Dennis Buchner
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Mein Name ist Dennis Buchner, und ich bin vor vielen Jahren als Mann geboren worden und habe mich immer als Mann gefühlt, wie Sie es ausdrücken würden. Ich hatte also nie damit zu kämpfen, mit Stigmata konfrontiert zu werden, wie es Menschen haben, bei denen das nicht so eindeutig ist wie vielleicht bei vielen von uns. [Zuruf von Anne Helm (LINKE)] Bei etwa jeder fünftausendsten Geburt in Deutschland und damit bei etwa 140 bis 150 Geburten im Jahr ist nicht eindeutig erkennbar, welchem Geschlecht das gerade geborene Kind angehört. Das ist dann der Begriff, den wir gerne benutzen, von dem aber offensichtlich gar nicht jeder weiß, was er hier benutzt, der Intersexualität. Und Transidentitäten, Transsexualität – Kollege Walter hat es gerade angesprochen – betrifft etwa 1 Prozent der Erwachsenen, aber 2 bis 3 Prozent übrigens der Jugendlichen. Deswegen hat man aus guten Gründen mit so was wie geschlechtsangleichenden Operationen die Pubertät abgewartet. Ich finde es einen großen Fortschritt, dass gerade diese Gruppe, die massiv stigmatisiert wird, Menschen mit einer Transidentität – also wenn man als Mann mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren wurde, aber sich als Frau fühlt oder umgekehrt –, heute die Möglichkeit bekommen, ihren Personenstand im Ausweis auch dann zu ändern, wenn sie sich vielleicht nicht dafür entscheiden, die geschlechtsangleichenden Operationen machen zu müssen. Das ist eine der Gruppen mit den höchsten Suizidraten in diesem Land, und dieser Gruppe, dieser kleinen Gruppe der Gesellschaft eine Erleichterung zu geben, ist übrigens das, was auch Menschlichkeit, Humanität und Politik ausmacht. Das ist bei Ihnen aber verloren gegangen. [Vereinzelter Beifall bei der SPD – Beifall bei den GRÜNEN und der LINKEN – Vereinzelter Beifall bei der CDU] Im Sport sind wir längst auf einem ganz anderen Weg; das ist heute angeklungen bei allen Kolleginnen und Kollegen. Es geht darum, Menschen zum Miteinander-Sport-treiben zu bringen, völlig unabhängig davon, ob sie dem einen oder dem anderen oder vielleicht auch keinem Geschlecht so eindeutig angehören, ob sie das mit oder ohne Behinderung machen, ob sie es profi- oder leistungssportmäßig machen. Von diesem Weg der Inklusion werden wir uns auch nicht abbringen lassen. Jetzt haben Sie gesagt, Sie wollen niemanden stigmatisieren, Herr Woldeit, haben aber dann hier das Beispiel des Jahres mit Imane Khelif groß gebracht und haben auch hier unterstellt, dass das ein Mann ist. [Karsten Woldeit (AfD): Na ja!] Der Fall ist vermutlich gar nicht so eindeutig, aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass das einer der Fälle von Intersexualität sein könnte, von denen wir 150 Geburten im Jahr haben. In einem muslimisch geprägten Land ist also jemand geboren worden, bei dem es keine äußeren Geschlechtsmerkmale eines Mannes gibt. Dass eine große Partei, dass die Bildzeitung, die Springerpresse quasi zur persönlichen Vernichtung einer solchen Person mit solchen Kampagnen aufruft, ist eine der beschämendsten Angelegenheiten, die ich in meinem politischen Leben erlebt habe. [Beifall bei der SPD, den GRÜNEN und der LINKEN – Vereinzelter Beifall bei der CDU] Jetzt will ich Ihnen zum Abschluss nur noch einen Satz sagen, warum ich diesen ganzen menschlichen Erwägungen, dieser Verantwortung, die wir in der Politik miteinander haben sollten, gerade Minderheiten zu schützen, auch einen sportpolitischen Aspekt beifügen möchte: Wir haben aus guten Gründen in Deutschland nach den Erfahrungen des Dritten Reiches und des Nationalsozialismus die Autonomie des Sports. Der Sport entscheidet selbst in demokratisch gewählten Gremien darüber, was er als Sport versteht, aber auch, wie er das Sporttreiben gestaltet. Da gibt es eben unterschiedliche Auffassungen, übrigens auch bei diesen gerade genannten Fall Imane Khelif. [Zuruf von der AfD: Das haben wir in Paris gesehen!] Da ist die IBA – übrigens eine hochumstrittene Boxvereinigung, nicht überall international anerkannt –, die gesagt hat: Mit diesen Werten nicht –, aber das IOC gesagt hat: Mit diesen Werten schon. – Dieses Recht der Sportverbände, die demokratisch gewählt sind, zu entscheiden, wie sie ihr Sporttreiben organisieren und wie sie mit diesen Fällen von Minderheiten umgehen, ist das Wesen der Autonomie des Sports. Die möchte hier niemand antasten, außer der AfD. Deswegen lassen wir das mit dem Antrag besser. – Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit! [Beifall bei der SPD und der LINKEN – Vereinzelter Beifall bei den GRÜNEN und der CDU]
