Gabriele Triebel
Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Stellen Sie sich ein zehnjähriges Kind vor. Vor ihm liegt ein Text, vielleicht ein paar Zeilen lang. Die Lehrerin fragt zum Text: Welche Farbe hat die Katze? Das Kind schaut auf den Text, es liest die Wörter, aber es findet die Antwort nicht – nicht, weil es die Farbe nicht benennen kann oder die Frage nicht versteht, sondern weil es die Information im Text nicht sicher findet. Dann bekommt dieses Kind noch eine Textaufgabe in Mathematik vorgelegt. Sehr wahrscheinlich wird es gar nicht zum Rechnen kommen, weil es gar nicht weiß, was es rechnen soll, weil es den Text gar nicht versteht. Genau deshalb, liebe Kolleginnen und Kollegen, müssen wir über das Lesen sprechen; (Beifall bei den GRÜNEN) denn Lesen ist keine Nebensache. Lesen ist der Schlüssel zur Welt. Wer lesen kann, kann lernen, Informationen verstehen, sich eine Meinung bilden und sich in unserer analogen und digitalen Welt zurechtfinden. Wer nicht sicher lesen kann, dem bleibt vieles verschlossen. Deshalb sage ich bewusst: Alle Kinder müssen in der Schule richtig lesen lernen, aber nicht alle Kinder starten mit denselben Voraussetzungen. Nicht jedes Kind hat zu Hause ein Bücherregal. Nicht alle Eltern haben die Zeit, jeden Abend vorzulesen. Nicht alle Familien können zusätzliche Förderung bezahlen. Deshalb ist es unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass jedes Kind diese Chance bekommt. (Beifall bei den GRÜNEN) Die Zahlen zeigen, wie dringend das ist. Bei PISA 2025 erreichen in Deutschland 32 % der Jugendlichen dieses grundlegende Niveau im Lesen nicht. Das dürfen und können wir nicht einfach so hinnehmen! Wir dürfen diese Kinder nicht sich selbst überlassen. Ein Kind entscheidet nicht, ob zuhause vorgelesen wird, es entscheidet nicht, ob hundert Bücher im Bücherregal stehen oder ob die Eltern Nachhilfe zahlen können, aber wir hier im Hohen Haus können entscheiden, was unsere Schulen daraus machen. Deshalb fordern wir vier konkrete Maßnahmen, die es in den erfolgreichen PISA-Ländern wie Estland bereits gibt: Erstens. Zwanzig Minuten Lesen jeden Tag, eine verbindlich immer gleich stattfindende Lesezeit an allen Grund- und weiterführenden Schulen nach dem Hamburger Vorbild; denn Lesen lernt man durch Lesen. Zweitens. Mindestens fünf Lektüren pro Schuljahr an weiterführenden Schulen, nicht fünf Arbeitsblätter oder Zusammenfassungen über Bücher, sondern fünf Bücher; denn Lesefreude entsteht, wenn Kinder und Jugendliche Geschichten entdecken, am besten, wenn sie sie sich auch noch selbst aussuchen können. Drittens. Starke Schulbibliotheken müssen Teil des Schulalltags sein, Orte, an denen jedes Kind ein Buch für sich finden kann, das auch zu ihm passt. Viertens. Gezielte Unterstützung für Schulen mit besonderen Herausforderungen. Deshalb wollen wir für sie bedarfsgerechte Leseförderbudgets für Bücher, Material, zusätzliche Angebote und Fortbildungen; denn gleiche Chancen bedeuten nicht, dass jede Schule dasselbe bekommt. Lesen ist auch, meine Damen und Herren, eine demokratische Frage; denn wer einen Text sicher versteht, kann Informationen im Internet besser bewerten, erkennt Fake News und ist besser vor Manipulationen geschützt. Kolleginnen und Kollegen, Lesekompetenz ist Bildungskompetenz, digitale Kompetenz und eine demokratische Kompetenz. Wir können nicht bestimmen, in welche Familien ein Kind geboren wird, aber wir können bestimmen, dass es den Schlüssel zur Welt bekommt, mit Zeit, Büchern, Unterstützung und der Gewissheit: Ja, du kannst das lernen. Wir glauben an dich, und wir lassen dich nicht zurück. Unsere Aufgabe ist es also, dafür zu sorgen, dass kein Kind zwischen den Zeilen verloren geht. (Beifall bei den GRÜNEN)
