Marcel Hopp
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist hier völlig Konsens, dass die Berufsorientierung entlang der Bildungskette wichtig ist, vor allem für uns als Sozialdemokratie. Da der Aufstieg durch gute Bildung und durch durchlässige Bildung immer wichtig ist, war die Stärkung der Berufsorientierung in den letzten Jahren von zentraler Bedeutung, und das ist sie auch weiterhin. [Beifall bei der SPD – Vereinzelter Beifall bei der CDU] Uns geht es dabei aber – anders als im ersten Absatz des vorliegenden Antrags – nicht um eine marktkonforme Berufsorientierung, die wegen des Fachkräftemangels neu zu denken ist. Dieser analytischen Grundlage des Antrags möchte ich hier grundsätzlich widersprechen und bin, offen gesagt, verwundert darüber, liebe Linksfraktion, dass Sie einen solchen Satz widerspruchslos hinnehmen. [Zuruf von Franziska Brychcy (LINKE)] Wenn Sie ein antikapitalistisches Grundlagenseminar brauchen, melden Sie sich bei mir! Ich mache das sehr gerne! [Heiterkeit bei der SPD – Lachen bei der LINKEN] Uns geht es bei der Berufsorientierung entlang der Bildungskette um zwei zentrale Aspekte. [Katina Schubert (LINKE): Fachkräfte werden auch im Sozialismus gebraucht! – Zuruf von der SPD] Erstens: Die Berufsorientierung orientiert sich nicht nach dem Markt, sondern ausschließlich nach den individuellen Bedürfnissen, Interessen, Kompetenzen und der Entwicklung des Kindes. Wir wollen selbstständige, mündige, handlungsfähige Menschen fördern, die sich ausprobieren, entfalten können, ein Leben lang dazulernen und ihren eigenen Weg im Leben – und damit eben auch im Berufsleben – finden. [Franziska Brychcy (LINKE): Ausbildungsplätze, Herr Hopp!] Zweitens – ich bin gleich so weit – ist neben dem Individuum systemisch betrachtet das oberste Ziel: Kein Kind darf verloren gehen. [Beifall bei der SPD – Vereinzelter Beifall bei der CDU] Eine starke Berufsorientierung hilft aktiv, die Übergänge hürdenfreier zu organisieren und die Abbrecherquoten in Schule und Ausbildung substanziell zu senken. Deshalb ist ein zentrales Umsetzungsziel dieser Koalition auch das 11. Pflichtschuljahr, das den Übergang von Schule in Ausbildung in dieser Hinsicht fundamental verbessern wird – ein absolut wichtiger Schritt für gute, durchlässige Bildung und für mehr Chancengerechtigkeit für junge Menschen. [Vereinzelter Beifall bei der SPD – Beifall von Sandra Khalatbari (CDU) und Lisa-Bettina Knack (CDU)] Ich möchte mich bei Ihnen, liebe Grüne und liebe Linksfraktion, dennoch für Ihren Antrag bedanken, weil er einen weiteren Anlass dafür schafft, über das wichtige Thema Berufsorientierung zu sprechen. Das können wir dann gerne im Ausschuss vertiefen. Inhaltlich gehen wir mit einzelnen Forderungen des 15-Punkte-Plans mit; allerdings ist das Gros Ihrer Forderungen für uns auch viel alter Wein in neuen Schläuchen und eher eine lose Aneinanderreihung von Einzelmaßnahmen als wirklich ein Gesamtkonzept. Von daher ist dem Antrag in jetziger Form leider nicht zuzustimmen, liebe Frau Brychcy. [Franziska Brychcy (LINKE): Das ist aber schade, Herr Hopp!] Was mir zum Abschluss aber noch wichtig ist zu sagen: Wer heute die berechtigte Forderung stellt, die Berufsorientierung neu zu denken, darf unter keinen Umständen die Auswirkungen des digitalen Wandels auf die Berufswelt außer Acht lassen. Genau das tun Sie aber mit Ihrem Antrag: kein Wort zur digitalen Transformation und dazu, wie sie in der Berufsorientierung und im Unterricht mitzudenken ist. Zukunftsforscher sagen uns jetzt aber deutlich: Zwischen 60 und 70 Prozent unserer Kinder werden in 15 Jahren in Berufen arbeiten, die es heute noch gar nicht gibt. – Das heißt, diese ernst zu nehmende Einschätzung zwingt uns tatsächlich dazu, die Berufsorientierung und die Kompetenzorientierung im Unterricht noch konsequenter zu verstärken, noch enger zu verzahnen, und ja, auch an einigen Stellen fundamental neu zu denken. Die Zeit der Berufswahltests, die am Ende sagen, welcher Job zu mir passt, ist definitiv vorbei. Über den fachlichen Austausch darüber freuen wir uns sehr. – Vielen Dank! [Beifall bei der SPD – Vereinzelter Beifall bei der CDU]
