Iris Spranger
Sehr verehrte Frau Präsidentin! Sehr verehrte Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete! Sehr geehrte Athletinnen und Athleten! Liebe Karin, lieber Philipp! Ich bedanke mich bei den Koalitionsfraktionen, dass sie heute genau diesem Thema in der Aktuellen Stunde die Aufmerksamkeit geben, denn dieses Thema gibt es allemal her, genau heute diese Präsenz zu haben. – Herzlichen Dank dafür! [Beifall bei der SPD und der CDU] Vorherigen Sonntag gingen die Special Olympics World Games mit einer großen Party zu Ende. Rund 20 000 Menschen feierten noch mal mit Bühnenprogramm, Zusammensein und einem Feuerwerk am Brandenburger Tor. Athletinnen und Athleten mit geistiger Behinderung, Mehrfachbehinderung und Beeinträchtigungen aus 176 Ländern hatten sich zuvor in 26 spannenden Sportarten miteinander gemessen. Die Weltspiele, die seit 1968 alle vier Jahre ausgetragen werden, fanden dieses Jahr zum ersten Mal in Deutschland statt. Es war das größte Multisportevent in Deutschland nach den Olympischen Spielen in München 1972. Ohne Übertreibung kann ich hier klar sagen: Dieses Fest der Freude am Sport bot der Inklusion eine bisher einmalige Bühne. Es war ein rauschendes Sportfest. [Beifall bei der SPD und der CDU – Beifall von André Schulze (GRÜNE) und Anne Helm (LINKE)] Es wird als besonderer Höhepunkt nicht nur in die Geschichte Berlins eingehen. Berlin kann wirklich stolz darauf sein, dass wir die Weltspiele austragen durften. Schon die Ankunft der Flamme der Hoffnung am BER war für mich sehr bewegend. Die wunderbare Eröffnungsfeier am 17. Juni im Olympiastadion verfolgten rund 50 000 Zuschauerinnen und Zuschauer live im Stadion. Ich durfte mit der Delegation von Togo einlaufen – das war wirklich Gänsehaut pur. Gut 7 Millionen TV-Zuschauende haben der Berichterstattung zur Eröffnungsfeier – nur zur Eröffnungsfeier! – bei RBB und ARD zugesehen. Hinzu kamen unzählige weitere Medienberichte und Liveschalten vor allen Dingen in Sportsendungen während der Weltspiele. Nicht nur in Deutschland war das Interesse riesengroß. Weltweit haben viele Millionen Menschen die Berichterstattung über die Special Olympics verfolgt, und das zu Recht: Tag für Tag wurden sportliche Höhepunkte geboten. Über einen Zeitraum von neun Tagen traten verteilt über neun Sportstätten rund 6 500 Athletinnen und Athleten und Unified-Partner aus aller Welt in fairen sportlichen Wettkämpfen miteinander an. Deutschland stellte dabei – auch das wurde hier schon gesagt – mit insgesamt 573 Aktiven das größte Team. Unterstützt wurden die Aktiven von gut 16 500 freiwilligen Helferinnen und Helfern aus 126 Ländern. Rund 5 000 Helferinnen und Helfer kamen alleine aus Berlin. Manchmal waren es komplette Belegschaften von Unternehmen, die sich bereit erklärt haben, ehrenamtlich mitzuwirken. Dafür ein herzliches Dankeschön! [Beifall bei der SPD und der CDU – Vereinzelter Beifall bei den GRÜNEN, der LINKEN und der AfD] 1 100 Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter, 71 Übersetzerinnen und Übersetzer, rund 3 000 Trainerinnen und Trainer und Betreuende sorgten für einen reibungslosen Ablauf der Spiele. Mehr als 100 000 Tickets, und damit deutlich mehr als erwartet, wurden verkauft. Insgesamt 330 000 Zuschauende verfolgten die Wettbewerbe live. Bei den Wettkämpfen wurden 4 002 Medaillen und 6 670 Auszeichnungen vom vierten bis zum achten Platz von den Aktiven und vom Publikum mit viel Jubel gefeiert. Die deutsche Mannschaft gewann über 150 Medaillen. Mich berühren die Weltspiele noch immer sehr. Hinter jeder Athletin und hinter jedem Athleten steht eine ganz besondere Geschichte. Eltern wurde vielleicht mitgeteilt, dass ihr Kind ein Problem sein werde, eine Belastung allemal, dass es nie leistungsfähig sein könnte. Den Kindern begegnete vielfach Ablehnung, Ausgrenzung bis hin zu Hass. Ihnen wurde und wird immer noch zu oft die Teilhabe an der Gesellschaft faktisch verweigert. Und dann machen genau diese Menschen bei den Special Olympics World Games mit und repräsentieren ihr Heimatland vor einem Weltpublikum. Die Athletinnen und Athleten tun das mit Ehrgeiz, Lebensfreude und mit ganz viel Stolz. Zigtausende waren dabei, feuerten an, applaudierten und spornten damit die Athletinnen und Athleten zu noch mehr Höchstleistungen an. Ich habe auch einige Wettbewerbe besucht. Wer die vor Glück strahlenden Augen gesehen hat, wird das nicht mehr vergessen; auch mir geht es so. Werte wie Anerkennung und Respekt sind bei den Special Olympics auch angesichts der mit einem so großen Event einhergehenden Professionalisierung und des Wettbewerbscharakters der sportlichen Spiele von großer Bedeutung. [Beifall bei der SPD und der CDU] Nicht nur die Berlinerinnen und Berliner haben sich mitreißen lassen. Wer in der Stadt unterwegs war, konnte den Eindruck gewinnen, dass ganz Berlin auf den Beinen ist. Allein bei den Radsportwettbewerben auf der Straße des 17. Juni und dem Sportfest des Landessportbundes Berlin waren gut 70 000 Besuchende. 15 000 Menschen – auch das wurde hier schon gesagt – nutzten das Screeningangebot des speziell für die Athletinnen und Athleten geschaffenen Gesundheitsprogramms. Die internationale Gesundheitsinitiative wurde dazu 1997 gegründet. Sie hat sich auf die Bedürfnisse von Menschen mit geistiger Behinderung spezialisiert. Das Programm bietet – und deshalb betone ich das hier auch noch mal – Teilnehmenden kostenlose Gesundheitsuntersuchungen, Aufklärung und natürlich Empfehlungen zur Weiterbehandlung, insbesondere auch an die Betreuenden, in einer barrierefreien Umgebung. Es hilft den Athletinnen und Athleten, ihren gesundheitlichen Zustand selbstständig einschätzen und mitteilen zu können sowie gesundheitliche Risiken besser zu erkennen; das Ganze auch zum Mitnehmen in sieben Sprachen für alle Möglichkeiten hinterlegt. Über 100 Personen an medizinischem Personal hatten sich ehrenamtlich dafür zur Verfügung gestellt. Ergänzt wurde das Sportprogramm durch ein vielfältiges Kulturprogramm. Als Beispiele nenne ich hier den Kulturabend im Friedrichstadtpalast oder das Dinner im Tierpark Berlin. Das ist es, was die Weltspiele ganz besonders, so bedeutsam und auch unverwechselbar gemacht hat. Es war ein Fest für und der Inklusion. Auch alle anderen, die die Special Olympics miterlebt haben, werden den Gedanken der Inklusion natürlich weitertragen. Für Berlin und die teilnehmenden Bezirke war das Host-Town-Programm ein großer Gewinn. Es gab beeindruckende inklusive Projekte und viel Raum für Begegnungen zwischen Berlinerinnen und Berlinern und den Gästen. Mit dem Konzept, die Wettbewerbe an vielen Orten in der ganzen Stadt auszutragen, ist es uns gelungen, den Gedanken der Inklusion und Nachhaltigkeit in die Sportmetropole zu tragen und für alle Berlinerinnen und Berliner sowie die Gäste der Weltspiele sichtbar werden zu lassen. [Beifall bei der SPD und der CDU] Natürlich gilt es jetzt, die Impulse aus dieser Veranstaltung und dem Nachhaltigkeitsprogramm zu nutzen. Unsere Aufgabe ist es, die Inklusion in der Gesellschaft zu leben und damit auch voranzubringen. Die Special-Olympics-Bewegung insgesamt hilft, das gesellschaftliche Bewusstsein für Menschen mit geistiger oder Mehrfachbeeinträchtigung zu schärfen. Das Thema Inklusion bekam durch die Spiele in Berlin nun endlich auch die mediale und vor allem gesellschaftliche Aufmerksamkeit, die es dringend braucht und verdient. Es zeigt zugleich auch die Entwicklungen und Anstrengungen der vergangenen Jahre, Berlin hin zu einer inklusiven Sportmetropole zu entwickeln. Natürlich gab es auch vor den Weltspielen schon inklusive Sportangebote in der Stadt. Trotzdem müssen wir ehrlich sein: Es ist noch sehr viel zu tun. Leider gibt es immer noch Vorurteile und Berührungsängste. Inklusion wird erst dann Normalität sein, wenn wir nicht mehr darüber sprechen müssen. [Beifall bei der SPD und der CDU] – Genau! – Die schon vor den Weltspielen initiierten 14 Projekte des Nachhaltigkeitsprogramms „Inklusion ’23“ wurden alle erfolgreich umgesetzt und waren auch während der Weltspiele absolut präsent, so zum Beispiel mit inklusiven Musik- oder Tanzgruppen oder inklusiv gestalteter Berichterstattung. Die Projekte werden sicherlich für steigende Sensibilität und weitere Initiativen für die Inklusion sorgen. Bereits jetzt zählt dazu das Inklusionsmanagement, das beim Landessportbund Berlin angesiedelt ist und Berliner Verbände und Vereine in Inklusionsfragen berät – ein Beispiel, das Inklusion in den Berliner Sportstrukturen nachdrücklich stärkt. Im Bewegungsförderprogramm „Sport im Park“ wurden 140 Übungsleitende gezielt zum Thema Outdoorsport für Menschen mit Behinderung geschult. Bereits jetzt sind 80 Prozent aller Sportangebote inklusiv. Schon im Vorfeld der Special Olympics hat der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg die barrierefreie App Olympklusion zur Fahrgastinformation für die Zielgruppe Menschen mit geistiger Beeinträchtigung eingeführt. Die App ergänzt die vorhandenen Informationsangebote für mobilitätseingeschränkte und blinde beziehungsweise sehbehinderte Menschen in der VBB-App Bus und Bahn. Das sind nur einige Beispiele, an denen erkennbar wird, dass Inklusion auch wirklich nachhaltig in unseren städtischen Strukturen erlebbar gemacht wird. Bei Baumaßnahmen im Sport muss der Aspekt der Inklusion und bestmöglicher Barrierefreiheit eine entscheidende Rolle spielen. Im Rahmen von ohnehin geplanten Neubauten und Sanierungen von Sportanlagen sollen in jedem Berliner Bezirk mindestens zwei inklusive Sportstätten entstehen. Hervorheben möchte ich den Neubau des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks als vollständig inklusiven Sportpark in Berlin. Der Sportpark wird als barrierefreie, klimaneutrale und ökologisch nachhaltige Sportstätte ein Aushängeschild der inklusiven Sportmetropole Berlin werden. Daher wird dieses Projekt mit seinen Bauphasen auch prioritär behandelt, was die Ertüchtigung und Instandsetzung und natürlich voll inklusive Voraussetzungen angeht. Das Thema soziale Nachhaltigkeit spielt auch – und da möchte ich jetzt ein nächstes Sportereignis nennen – für die Fußballeuropameisterschaft im kommenden Jahr eine große Rolle. Für die UEFA EURO 2024 wurde dazu ein Nachhaltigkeitskonzept entwickelt. Wir gehen zahlreiche Maßnahmen, zum Beispiel für das Olympiastadion, an. Geplant beziehungsweise in Bearbeitung sind zum Beispiel der Umbau der Eingangsanlagen auf personenhohe Drehkreuze – damit verbessern wir selbstverständlich den Einlass –, die Erweiterung und der Umbau von Rollstuhlplätzen von 170 auf 260 bei gleichzeitiger Verbesserung der Sichtverhältnisse, der Einbau von mehr rollstuhlgerechten WCs und die Verbesserung des Zugangs zu Versorgungseinrichtungen wie zum Beispiel Kiosken durch Absenkung von Tresenflächen. Insgesamt kosteten die Weltspiele gut 130 Millionen Euro. Bund und Land stellten paritätisch jeweils 48,8 Millionen Euro zur Verfügung. Der Rest finanzierte sich aus Sponsorengeldern, Ticketeinnahmen, Spenden und Fördermitteln der EU sowie der Aktion Mensch. Von Berlin kam noch die entgeltfreie Überlassung zahlreicher öffentlicher Sportanlagen hinzu, die Einrichtung einer Projektgruppe mit Projektleitung und Mitarbeitenden zur Sicherstellung einer kompetenten und umfangreichen Betreuung des lokalen Organisationskomitees sowie zur Wahrnehmung der Aufgaben als Host City, umfangreiches Marketing im Bereich der Außenwerbung – auch das wurde heute schon gesagt; Sachleistungen im siebenstelligen Bereich, circa 2,7 Millionen Euro Mediawert, bei der Wall-Werbung – und der Einsatz von weiteren 4,2 Millionen Euro für das Berliner Nachhaltigkeitsprogramm „Inklusion ’23“. Das Geld, meine sehr verehrten Damen und Herren – Sie sind der Haushaltsgesetzgeber –, das wir ausgegeben haben und auch zukünftig ausgeben werden, ist sehr gut investiert. Viel mehr Gäste kamen in die Stadt. Nicht nur aus sportlicher Sicht war es somit ein großer Erfolg, auch die Wirtschaft unserer Metropole hat insgesamt stark davon profitiert. Aus all diesen Gründen wird sich Berlin weiter als Sportmetropole präsentieren und auch international positionieren. Und: Die Inklusion wurde endlich in die Mitte der Gesellschaft gerückt. [Beifall bei der SPD – Vereinzelter Beifall bei der CDU] Auf die nächste Großveranstaltung können wir uns heute schon freuen, ich habe sie schon benannt: auf die UEFA EURO 2024. In Berlin wird das Finale stattfinden. Unsere Stadt wird unter den zehn Host Cities oder Host Towns eine ganz besondere Rolle spielen. Es wird wieder ein Großevent des Sports mit gesamtstädtischer Bedeutung für Berlin sein. Das, was wir bei den Weltspielen gelernt haben, wird bei den Planungen der UEFA EURO 2024 selbstverständlich einfließen. Wir werden dabei aufs Neue zeigen: Berlin kann Großveranstaltungen. Das haben wir mit den Weltspielen eindrucksvoll bewiesen. Diese Weltspiele könnten unabhängig von der UEFA EURO 2024 selbstverständlich Vorbild für weitere Sportgroßveranstaltungen sein. Im Vorfeld zu heute kam die Diskussion auf, ob wir überhaupt über die Special Olympics reden sollten. Wer diese Frage stellt, der hat sich mit Inklusion nur sehr oberflächlich auseinandergesetzt; der hat die gesamte Debatte, die wir auch im Vorfeld zu den Weltspielen über Inklusion geführt haben, offenbar nicht richtig verstanden. Das Bedürfnis nach Inklusion ist Lebensrealität von Hunderttausenden von Menschen alleine in Berlin. Deshalb: Danke an alle, die das möglich gemacht haben! Mein Appell an Sie: Unterstützen Sie mich, unterstützen Sie den Sport auch weiterhin bei diesem sehr wichtigen Thema Inklusion! – Ich bedanke mich! [Beifall bei der SPD und der CDU]
