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Franziska Becker

SPD 21.09.2023 Sitzungen 19/35

Kollege Schulze! Kollege Zillich! Ich frage mich ja schon, welche Rede Sie heute gehalten hätten, wenn es keine Wiederholungswahl gegeben hätte. Ich finde es schon bemerkenswert, wie Sie sich hier einen schlanken Fuß machen. [Beifall bei der SPD und der CDU – Anne Helm (LINKE): Dazu hat Herr Zillich doch eine Menge gesagt! Das ist ja billig! Sie haben leider nicht zugehört! – Lachen von Torsten Schneider (SPD)] Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! Während die Haushaltsplanung die in Zahlen gegossene Politik einer Regierung ist, bildet die Finanzplanung sozusagen die Großwetterlage für die nächsten Jahre ab. – Nein, bitte keine Zwischenfragen! Danke! Sie hatten ja eben Ihre Redezeit – fürs erste hatten wir uns dazu bereits vor zwei Wochen und gestern im Hauptausschuss ausgetauscht. – Die einen reden schon heute von einem Voodoo-Haushalt, die anderen von in Zahlen gegossenem Risiko. Ich sage: Ja, die Lage ist ernst, mir erschließt sich auch heute noch nicht alles, doch werden wir die Aufgabe gemeinsam bewältigen müssen. Nach guten Haushaltsjahren haben uns mehrere Krisen überrumpelt, die sich folgenschwer auf Menschen, Märkte und Preisen ausgewirkt haben. Um die Folgen von Corona, Krieg und einbrechender Konjunktur zu bekämpfen, wurden umfangreiche Hilfs- und Entlastungsprogramme aufgelegt, um soziale Härten abzufedern. Das uns jetzt Zins und Inflation die Haushalte versauen, nachdem Berlin gut durch die Krise gekommen ist, verdüstert den Ausblick. Wir haben viel Geld in den Kreislauf gepumpt, und das jährliche Haushaltsvolumen um fast 10 Milliarden Euro ab 2020 erhöht, um entsprechende Ausgaben tätigen zu können. Der vorliegende Haushaltsentwurf hat ein Volumen von fast 40 Milliarden Euro jeweils für 2024 und 2025. Es ist ein Haushalt, der sich am Scheideweg befindet und nun wieder in den Normalmodus zurückzuführen ist. Zurückführen heißt, auf das Ausgabenniveau, das sich bei einem planmäßigen Wachstum von angenommenen 3 Prozent pro Jahr ergeben würde. Nominal betrachtet, also Inflation und Zinssteigerung rausgerechnet, wären das laut Finanzplanung für 2026 38,8 Milliarden Euro und für 2027 39,5 Milliarden Euro. Real betrachtet bedeutet das – und das hat Finanzsenator Evers bereits ausführlich dargelegt –, dass wir gefordert sind, über Einsparungsbedarfe zu reden. Gleichwohl ist es unsere politische Absicht, Bereiche wie die innere Sicherheit oder die Wohnraumförderung zu stärken. Wie habe ich mir eine Rückkehr in den Normalmodus vorzustellen? Oder anders herum gesprochen, Kollege Evers, wie kann Berlin künftig mit weniger Geld besser funktionieren? – Es kommt zwar nicht alles ganz überraschend, aber die Vorstellung, unattraktive Wahrheiten auszusprechen und Taten vorzunehmen, die weh tun, ist sicherlich die am wenigsten attraktive Aufgabe einer Parlamentarierin. [Frank-Christian Hansel (AfD): Deshalb machen wir das!] Was heißt es etwa – das können Sie in der Finanzplanung nachlesen –, dass bei disponiblen Zuwendungen und Zuschüssen überproportional gekürzt werden muss? – Das wird Gegenstand politischer Abwägungen und Entscheidungen sein, nicht zuletzt ein Riesenspagat. Wir werden in den nächsten Wochen und Monaten intensiv über Strategien debattieren. Ich lade alle Demokratinnen und Demokraten ein, sich mit uns konstruktiv kritisch auseinanderzusetzen. Die Debatte mit der Stadtgesellschaft ist nötig. Am Ende werden Entscheidungen getroffen. Es ist richtig, mit diesem Prozess rechtzeitig und jetzt zu beginnen. [Beifall bei der SPD – Beifall von Stephan Schmidt (CDU)] Der Finanzsenator hat den steinigen Weg ausgabenseitig vorgezeichnet. Wir reden über einen Handlungsbedarf von 3,3 Milliarden Euro, der 2026/2027 aufzulösen ist. Dazu lösen wir in den kommenden Jahren – das wurde hier bereits erwähnt – sämtliche Reserven auf, die in den letzten Jahren als Rücklagen gebildet wurden; über 4 Milliarden Euro, um das strukturelle Finanzierungsdefizit auszugleichen. Die Verwaltungsressorts werden angehalten, Pauschale Minderausgaben über 1,5 Milliarden Euro aus ihren Haushalten zu bilden, sprich: Projekte einzusparen, die letztlich auch über 2024 und 2025 hinausgehen. Ob und wie das genau umgesetzt wird, kann ich hier noch nicht abschätzen. Auch mit Blick auf die Königsdisziplin Haushaltsrecht ist das kritisch. Dass es einfach wird, hat aber auch niemand behauptet. Vor zwei Wochen sprachen wir über weitere Haushaltsrisiken, deren Höhen noch nicht beziffert sind, etwa der Zensus oder die Flüchtlingsbewegungen. Ich begrüße es daher, dass sich der Senat künftig intensiver mit Risikoanalysen befassen wird, wie mit möglichen Eintrittswahrscheinlichkeiten von Haushaltsrisiken umzugehen ist, wie man besser reagieren kann und resilienter wird. Möglicherweise ist das ein Thema für die Haushaltsauflagen. Bei den Investitionen musste streng priorisiert werden. Sie werden auf knapp 9,5 Prozent der Gesamtausgaben zurückgefahren. Schwerpunkt bildet der Schulbau. Das Klimasondervermögen ist in den Betrachtungen nicht berücksichtigt. Zur Wahrheit gehört auch, dass gerade in krisenbehafteten Zeiten investive, denn konsumtive Ausgaben zum Sparopfer werden, weil es auf den ersten Blick weniger weh tut, Investitionen nach hinten zu schieben. Ich finde das aus Politikersicht nachvollziehbar, weil so schmerzliche Wahrheiten vollzogen werden. Andererseits ist es ökonomisch betrachtet der falsche Weg, weil mit Investitionen ein Vielfaches an Einnahmen generiert wird und die infrastrukturelle Substanz auf den für künftige Generationen neuesten Stand gebracht wird. Ich befürchte allerdings, dass es genau so nicht geschehen wird, nämlich gemeinsam Aufgaben kritisch zu analysieren, wie die knappen Mittel auf die wirklich Bedürftigen in dieser Stadt aufzuteilen sind, wo Resilienz gestärkt und vulnerable Bevölkerungsgruppen geschützt werden können. Wir brauchen jetzt ein dichtes Netz an sozialen Angeboten, wie etwa die Bibliotheken als Dritte Orte in den Bezirken, und nicht eine ZLB, die uns kostenmäßig in den Wahnsinn treiben würde. [Beifall bei der SPD] Mit Sparvorschlägen halte ich mich zurück. Gleichwohl kommen wir nicht darum herum, uns im Parlament darüber Gedanken zu machen. Gestern im Hauptausschuss hatte mein Kollege Schneider ein paar interessante Punkte angeschnitten, etwa – das hatte ich bereits erwähnt – die Kürzungslogik bei investiven versus konsumtiven Ausgaben infrage zu stellen oder beim Stichwort Stellenbesetzung beziehungsweise Nichtbesetzungen in den Hauptverwaltungen und Bezirken. Stellen sind nicht allein in der Dimension nicht besetzt, weil sich niemand findet, hier steckt eine politische Logik dahinter. Stellen sind ungleich Menschen und bislang haushälterisch einseitig deckungsfähig gestellt, sodass sie auch für andere Mittel als für Stellen verwendet oder eben eingespart werden können. Man kann das als schwere Fehlsteuerung betrachten, die abgestellt gehört. Wir werden darüber sprechen und Vorschläge erarbeiten. Ebenso sollten wir uns beim Thema gesamtstädtische Unterbringung der Verwaltung ehrlich machen, insbesondere mit Blick auf neuere außerhäusige Arbeitsformen. Ich komme zum Schluss: Den Blick auf die Einnahmeseite schaffe ich aus Zeitgründen leider nicht mehr. Da sieht es aktuell noch eher mau aus. Mir fällt da einzig und allein die Ausweitung der Übernachtungsteuer ein. Auch das werden wir zu besprechen haben. [Beifall von Mathias Schulz (SPD) – Beifall von Sebastian Schlüsselburg (LINKE)] Für heute bedanke ich mich für Ihre Aufmerksamkeit. Ich freue mich auf die weiteren Debatten im Hauptausschuss und hier im Plenum. – Vielen Dank! [Beifall bei der SPD – Vereinzelter Beifall bei der CDU]

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