Ines Schmidt
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Abgeordnete! Liebe Leute zu Hause! Die Rede eben von der AfD fand ich total frauenpolitisch; diese ganze Unterstützung gegenüber der Frau: Liebe Frauen, bleibt zu Hause, dann kriegt ihr diese Krankheit nie wieder! – Also haltet euch bitte an diesen Spruch von der AfD, ehrlich! [Vereinzelter Beifall bei der LINKEN, der SPD und den GRÜNEN] Wie kann denn eine andere Familienpolitik die Krankheit verändern? Was ist denn das für ein Quark? [Zuruf von Carsten Ubbelohde (AfD)] Stellen Sie sich einfach vor, Sie krümmen sich vor Schmerzen, sodass Sie nicht mehr aufstehen können. Ihre Rückenschmerzen lassen keinerlei Bewegung zu. Der Gang auf die Toilette ist eine Qual. Die Schmerzen sind so stark, dass Sie Schweißausbrüche bekommen und Ihnen übel wird. Sie können nicht zur Arbeit, Sie können überhaupt nichts tun. Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie ertragen diese Schmerzen regelmäßig, alle vier Wochen, mehrere Tage hintereinander, jahrzehntelang, immer während der Menstruation. Jede zehnte Frau kennt diese Symptome. Es ist die Endometriose, eine Erkrankung, über die fast nichts bekannt ist, aber an der bundesweit circa 4 Millionen Frauen leiden, und jährlich kommen 40 000 neue Diagnosen hinzu. Damit ist die Betroffenengruppe doppelt so häufig vertreten wie die des Diabetes Typ 2. Diabetes Typ 2 wird als Volkskrankheit bezeichnet, obwohl weniger Menschen betroffen sind als bei der Endometriose. Wir schicken Menschen mit Diabetes zu spezifischen Kuren, haben ganzheitliche, wissenschaftlich begründete Ansätze, aber bei einer reinen Frauenkrankheit haben wir weder eine Spezialisierung bei den Frauenärzten noch geeignetes Screening, noch können wir ihnen eine Kur anbieten. Wir geben so wenig Geld zur Erforschung und Behandlung der Krankheit aus, dass es mich fast sprachlos macht. Frauen leiden im Durchschnitt zehn Jahre an dieser Erkrankung, bis sie überhaupt erkannt wird. Wir reden nicht einfach von Menstruationsbeschwerden, sondern wir reden von jahrelangen Schmerzphasen, von eventueller Unfruchtbarkeit, von starken Menstruationsblutungen, von einer durchgängigen Hormontherapie. Welche Erkrankung, wenn sie auch Männer betreffen würde, würde mit so viel Gleichgültigkeit und Unwissenheit akzeptiert werden? Ja, es gibt auch die Leuchtturmprojekte der Endometriosezentren. Die sind auch toll, aber aufgrund der geringen Kenntnis über die Erkrankung in der Bevölkerung sowie bei den Gynäkologinnen selbst landen weniger als 50 Prozent der betroffenen Frauen überhaupt in diesen Zentren. Und sind wir mal ehrlich, so unter uns: Die wenigsten hier im Saal, ob Frau oder Mann, kannten vor dieser Debatte heute die Diagnose Endometriose, obwohl Sie alle ein Mädchen oder eine Frau kennen, die darunter leidet, nur weiß diese vielleicht selbst noch nicht, dass sie Zysten im Unterleib hat. Es ist dringend notwendig, von allen Seiten mehr Aufklärungsarbeit zu leisten. [Beifall von Anne Helm (LINKE)] Das Thema muss in die Öffentlichkeit. Forschungsgelder und ganzheitliche Therapien müssen her. Wir brauchen eine Strategie zur Früherkennung. Mädchen und Frauen sollen am Leben teilhaben und sich nicht monatlich tagelang mit Schmerzen verkriechen müssen. Aus diesen Gründen müssen wir gemeinsam etwas tun. Wir brauchen mehr Gelder für das Endometriosezentrum an der Charité, wir brauchen eine jährliche Fachkonferenz, wo Medizinerinnen, Politik und Verbände sich über die Gendermedizin austauschen, wir brauchen ein Endometrioseregister, [Zuruf von Carsten Ubbelohde (AfD)] und vor allem brauchen wir eine Bundesregierung, die sich des Themas ernsthaft annimmt. [Vereinzelter Beifall bei der LINKEN – Beifall von Vasili Franco (GRÜNE)] Auch wir sollten dem Vorbild Frankreichs folgen und eine nationale Strategie gegen Endometriose erarbeiten, die mit Haushaltsmitteln hinterlegt ist. Lassen Sie uns gemeinsam und überparteilich gegen die Frauenerkrankung Nummer eins vorgehen. Stimmen Sie dem Antrag im Ausschuss für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung zu! – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! [Beifall bei der LINKEN, der SPD und den GRÜNEN]
