Sevim Aydin
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich freue mich, heute über ein Thema zu sprechen, das berufliche Chancen für Jugendliche eröffnen soll, nämlich die Einführung des 11. Pflichtschuljahres, welches wir als riesige Chance für junge Menschen begreifen und damit nicht mehr als Pflicht, sondern als ein Berufschancenjahr verstehen. Dieses Thema ist für uns als SPD-Fraktion von enormer Bedeutung, sodass wir es auch im aktuellen Koalitionsvertrag durchgesetzt haben und in der laufenden Schulgesetzänderung umsetzen, denn jährlich verlassen etwa 3 000 Schülerinnen und Schüler in Berlin die 10. Jahrgangsstufe ohne Anschlussperspektive. Diese jungen Menschen sind weder beruflich noch lebensorientiert, und sie benötigen dringend Unterstützung. Mit der Einführung und Ausgestaltung des Berufschancenjahres wollen wir dieser Entwicklung entgegenwirken und für Jugendliche ohne reguläre Berufsausbildung nach der 10. Klasse konkrete Perspektiven für ihren beruflichen Weg schaffen. Unser Ziel ist es, jedem jungen Menschen in unserer Stadt die besten Chancen auf eine erfolgreiche Zukunft zu bieten. Wir als SPD-Fraktion wollen mit dieser Ausweitung der Schulpflicht sicherstellen, dass niemand auf der Strecke bleibt. Mit dem vorliegenden Antrag unterbreiten wir konkrete Vorstellungen für die Ausgestaltung des Berufschancenjahres. Ein zentraler Baustein des Konzeptes ist es, die Integrierte Berufsausbildungsvorbereitung, das heißt IBA, zu reformieren und differenziert nach Zielgruppen passgenaue Angebote anzubieten, um den Bedürfnissen der nicht orientierten Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden. Konkret bedeutet das, dass wir abhängig davon, welchen Schulabschluss der jeweilige Schüler beziehungsweise die jeweilige Schülerin anstrebt, den Anteil der Praxislernphasen erhöhen oder verringern. Das heißt, je niedriger der angestrebte Schulabschluss, desto höher ist der Anteil der Praxislernphasen und desto geringer ist der Anteil des berufsübergreifenden Unterrichts. Für die Gruppe der Schulfernen, die durch das Berufschancenjahr unterstützt werden sollen, setzen wir auf einen hohen Anteil von Praxisorientierung in Kooperation mit Unternehmen, aber auch auf bestehende Übergangsangebote. Hier ist eine branchenübergreifende Ausrichtung des IBA-Lehrgangs anstelle einer berufsfeldspezifischen Orientierung entscheidend, um den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu geben, ihre Kompetenzen zu erkunden. Wir wollen die Gruppe der schulfernen Jugendlichen nicht klassisch beschulen, sondern sie praxisorientiert an ihre Kompetenzen und Interessen heranführen, damit sie ihre Berufswünsche realisieren können und nicht zurückbleiben. Gerade Schülerinnen und Schüler aus sozial benachteiligten Haushalten brauchen individuelle Betreuung und Unterstützung zur Selbstwirksamkeit. Deshalb ist es auch wichtig, ein verpflichtendes Angebot für diese Zielgruppe einzurichten und sie im Schulsystem zu behalten, damit sie auch Halt haben. Nur auf diesem Weg können wir ihnen passgenaue Angebote unterbreiten und ihnen berufliche Perspektiven und damit die Chance auf ein gutes Leben durch Bildung ermöglichen, denn zahlreiche Studien belegen, dass junge Menschen ohne Schul- und Berufsabschluss meist in Arbeitslosigkeit landen und in Transfersysteme driften, und gerade das wollen wir als Sozialdemokraten vermeiden. Aus unserer Sicht ist es richtig, das Berufschancenjahr an Berufsschulen beziehungsweise Oberstufen zu verorten, weil diese am besten auf die Berufsfähigkeit ausgerichtet sind. Zudem möchte ich anmerken, dass die Einführung eines Berufschancenjahres uns nicht daran hindert, zukünftig die Berufsorientierung an den allgemeinbildenden Schulen zu verbessern und zu optimieren. Vielmehr erhält die Debatte über das Projekt neuen Aufwind und rückt weiter in den Fokus aller Beteiligten. Für uns als SPD ist klar, wir müssen die Berufsschullehrkräfte der Oberstufenzentren in den BSO-Teams der abgebenden Schulen mit einem klaren, definierten und umfassenden Aufgabenbereich versehen. Die BSO-Lehrkräfte sollten die Schülerinnen und Schüler persönlich und dokumentiert begleiten und sicherstellen, dass keine Schülerin und kein Schüler in diesem Prozess verlorengeht. Entscheidend dabei ist der Aufbau einer persönlichen und individuellen Begleitung, die die sozial benachteiligten Jugendlichen so dringend benötigen. Wir sind uns im Klaren darüber, dass die Oberstufenzentren beziehungsweise die Ankerschulen eine Aufstockung der Ressourcen bezüglich der BSO-Teams und die Bildungsbegleitung in den IBA-Lehrgang vor allem im nächsten Haushalt benötigen. Dazu werden wir mit aller Kraft um die verfügbaren Mittel kämpfen, um diese zielgerichtet in die Zukunft unserer Jugend zu investieren. Dabei möchte ich aber auch die Wirtschaft nicht aus der Haftung lassen, denn sie steht in der Pflicht, die Praktikumsplätze bereitzustellen. Zum Schluss möchte ich betonen: Wir als SPD stehen für ein Bildungssystem, das niemanden zurücklässt und einem jungen Menschen die bestmöglichen Chancen bietet. Das Berufschancenjahr ist ein wichtiger Baustein auf diesem Weg, den die SPD aktiv vorantreibt und dessen Ausgestaltung wir nicht vorrangig der Exekutive überlassen wollen.
