Wiebke Neumann
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Die Antragseinbringung war schon schwer erträglich und roch sehr nach Kulturkampf und Fake News. In dem Antrag wird so getan, als würden Pubertätsblocker ungefragt an jeder Ecke an Jugendliche ausgegeben. Vielleicht informieren Sie sich da noch mal richtig, aber vermutlich, das zeigt die Erfahrung, werden Sie das nicht tun, denn die Fakten spielen ja kaum eine Rolle. Pubertätsblocker werden, das wurde bereits gesagt, immer im ärztlichen Setting eingesetzt, psychotherapeutisch begleitet und fachärztlich betreut und das auch nicht von heute auf morgen, sondern mit viel Beratung, Aufklärung und Zustimmung. Ich möchte über die Transpersonen sprechen, denen Sie hier ihr Selbstbestimmungsrecht absprechen möchten, um Ihren Kulturkampf zu führen. Rund 1 Prozent aller Menschen, sagen Schätzungen, hadern mit ihrem biologischen Geschlecht, und natürlich betrifft das auch Jugendliche. Oft leiden diese ganz erheblich darunter, und sie leiden nicht wegen Pubertätsblockern darunter, sondern wegen solcher Debatten und Menschen wie Ihnen, wegen gesellschaftlicher Vorurteile, wegen Unverständnis, wegen Unwissenheit und, ja, auch wegen Hass und Gewalt. [Beifall bei der SPD, den GRÜNEN und der LINKEN] Und weil letzte Woche auch der Magnus-Hirschfeld-Tag war und wir ein bisschen in die Historie geschaut haben: Trans war nie ein Trend. Trans war immer Realität und ist Teil unserer Gesellschaft und ist es auch heute, ob das jetzt in Ihr Weltbild passt oder nicht. [Beifall bei der SPD, den GRÜNEN und der LINKEN] Sie schreiben, dass Sie angeblich Kinder und Jugendliche schützen wollen. [Karsten Woldeit (AfD): Nicht angeblich!] Dazu hätte ich den Tipp, dass das Recht auf Selbstbestimmung auch über den eigenen Körper nicht erst ab dem 18. Geburtstag beginnt. [Karsten Woldeit (AfD): Aha!] Transjugendliche haben einen großen Leidensdruck, auch das wurde hier schon genannt. Es gibt beim Transsein sehr viel Stigmatisierung und Diskriminierung. Viele erleben das eigene Coming Out als sehr belastend, und auch das wirkt sich negativ auf die psychische Gesundheit aus. Vor diesen negativen Erfahrungen, vor diesen Belastungen, davor müssen wir die Jugendlichen schützen. Im Monitoringbericht „Trans- und homophobe Gewalt in Berlin“ wird auch deutlich, dass bei queeren Personen die Transpersonen noch mal in ganz besonders erhöhtem Maße von Gewalt betroffen sind. [Karsten Woldeit (AfD): Von welcher Tätergruppe?] Die Betroffenen sind anhaltend genötigt, sich mit transfeindlicher Gewalt und Hetze auseinanderzusetzen, [Zuruf von Karsten Woldeit (AfD)] und auch hier würde ich sagen: Davor müssen wir die Jugendlichen schützen. [Beifall bei der SPD, den GRÜNEN und der LINKEN – Zuruf von der AfD: Wer sind denn die Täter?] Im Koalitionsvertrag kommt elfmal „trans“ vor; das muss für Sie von der AfD ja ganz furchtbar sein. Für uns ist das selbstverständlich und eine Verantwortung. Es gibt die Inter*Trans* Beratung, es gibt neu die TIN*-Antigewaltberatung, es gibt großartige Fortbildungen in Schulen und Kitas für Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher, beispielsweise auch von der Fachstelle Queerformat. Es gibt Peer-to-Peer-Angebote und viel Austausch. Das ist das, was wir unterstützen wollen, und das ist das, was wir ausbauen wollen und müssen. Zum Abschluss noch ein Hinweis auf Ihren letzten Satz im Antragstext und die von Ihnen gewünschte Medienkompetenz: Damit meinen Sie natürlich etwas anderes. Ich bin auch für gute Medienkompetenz bei Minderjährigen, die Dargestelltes infrage stellt; dann wird nämlich auch Ihre Hetze und Ihr Populismus viel besser erkannt. Ich hätte noch den Tipp, dass der Kollege Hopp auf Instagram und TikTok gerade einiges dafür tut, auch Ihre Fake News zu entlarven. Vielleicht schauen Sie mal rein und lernen noch was. – Danke! [Beifall bei der SPD und den GRÜNEN – Vereinzelter Beifall bei der LINKEN – Alexander Freier-Winterwerb (SPD): Wuhuhu!]
