Katrin Seidel
Sehr geehrte Damen und Herren! – Herr Präsident! Die Berliner Stadtteilmütter sind ein Erfolgsmodell. Klein und fein in Neukölln gestartet, wirken sie inzwischen in ganz Berlin. Es sind Frauen mit Migrationsgeschichte, die nach einer sechsmonatigen Ausbildung eine wichtige, aufsuchende Familiensozialarbeit leisten. Aufsuchend heißt, Sie gehen beispielsweise in Familien oder Nachbarschaftszentren, auf Spielplätze, in Backshops, Einkaufszentren, in Kitas oder zu den Familien nach Hause, um niedrigschwellig und auf Augenhöhe mit Familien in Kontakt zu treten und Hilfe anzubieten; Familien, die sonst meist sprachliche Probleme haben, sich in unserer Stadtlandschaft zurechtzufinden. Die Sprachbarriere entfällt, die Vertrauensbasis ist groß, denn Namen und Adressen werden nicht dokumentiert. Da kann auch über komplexe, mitunter auch heikle Fragen zur Erziehung oder Gesundheit gesprochen werden. Ganz wichtig: Stadtteilmütter arbeiten gegen Informationsdefizite an und tragen dazu bei, dass Bildungs- und Teilhabechancen besser werden, besonders für Kinder. Denn noch immer ist es so, dass gerade Kinder mit großen Sprachdefiziten in Deutsch nicht in unseren Kitas ankommen. Besonders bei diesem Thema leisten die Stadtteilmütter unschätzbare Aufklärungsarbeit, und die Frauen selbst machen Bekanntschaft mit Arbeitsmöglichkeiten, die auch ihnen vielleicht neue Perspektiven eröffnen. Die Stadtteilmütter arbeiteten zunächst vielfach ehrenamtlich oder gering finanziert über Minijobs, kleine Honorare oder Aufwandsentschädigungen. Aus verschiedenen Töpfen kamen Mittel oder auch nicht, bis 2020 unter der rot-rot-grünen Regierungskoalition ein Landesprogramm Stadtteilmütter der Jugendverwaltung startete, das die Frauen nach einer erfolgreicher Evaluation in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen übernommen hat. Das war ein großer Erfolg. [Beifall bei der LINKEN] Aber auch über das Pilotprojekt Solidarisches Grundeinkommen der damals linken Sozialverwaltung wurden Stadtteilmütter beschäftigt. Nun lief Ende 2024 der Pilot aus, und jetzt muss es darum gehen, dass die wichtige Arbeit der dort beschäftigten Stadtteilmütter weitergeführt werden kann, dass Stellen geschaffen werden und erfahrene Fachkräfte nicht verloren gehen. Darauf zielt der vorliegende Antrag ab. So richtig steht es nicht drin, aber wie wir im Fachausschuss erfahren haben, werden die 52 Stadtteilmütter, die aus dem Solidarischen Grundeinkommen finanziert wurden, in das Landesprogramm überführt. Das ist sehr gut! [Beifall bei der LINKEN – Vereinzelter Beifall bei der SPD] Gut wäre es auch gewesen, wenn dies früher transparent gemacht worden wäre und sich nicht alle mühselig die Informationen hätten zusammensammeln müssen. Speziell in diesem Fall hätte man sich und den betroffenen Frauen die ganze Verunsicherung sparen können. Wie hier beantragt, braucht es eigentlich kein neues Konzept. Das Landesprogramm hat schon eines. Es kommt eher darauf an, dieses realitätsnah weiterzuentwickeln und gegebenenfalls die Zugangskriterien zum Programm zu überdenken. Liebe Frau Usik! Beispielsweise müsste überprüft werden, ob das bisherige Kriterium Teilzeitarbeit nicht aufgehoben wird und Stadtteilmütter auch in Vollzeit arbeiten dürfen. Stattdessen könnte der geplante schnelle zahlenmäßige Aufwuchs der Beschäftigten auf 300 Personen etwas verlangsamt werden. Die Träger brauchen Mittel für Neben-, Sach- und Verwaltungskosten. Das spielt in das Thema hinein, das Frau Haghanipour angesprochen hat, dass neben der Arbeit auch andere Kosten anfallen, die derzeit nicht ausgeglichen werden. Derzeit ist es tatsächlich so, dass einige Träger der Stadtteilmütter-Angebote überlegen, ob sie sich das noch leisten können oder ob sie das Angebot auslaufen lassen. Die Rahmenbedingungen müssen also verbessert werden, und es geht auch darum, ein neues Berufsbild zu entwickeln. Das wird seine Zeit brauchen, eilt jetzt nicht, aber ein Anfang wird gemacht. Kurz in Richtung der AfD, die das ganze Angebot Stadtteilmütter abschaffen will, denn das Programm, meinen sie, untergräbt professionelle Sozialarbeit: Das tut es nicht. [Alexander Bertram (AfD): Tut es doch!] Sie wird im Gegenteil unterstützt, da Stadtteilmütter Brückenbauerinnen zu professionellen Bildungs- und Unterstützungsangeboten in unserer Stadt sind und die Familien erreichen, die bei professionellen Angeboten sonst eher Berührungsängste haben. Die Arbeit der Stadtteilmütter gegen die Zuschüsse für Klassenfahrten auszuspielen, das verstehe ich überhaupt nicht. Das kommt vielleicht gut in Ihrer Bubble an, aber egal. [Alexander Bertram (AfD): 25 Prozent Bubble!] Ihnen geht es ja grundsätzlich um die Ablehnung von Integrationsarbeit. Integration ist keine einseitige Bringschuld. Sie ist eben keine Einbahnstraße. Sie ist und bleibt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, und deshalb brauchen wir die Stadtteilmütter. – Herzlichen Dank! [Beifall bei der LINKEN – Vereinzelter Beifall bei den GRÜNEN]
