer vergangenen Jahres hat das Abgeordnetenhaus von Berlin den 8. Mai 2025 zum gesetzlichen Feiertag in Berlin erklärt. 80 Jahre nach diesem historischen Ereignis soll der zusätzliche Feiertag das Bewusstsein dafür schärfen, dass ein friedliches Zusammenleben in der Welt nach wie vor keine Selbstverständlichkeit ist – wie wahr! Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine beeinflusst auch das Gedenken an die Befreiung hier in Berlin. Insofern ist der 8. Mai dieses Jahres eine besondere Herausforderung für uns alle. Noch vor einigen Jahren, vor dem russischen Angriffskrieg, haben wir den 8. Mai mit Volksfesten begangen, an den verschiedenen Gedenkorten, die wir hier in Berlin haben. Ich erinnere mich, in meinem Wahlkreis in Berlin-Karlshorst steht das Kapitulationsmuseum Karlshorst, der Ort der Kapitulation von 1945. Dort gab es am 8. Mai den ganzen Tag über ein großes Volksfest, das von Tausenden Menschen besucht wurde. Um 22 Uhr gab es dann immer den Toast auf den Frieden, zu dem wir alle gemeinsam am historischen Ort zum historischen Zeitpunkt miteinander auf den Frieden angestoßen haben. Und in diesem Jahr? – Russland hat durch den Überfall auf die Ukraine ein gemeinsames Gedenken unmöglich gemacht. Die Herausforderung am 8. Mai ist es für uns alle, aller Opfer des Zweiten Weltkrieges, aller Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu gedenken. [Beifall bei der SPD, der CDU, den GRÜNEN und der LINKEN] Das wird uns gut gelingen mit den Vereinigten Staaten von Amerika, mit Vertretern von Frankreich, Großbritannien und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Denn von russischer Seite wird es wie in den Jahren zuvor auch den Versuch geben, einen Alleinvertretungsanspruch für die Opfer der ehemaligen Sowjetunion zu erheben. Wir werden an verschiedenen Gedenkorten in Berlin erleben, dass Vertreter Russlands, von Putins Russland, mit dem Sankt-Georgs-Band auftreten, einem zaristischen Zeichen, einem Zeichen dafür, dass sie dafür eintreten, dass die Sowjetunion wieder in den Grenzen von 1990 existieren soll. Dem müssen wir entgegentreten. Diesem Alleinvertretungsanspruch müssen wir schon aus historischen Gründen, aus Gründen der historischen Gerechtigkeit, entgegentreten. Denn die Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion sind eben 15 Staaten. Das sind neben Russland – ich führe es jetzt hier mal auf – Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan, Kirgisistan, Georgien, Armenien, Aserbaidschan, die Ukraine, Belarus, Moldawien, Estland, Lettland und Litauen. All diese Länder haben einen Blutzoll gezahlt, den höchsten Blutzoll unter den verschiedenen Ländern, die am Zweiten Weltkrieg beteiligt waren. 27 Millionen Opfer sind aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion zu beklagen. Unsere Aufgabe am 8. Mai wird es sein, deutlich zu machen, dass die Staaten, die die Menschen der damaligen Opfer vertreten, viel mehr sind als Russland. Wir stehen am 8. Mai 2025 also vor drei Aufgaben. Erstens müssen wir diesen Gedenktag, diesen Feiertag, mit Respekt begehen, nicht aus Sorge schweigen, dass es russische Propaganda geben könnte, uns nicht wegducken vor dieser Sorge, dass es russische Propaganda geben könnte, sondern selbstbewusst zeigen, dass wir für ein neues, ein demokratisches, ein freies, ein friedliches Deutschland stehen.
