Martin Brunnhuber
Sehr geehrter Herr Vizepräsident, sehr geehrte Damen und Herren. Lesen ist der Schlüssel zur Welt, das stimmt. Wir machen einiges, um das Lesen und die Leseförderung in Bayern institutionell voranzutreiben. Ich sehr dankbar dafür, dass Sie diesen Dringlichkeitsantrag gestellt haben. Das ist hervorragend; denn jetzt kann man einfach einmal sachlich begründen, was in Bayern schon läuft. Aber bevor ich mit der sachlichen Begründung einsteige, mag ich schon einmal sagen: Wir müssen aufpassen, dass wir nicht nur plakativ irgendetwas heraushauen und Dinge nur verkürzt darstellen. Wenn wir über die Pisa-Ergebnisse sprechen, müssen wir sie wirklich bis ins Detail durchschauen; erst dann können wir Schlüsse ziehen. Nur zu sagen, in Estland seien die Eltern besser, ist genauso plump und provokant wie das, was vom rechten Rand immer kommt. (Gabriele Triebel (GRÜNE): Das habe ich so nicht gesagt!) Wir müssen die Fakten genau betrachten, die Ergebnisse genau lesen und dann, nach Anstrengung unserer Hirne, schauen, welche Schlüsse wir ziehen können. In Estland zum Beispiel sind die Lesekompetenz und die Kompetenz in Fremdsprachen deshalb so hoch, weil dort Fernsehsendungen nicht synchronisiert werden. (Tanja Schorer-Dremel (CSU): Richtig!) Fernsehfilme werden im englischen Originalton gesendet und mit Untertiteln versehen. Also müssen die Kinder lesen; sonst können sie am Fernsehprogramm nicht teilhaben. Bei uns ist es nicht so, weshalb wir so viel in die Leseförderung investieren. Das also ist der Schlüssel: Teilhabe und Selbstbestimmung führen zum Bildungserfolg. Wir in Bayern haben die Programme konsequent gestärkt. Jetzt zu behaupten, sie wirkten nicht, obwohl sie noch gar nicht den ersten Durchlauf absolviert haben – wir müssen den Output doch erst einmal messen –, ist unseriös, meine Damen und Herren. Das geht überhaupt nicht! (Beifall bei den FREIEN WÄHLERN und der CSU – Tanja Schorer-Dremel (CSU): Richtig!) Sie springen nämlich in Ihrem Antrag immer hin und her, nach rechts, nach links. Ihr Antrag liest sich so: Jetzt machen wir ein bissl was von Hamburg, dann ein bissl was von Estland und vielleicht ein bissl was von Japan. Dieses "bissl was" ist aber gleichbedeutend damit, dass Sie nur die Rosinen herauspicken. Dies ist auch unseriös, es ist jedenfalls keine seriöse Politik. Wir machen seriöse Politik mit wirklich guten Konzepten und wirklich guten Programmen, meine Damen und Herren. (Beifall bei den FREIEN WÄHLERN und der CSU) Ein Beispiel für eine wirksame Förderung: Wir haben mit FiLBY ein wirklich gut durchdachtes Förderprogramm aufgelegt, das voll in den Unterricht integriert ist. Mit FiLBY sagen wir nicht einfach pauschal: "Wir machen mehr", uns geht es um gezielte Förderung. FiLBY ist in den Unterricht integriert und wird von Spezialistinnen und Spezialisten in Bayerns Schulen angewandt. – Erster Punkt. Zweitens. Sie fordern einfach mal so mindestens fünf Lektüren pro Schuljahr. Die Lektüren müssen schon auch passen. Damit sie passen, haben wir unterstützende Maßnahmen, aufbauend auf FiLBY, aufbauend auf den Anforderungen der jeweiligen Sekundarstufe, eingeleitet. Es werden explizit solche Lektüren ausgewählt, die zum Bildungsstand, aber auch zum Alter passen. Wir investieren also erheblich. Da kann man den Kopf schütteln – das kann man machen –, aber so sind einfach die Fakten, die wir haben. (Zuruf der Abgeordneten Gabriele Triebel (GRÜNE)) Drittens – bedarfsgerechtes Budget. Sie selbst haben mitgewirkt. Wir haben das Startchancen-Programm. Mittlerweile nehmen 580 bayerische Schulen daran teil. Mit diesem Programm kann man genau hier ansetzen. Man kann Sachförderung betreiben und zum Beispiel die Ausstattung der Schulbibliotheken verbessern. Wir haben das also schon. Zu sagen: "Na ja, jetzt brauchen wir mehr", obwohl wir es schon haben, ist – jetzt sage ich es zum dritten Mal – unseriös. Es ist einfach so. (Beifall bei den FREIEN WÄHLERN und der CSU) Ich höre jetzt schon wieder auf; sonst rede ich mich in Rage. Dieses Thema ist dafür aber gar nicht geeignet. Ich will mit etwas Positivem aufhören: Was ich mir für unsere Kinder wünsche, ist das, was Björn Jungbauer schon gesagt hat: ein bissl mehr Lesen, und zwar normal, und ein bissl weniger Wischen der Eltern auf dem Handy. Das ist meines Erachtens wirklich ein Faktor, der ganz, ganz hoch zu gewichten ist. Manchmal sieht man Eltern mit dem Kinderwagen, die aber mit ihrem Kind gar nicht mehr kommunizieren, weil sie auf dem Handy wischen. Dafür haben wir in der Schule keinen Hebel; die Eltern kann man nicht mehr erziehen. Wir können das Lesen wieder schick machen. Wir können durch Antolin oder sonstige Leseförderungsprogramme die Kinder dazu ermuntern, so etwas Schönes wie ein Leseerlebnis zu haben, das heißt, ein Buch selbst zu lesen, ohne dass es durch irgendeine KI vorgekaut wird. Zum Schluss: Wir haben gute Programme. Wir sind wirklich systematisch unterwegs. Wir haben gezielte Screeningmöglichkeiten, BYLES zum Beispiel. Wir können genau sagen, woran es liegt. In der Schule können wir aber die Rahmenbedingungen nur sehr schlecht beeinflussen. Ich wünsche mir wieder mehr Lesen und weniger Wischen. (Beifall bei den FREIEN WÄHLERN und der CSU)
