Katharina Günther-Wünsch
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Das Thema Corona und Schule beschäftigt uns alle jetzt schon wahnsinnig lange. Dabei hat die Pandemie den Fokus und das Brennglas auf gleich mehrere schwierige Bereiche gelegt. Die Digitalisierung der Berliner Schulen ist nicht nur im letzten Jahrhundert stehen geblieben; der Ausbau der Schulen, aber auch, was den Einsatz digitaler Medien im Unterricht betrifft. So konnten wir während der Pandemie vom mehrfach ausgedruckten Arbeitsblatt bis hin zu abfotografierten Dateien, aber auch über Videokonferenzen und Onlinelernplattformen alles beobachten im bunten Strauß des digitalen Unterrichts. Bereits vor der Pandemie war der eklatante Lehrkräftemangel allen bekannt, aber die letzten Monate haben uns noch einmal mehr als deutlich vor Augen geführt, wie dringend notwendig gut qualifiziertes, ausreichend vorhandenes Lehrpersonal ist. [Beifall bei der CDU – Beifall von Paul Fresdorf (FDP) und Dr. Maren Jasper-Winter (FDP)] An eine Grundschule gehören methodisch und didaktisch ausgebildete Grundschullehrkräfte. [Beifall bei der CDU – Vereinzelter Beifall bei der FDP] Jede Schule benötigt integrativ ausgebildetes Personal und Schulsozialarbeiter. Glauben Sie mir: Verwaltungsleiterinnen und -leiter waren nie so gefragt wie in den letzten zwei Jahren. Doch die Pandemie hat ein weiteres Problemfeld mehr als deutlich gemacht, nämlich das der fehlenden Bildungsgerechtigkeit. Nach wie vor hängen Herkunft und Bildungserfolg eng und ganz direkt miteinander zusammen. Unterschiedliche Ausgangsbedingungen unserer Schülerinnen und Schüler haben sich während der Pandemie noch verschärft und drängend gemacht. Schüler, die bereits vorher Probleme in der Schule, mit dem Schulstoff, dem Schulalltag und ihrem allgemeinen Alltag hatten, haben in der Pandemie noch größere Probleme bekommen. Lernrückstände haben zugenommen, psychische Probleme haben zugenommen, und die Ängste und Nöte der Schüler sind dringender denn je. Aber noch ein weiterer Punkt ist dazugekommen: Denn auch Schülerinnen und Schüler, die bisher leichtfüßig und nahezu unbeschwert durch die Schulzeit gekommen sind, haben Probleme entwickelt. Besonders eklatant sind die Lücken im Lernstoff. Schülerinnen und Schüler in den Abschlussklassen reden von großen Ängsten und Nöten und blicken mit Sorge auf die bevorstehenden Abschlussprüfungen, und ich als Lehrerin kann das mehr als nachvollziehen. Aber auch unsere Schulanfänger haben sehr gelitten in den letzten zwei Jahren. Viele Schulleiter beklagen große Defizite in den Grundfertigkeiten Lesen, Rechnen und Schreiben. Seien wir ehrlich: Auch einige von Ihnen, liebe Abgeordnete, werden in den letzten Jahren damit zu kämpfen gehabt haben, ihre Kinder im Homeschooling zu alphabetisieren und ihnen das Rechnen beizubringen. Wir alle wissen um die dringenden Probleme in der Bildungspolitik. Renommierte Institute, wie die Leopoldina und das Deutsche Schulportal, gehen inzwischen von 20 Prozent bis 25 Prozent unter den Schülerinnen und Schülern aus, die deutliche Lernrückstände aufweisen. Für Berlin bedeutet das über 90 000 Schülerinnen und Schüler. Das System Schule, die Pädagoginnen und Pädagogen, Eltern, Familien und insbesondere unsere Schülerinnen und Schüler sind an ihre Grenzen gestoßen. Die Pandemie hat unsere Kinder vor enorme Herausforderungen gestellt. Deshalb haben die Länder und der Bund ein Aktionsprogramm gestartet: „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche“. Berlin gab dem Ganzen den Titel: „Stark trotz Corona“. Was bedeutet das? – 64 Millionen Euro sind unseren Kindern und Jugendlichen auf insgesamt vier Säulen zur Verfügung gestellt worden, um die frühkindliche Bildung zu fördern, die Lernrückstände aufzuholen, die Jugendarbeit zu stärken, aber auch die Jugendsozialarbeit wieder in den Vordergrund zu rücken. Seit Mai haben die Schulen diese Mittel erhalten und wussten nichts damit anzufangen, denn es war lange unklar, was mit diesen Mitteln passieren soll. Nach den Herbstferien kam die Erleichterung: Es sollte eine Vergabeplattform eingeführt werden. Aber warum so schwierig? – Schule ist bei Weitem nicht so kompliziert, liebe Abgeordnete, wie vielleicht der Wohnungsbau oder die Mobilität, denn das, was die Senatsverwaltung gefordert hat, nämlich deutlich zu machen, wo die Lücken liegen, mussten die Schulen mit flächendeckenden Vergleichsarbeiten abfragen. Die Schulen wissen also um die Lücken, die Probleme und die Herausforderungen ihrer Schülerinnen und Schüler. Sie können auf jahrelange Kooperationspartnerschaften mit verlässlichen Partnern zurückblicken. Warum verhindert der Senat den Ausbau bestehender Kooperationspartnerschaften, indem man auf eine europäische Vergabeplattform setzt? – Lediglich 170 von 800 Schulen haben bisher über diese Vergabeplattform Verträge abgeschlossen. Ich betone es noch einmal: 90 000 Schülerinnen und Schüler benötigen ganz dringend diesen Unterstützungsbedarf. Frau Senatorin! Erlauben Sie mir den Hinweis: Auch die Friedrich-Ebert-Stiftung hat im Sommer letzten Jahres in einer Stellungnahme ganz deutlich gemacht – ich zitiere – , dass die Schulen über die von Ihnen angebotenen Fördermaßnahmen selbst entscheiden können sollen und gegebenenfalls Kooperationen mit außerschulischen bekannten Partnern eingehen sollten. Die Verantwortlichen in der Schuladministration sollen Vertrauen in die Gestaltungskraft der Schulen setzen und die notwendigen Strukturen dafür schaffen und bereitstellen. [Heiko Melzer (CDU): Richtig!] Frau Senatorin Busse! Sie haben in einer Ihrer ersten großen Reden gesagt, dass Ihnen die eigenverantwortliche und selbstständige Schule besonders am Herzen liegt. Nun ist es an der Zeit, Ihren Worten Taten folgen zu lassen und unsere Schülerinnen und Schüler dahin gehend zu unterstützen. Deshalb werbe ich noch einmal eindringlich im Sinne unserer Schülerinnen und Schüler für unseren Antrag. – Danke! [Beifall bei der CDU]
