Ellen Haußdörfer
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Anders als Sie, Herr Fresdorf, und auch einige Grundschulleitungen, bin ich nicht der Meinung, dass die Kita alleine dafür da ist, Kinder schulfertig zu machen. Die Kita dient vorrangig dazu, Kinder pädagogisch zu begleiten und Rahmenbedingungen für ein gesundes, gutes Aufwachsen, gute und verlässliche Betreuung und gute Übergänge zur Grundschule zu gewährleisten, eben der erste Baustein in der Bildungskarriere eines jeden Menschen. Hier sind die Rahmenbedingungen für die weiteren Bildungsschritte zu legen und ja, die Anschlüsse sind zu verbessern. Ich glaube, dass wir uns hier alle einig sind, dass die frühkindliche Sprachförderung ein wichtiger, wenn nicht der entscheidende Beitrag ist. Deshalb ist es ein bildungspolitischer Schwerpunkt und folgerichtig auch im KitaFöG verankert. Es ist Aufgabe der pädagogischen Fachkräfte, den sprachlichen Bildungsprozess im pädagogischen Alltag zu begleiten, zu fördern und bei bestehendem Sprachförderbedarf durch individuelle Maßnahmen gezielt zu unterstützen. Ich habe mich gefragt, wie Ihr Vorschlag eigentlich in der Praxis aussieht. Kinder ab drei Jahren sollen in Kitas, in Familienzentren, in Grundschulen einem Sprachfeststellungstest zugeführt werden. Dem Kind größtenteils unbekannte Personen sollen einem Kleinkind Wörter und Beschreibungen entlocken. Da wünsche ich mal viel Glück und gutes Gelingen. Wenn ich alleine zurückdenke, wie ich versucht habe, dass mein Sohn in der Kita bei „Kroko“ oder bei „Wuppi“ und den entsprechenden Programmen oder auch bei der Einschulungsuntersuchung mitarbeitet, wünsche ich viel Erfolg, weil da viele Kinder eisern schweigen werden. Das Ergebnis soll dann über was entscheiden? Dass es weiter die Kita besuchen darf? Dass es eine andere Kita besuchen soll? Dass es eine andere Einrichtung mit besonderen Sprachförderkursen besuchen muss? Da unterscheiden wir uns doch in der Wahrnehmung, denn für uns ist der niedrigschwellige Zugang zu frühkindlichen Bildungsangeboten in der Kita und Kindertagespflege durch die weitgehende Beitragsfreiheit, durch den Rechtsanspruch, durch den enormen Kitaplatzausbau und die Investitionen in die Kitaqualität sehr gut abgesichert. Frühkindliche Bildung ist keine 100-Meter-Strecke, sondern ein 3 000-Meter-Lauf. Das heißt, auch die sinnvolle Diskussion um die Kitaqualität auf Bundesebene muss auch nach 2025 finanziert werden, denn die Maßnahmen aus dem Gute-KiTa-Gesetz und dem Nachfolger KiTa-Qualitätsgesetz entfalten mittel- und langfristig ihre Wirkung, deshalb müssen sie mittel- und langfristig finanziert werden. Aber frühkindliche Bildung und Betreuung ist eben auch eine freiwillige Aufgabe. Die Ausweitung der Schulpflicht auf fünf Jahre müssen Sie dann allerdings auch fordern, und ich prognostiziere Ihnen, dass Sie die Kinder und die Eltern, die besondere Sprachförderbedarfe haben, die einen besonderen Schwerpunkt haben, so nicht in die Kitas bekommen. [Marianne Burkert-Eulitz (GRÜNE): Da waren wir schon einmal!] Die bestehenden Verfahren, das Sprachlerntagebuch und die QuaSta wurden evaluiert und der Entwicklungsbedarf dieser Instrumente auch anerkannt. Die Fachhochschule Potsdam ist hier mit der Entwicklung und der Erprobung eines neuen Beobachtungsverfahrens zum kindlichen Entwicklungsstand beauftragt. Wir haben auch mit dem Projekt BeoKiz ein Verfahren, ein Instrument, welches das Ziel eines integrierten Verfahrens verfolgt, welches Dokumentation, Beobachtung und Einschätzung der kindlichen Lern- und Entwicklungsprozesse ermöglicht. Dort werden sprachliche, mathematische, aber auch die sozial-emotionalen Fähigkeiten als besondere Basiskompetenzen wertgeschätzt. Ich glaube, wir sind uns auch einig, dass jedes Kind individuelle Stärken und Potenziale hat, die nicht mal eben so schnell, hoppladihopp, mit einem Test, sondern durch langwierige Beobachtung und auch Dokumentation erhoben und durch alltagsintegrierte Anregungen im Kitaalltag eingebracht werden. Letzte Woche war ich in der Kita im Kosmosviertel zu einem Praktikumstag. Ich mache das immer sehr gerne, weil man in der Praxis dann auch sieht, was wir hier so besprechen, wie sich das auswirkt. Dort ist zum Beispiel ein Kind, das gerne beim Kochen hilft und da in einer alltagsintegrierten Übung, ein Rezept in einer Gruppe entscheiden, Zutaten abwiegen, auch über die Regionalität zu sprechen: Wo kommt mein Essen her? –, in der Gruppe sprechen, Aufgaben verteilen, gemeinsam essen, gemeinsam aufräumen. Es werden Kompetenzbereiche und Sozialkompetenzen geübt, und zwar in Alltagssituationen mit praktischen Beispielen. Nein, ich glaube, dass Kita derzeit nicht als Erstes einen weiteren Test oder ein Vorschuljahr benötigt. Ich glaube hingegen, wir brauchen Entlastung bei den pädagogischen Fachkräften. Wir brauchen Signale für die Arbeitssituation in Kitas. Krankheiten, Fluktuation und Überarbeitung sind insbesondere in den sozialen Berufen in der Praxis anzutreffen. Deshalb lastet mehr Arbeit auf weniger Schultern, und das führt nicht zu mehr Anwesenheit und Freude an diesem schönen Beruf. Deshalb müssen Auszubildende als Auszubildende anerkannt werden. Ebenso muss auch mehr Praxiskontrolle erfolgen, denn der Fokus auf die schulische Ausbildung führt manchmal doch zur Vernachlässigung der praktischen Arbeit. Wir brauchen als Zweites die grundsätzliche Unterstützung. Die generalistische Ausbildung braucht Unterstützung. Das System der kontinuierlichen Fortbildung über unser Fortbildungsinstitut muss gestärkt werden.
