Louis Krüger
Die Senatorin ist nicht da; ich würde die Rede trotzdem halten. Es wird ja auch alles aufgezeichnet, insofern kann die Senatorin das dann auch anhören. [Vereinzelter Beifall bei den GRÜNEN] Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Abgeordnete! Mit diesem Antrag wollen wir denjenigen eine Stimme geben, die sich unter dem Stichwort „Potsdamer Erklärung“ für ein zukunftsfähiges Abitur einsetzen. Wer sind diese Stimmen? – Das sind der Landeschülerausschuss Berlin, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Schule im Aufbruch, der Schulverbund Blick über den Zaun, Kreidestaub e. V., die Dalton Vereinigung Deutschland, das Institut für zeitgemäße Prüfungskultur, die Stiftung Bildung, Schule muss anders und viele weitere, darunter auch etliche Schulen, kurzum: alle, von denen wir sonst immer Rat holen wollen, wie wir unser Bildungssystem verbessern können. Worum geht es ihnen? – Sie wünschen sich eine Oberstufe, in der mit unterschiedlichen Methoden gearbeitet werden kann; ein paar Beispiele: Es soll digital gelernt werden können, also unter Nutzung digitaler Medien. Es soll interdisziplinär gelernt werden können, also in Verbindung unterschiedlicher Fächer. Es soll im Team gelernt werden können, es soll projektorientiert gelernt werden können. Kurz gesagt: Es soll so gelernt werden können, wie wir es auch später im Leben erwarten. Wichtig dabei: Es soll keinen Zwang geben, lediglich die Möglichkeit, auf eigenes Bestreben hin von traditionellen Formen des Lehrens, Lernens und Testens abzuweichen. Dazu bedarf es entsprechender Lern- und Prüfungsformate und einer flexibilisierten Oberstufe, die individuelle Lernzeit und Bildungswege ermöglicht. [Beifall bei den GRÜNEN] Genau diese flexibilisierte Oberstufe ist in Gefahr. Am 16. März 2023 hat die KMK in der Vereinbarung zur Gestaltung der gymnasialen Oberstufe und der Abiturprüfung eine stärkere Angleichung der strukturellen Rahmenbedingungen für die gymnasiale Oberstufe beschlossen. Sie will damit der Aufforderung des Bundesverfassungsgerichts nachkommen, die Regelungen in den Ländern zu vereinheitlichen, um die Vergleichbarkeit der Abiturnoten zu sichern. Gerade die Qualität des Berliner Abiturs wurde immer wieder angezweifelt. An dieser Stelle liebe Grüße nach Bayern! Vereinheitlichung und Vergleichbarkeit gehen jedoch immer zulasten von Innovationen und Reformansätzen, und genau die brauchen wir. In einer veränderten Arbeitswelt, in einer digitalen Realität, in einem Berlin mit einer sehr heterogenen Schülerinnen- und Schülerschaft müssen wir wegkommen von einer traditionellen Prüfungskultur, weg von einer Praxis, bei der in einem für alle Schülerinnen und Schüler gleich festgesetzten Zeitraum einzeln und handschriftlich Wissen reproduziert wird. Stattdessen brauchen wir Kommunikation, Kreativität, Kollaboration und kritisches Denken. Das sind die entscheidenden Kompetenzen des 21. Jahrhunderts. [Beifall bei den GRÜNEN – Ronald Gläser (AfD): Fangt mal an mit dem kritischen Denken!] Sie spielen in der traditionellen und aktuellen Berliner Prüfungskultur aber leider keine große Rolle. Im Gegenteil: Klassische Prüfungsformate fokussieren meist auf musterhaftes Auswendiglernen. Wenn Schülerinnen und Schüler während einer Prüfung kommunizieren und kooperieren, dann sind das Täuschungshandlungen, und für Kreativität und kritisches Denken fehlen in den 90- minütigen Klausuren schlicht die Zeit und der Freiraum. Das sind alles keine Neuigkeiten; die Bildungswissenschaft predigt es uns seit Jahren. Für alle, die jetzt sagen: Ja, ja, die Bildungswissenschaft in ihren Universitäten fernab der schulischen Realität – nein, das ist keine abgehobene Debatte im Elfenbeinturm, sie findet auch in der Schulpraxis Widerhall. Viele Schulleitungen haben ein ausgeprägtes Bewusstsein dafür, dass eine traditionelle Prüfungskultur und Benotungspraxis zu einer starken psychischen Belastung von Schülerinnen und Schülern führen – kein Wunder, wenn laut dem Institut für zeitgemäße Prüfungskultur Schülerinnen und Schüler im Schnitt in 32 von 40 Schulwochen mindestens eine Arbeit schreiben. Die Eltern hier im Raum wissen, wovon ich spreche. [Vereinzelter Beifall bei den GRÜNEN] Was muss nun also getan werden? – Wir müssen den Schulen, die genau diese Veränderungen in ihren Prüfungskulturen vorantreiben wollen, den notwendigen Freiraum verschaffen. Im aktuell laufenden Berliner Schulversuch zum hybriden Lernen werden erste Innovationen bei Prüfungen erprobt. Das Otto-Nagel-Gymnasium beispielsweise beschäftigt sich mit der Frage, wie das Abitur am Computer geschrieben werden könnte. Diese Entwicklungen dürfen nicht ausgebremst werden. Leider hat die Forderung der „Potsdamer Erklärung“ nach einer Innovationsklausel in der KMK keine Mehrheit gefunden. Da muss ich selbstkritisch sagen, dass auch unsere grünen Kultusministerinnen sich nicht durchsetzen konnten. Jetzt stehen wir als Land Berlin in der Verantwortung, all den oben genannten Stimmen Gehör zu verschaffen und – Achtung! – das Beste für Berlin herauszuholen. [Heiterkeit von Bettina Jarasch (GRÜNE)] Daher fordere ich den Senat auf, daher bitte ich Sie, Frau Senatorin, fernab von jeder Parteipolitik bei der Umsetzung des aktuellen Beschlusses der Kultusministerinnenkonferenz zur Vereinbarung der Gestaltung der gymnasialen Oberstufe und der Abiturprüfung in einem engen Dialog mit der Schulpraxis die Berliner Verordnung über die gymnasiale Oberstufe unter Nutzung aller rechtlichen Spielräume für Schulen im Sinne einer zeitgemäßen und innovativen Prüfungskultur anzupassen. Sie haben es in der Hand: ein starres Prüfungssystem ohne Ablaufdatum oder mit einer innovativen Prüfungskultur zurück in die Zukunft. – Danke schön! [Beifall bei den GRÜNEN – Vereinzelter Beifall bei der LINKEN]
