Marcel Hopp
Danke, sehr geehrte Frau Präsidentin! – Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe FDP! Wir sprechen heute über Ihren Antrag „Historisch-politische Bildung stärken“, mit dem Sie im Kern fordern, die Unterrichtsstunden in den Fächern Geschichte und Politik in der Oberschule zu erhöhen. Kommen wir erst einmal zu unserer beider Schnittmengen: Als Geschichts- und Politiklehrer, der ich bin, stimme ich Ihnen insofern in der Analyse zu, dass Geschichte und Politik nicht nur in der Fachvermittlung eine wichtige Rolle spielen, sondern vor allem auch wichtig sind im Hinblick auf die Kernkompetenzen Analysekompetenz, Methoden- und Recherchekompetenz, Reflexions- und Urteilsfähigkeit. Aber, und jetzt kommen wir auch schon zum Dissens: Das gilt eben auch für viele andere Fächer, in denen diese Kompetenzen ebenso gefördert werden. Die Vermittlung dieser Kernkompetenzen, die es zur Förderung gebildeter, mündiger, kritischer, demokratischer und solidarischer Menschen braucht, ist eine zentrale Querschnittsaufgabe aller Fächer der Stundentafel. Das Kernproblem Ihres Antrags ist, dass Sie die Förderung dieser Kernkompetenzen eindimensional auf diese zwei Einzelfächer beziehen, und aus dieser sehr beschränkten Perspektive heraus verstehe ich, dass Sie dann zu dem fehlgeleiteten Schluss kommen, hier einfach die Stundentafel zu erhöhen und zack, fertig – Problem gelöst! [Vereinzelter Beifall bei der SPD und den GRÜNEN] Damit verstehen Sie aber wenig von der Kompetenzorientierung der Fächer, den zentralen Schwerpunkten der verschiedenen Fachrahmenlehrpläne und der praktischen Schulorganisation. Die Realität ist: Unsere Schülerinnen und Schüler haben schon jetzt zu volle Stundenpläne. Ein Blick in die Erziehungswissenschaften und die Lernpsychologie zeigt, die Steigerung von Fächern und Input führt nicht zu mehr Wissen und Kompetenz. Das Gegenteil wird bewirkt. Nachhaltiges Lernen, tief gehendes Verständnis, komplexe Urteilsprozesse finden unter höherer Arbeitsbelastung eben weniger statt. [Beifall bei der SPD – Vereinzelter Beifall bei den GRÜNEN und der LINKEN] Ausreichend Pausen, Zeit für Förderung, Raum für echten Ganztag, Projektarbeit abseits des Fachunterrichts – all das wird durch einen zu vollen Stundenplan im Schulalltag bedroht. Vor diesem Hintergrund jetzt auch noch den Stundenumfang von Einzelfächern zu erhöhen, liebe FDP, ist nicht nur fachlich kontraproduktiv, es ist vor allem ein wenig überzeugender Griff in die bildungspolitische Mottenkiste des 20. Jahrhunderts. [Vereinzelter Beifall bei der SPD, den GRÜNEN und der LINKEN] Herr Fresdorf! Es tut mir wirklich leid, Sie wissen, ich schätze Sie sehr, kann Sie jetzt aber auch an ihrem Geburtstag nicht verschonen. [Heiterkeit bei Paul Fresdorf (FDP)] Wenn Sie sich heute schon breitspurig hinstellen und 25 Jahre SPD-Bildungspolitik belächeln, dann müssen Sie als Opposition aber auch substanziell liefern, und das tun Sie eben nicht. [Beifall bei der SPD, den GRÜNEN und der LINKEN – Zuruf von Heiko Melzer (CDU)] Ich muss wirklich gestehen, dass ich von dieser selbsternannten Fortschrittspartei, die im letzten Jahr noch Slogans plakatiert hat wie: Der Schulweg muss wieder in die Zukunft führen –, fachlich mehr erwartet habe, als hier so einen kreideverstaubten Antrag vorzulegen. [Beifall bei der SPD – Vereinzelter Beifall bei den GRÜNEN und der LINKEN] Worüber wir stattdessen sprechen können, ist die Förderung von außerunterrichtlichen Bildungsangeboten für Kinder und Jugendliche in diesem Bereich. Ebenso sinnvoll wäre es, wenn wir bei diesem Diskurs von der eindimensionalen Fächerbetrachtung wegkämen. Die Zukunft des Unterrichts liegt nicht in 15 nebeneinander existierenden Fächern, die Zukunft des Unterrichts liegt im fächerübergreifenden Lernen und in der Vermittlung von komplexem Fachwissen und Kernkompetenzen über Fachgrenzen hinaus. Vor allem der Lernbereich Gesellschaftswissenschaften mit den Fächern Geschichte, Politik, Geographie, Ethik bietet sich optimal an, die historisch-politische Bildung fächerübergreifend qualitativ und vor allem nachhaltig zu stärken. Darüber können wir gerne im Bildungsausschuss weiterreden, aber dazu müssen Sie bitte von dieser eindimensionalen Betrachtung der Einzelfächer wegkommen. Wenn Sie dazu bereit sind, dann kommen wir da gerne zusammen. Ansonsten bleibt es leider sehr eindeutig bei unserer Ablehnung. – Danke schön! [Beifall bei der SPD, den GRÜNEN und der LINKEN]
