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Christian Zwanziger

GRÜNE 30.09.2026 Sitzungen 19/88

Sehr geehrter Herr Vizepräsident, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Wir beraten heute unseren Gesetzentwurf zur Lehrkräfteausbildung in Bayern. Die Überschrift sagt es auch: "Auf die Lehrkräfte kommt es an." Ich möchte Sie da auf eine Zeitreise mitnehmen: Erinnern wir uns alle einmal an die Schulzeit zurück. Bei welchem Unterricht hat man besonders gebannt aufgepasst, hat man vielleicht auch einmal besonders bereitwillig nachgefragt, hat man auch gezeigt, wenn man etwas nicht weiß? Und wo hat man vielleicht eher auf die Uhr geguckt und darauf gewartet, dass die nächste Schulstunde anbricht und dann eine andere Person vorne steht? Wenn es Ihnen beim Zurückerinnern geht wie mir, dann kommt es – unabhängig von den Präferenzen, die jeder von uns hat, und davon, welches Fach man gern hat – ziemlich arg auf die Lehrkraft an, die da in der Klasse ist, ob man im Unterricht gern mitgemacht hat, ob man was gelernt hat, ob man auch gelernt hat, an Fehlern zu wachsen. Deswegen ist es so wichtig, dass wir die Lehrkräfteausbildung reformieren. (Beifall bei den GRÜNEN) Die Lehrkraft wirkt in der Klasse unmittelbar auf die Schülerinnen und Schüler. Das ist entscheidend für den Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen. Deswegen ist es auch entscheidend, dass wir Lehrkräfte in Bayern gut ausbilden. Der Beruf ist nicht mehr derselbe wie vor 30 Jahren. Die Welt hat sich verändert, alles darum herum hat sich verändert. Dafür können die Lehrkräfte nichts, die jetzt –Gott sei Dank – schon seit 30 Jahren im Schuldienst sind. Es ist einfach eine andere Welt. Wir haben unterschiedliche Klassen, wir haben schulartunabhängig mehr Heterogenität, wir haben unterschiedliche Herausforderungen, was Lernstände, was sozioökonomische Hintergründe und die Möglichkeit, Schülerinnen und Schüler von zu Hause aus zu unterstützen, angeht. Wir haben unterschiedliche Förderbedarfe verschiedenster Art. Dazu kommen noch Inklusion, Digitalisierung, Demokratiebildung, Erkennen von Desinformation und all das andere mehr, was wir hier in diesem Haus den Lehrkräften tagtäglich mitgeben, was Schule noch leisten soll. Gute Lehrkräfteausbildung ist eine Frage der Unterrichtsqualität, Bildungsgerechtigkeit aber eben auch eine Frage der Attraktivität des Berufs. Liebe Kolleginnen und Kollegen, da müssen wir uns doch einfach einmal anschauen, wie es angehenden Lehrkräften oder den Menschen, die wir als Lehrkräfte gewinnen wollen, denn geht. Der Anteil der Abiturientinnen, die nach einem Abitur in Bayern Lehramt studiert haben, hat sich in den zehn Jahren von 2013 bis 2022 halbiert, von 14,8 % auf 6,8 %. 40 % brechen das Lehramtsstudium in Bayern ab. Bis 2032 rechnet die Staatssicherung mit 2.000 fehlenden Lehrkräften. Der Beruf ist längst im Hier und Jetzt angekommen, die Ausbildung leider noch nicht. Man sieht das, denke ich, auch an der Art und Weise, wie das Lehramtsstudium nachgefragt wird und daran, wie gut wir es schaffen, Menschen, die sich dafür entschieden haben, im Lehramtsstudium zu halten und für den Lehrer:innenberuf in der Klasse zu gewinnen. Offensichtlich hat die Staatsregierung auch Handlungsbedarf gesehen, das erkenne ich an. Im Mai 2025 wurde dann endlich der Expert:innenbericht, den die Staatsregierung in Auftrag gegeben hat, von der Expert:innenkommission veröffentlicht. Heute, eineinhalb Jahre später, haben wir jetzt einen Masterplan vorliegen. Ich habe lange auf den Masterplan gewartet, habe mich auf ihn gefreut und habe gedacht, das können wir gemeinsam beraten. Wir legen einen Gesetzentwurf vor, dann kommt der Gesetzentwurf der Staatsregierung, wir legen das nebeneinander, schauen vielleicht, wo man anpassen kann. In den zehn Maßnahmen sehe ich aber doch viele Sachen, die auf die lange Bank geschoben sind und noch weit weg von Gesetzentwürfen sind. Die Staatsregierung spielt auf Zeit, die wir nicht haben. (Beifall bei den GRÜNEN) Sie drücken sich vor den zentralen Strukturfragen. Ich möchte vorstellen, warum wir uns davor nicht drücken und was wir ändern wollen. Erstens. Mehr Flexibilität durch Bachelor-Master. Ich habe in der Zeit studiert, in der Bachelor-Master eingeführt wurde. Ich weiß, welche Diskussionen das waren. Bachelor-Master – ist das gut, ist das schlecht? Es bietet einfach irre viele Möglichkeiten. Aber dann sollten wir uns als Freistaat doch bitte, da wo wir es selber in der Hand haben, da wo wir dann hinterher die meisten Menschen davon im Staatsdienst haben, auch trauen, Bachelor-Master, ähnlich wie bei Jura, endlich auch beim Lehramt einzuführen. Bachelor-Master für Lehramt ist eine unserer Forderungen im Gesetzentwurf, sechs Semester Basisstudium, vier Semester Master. (Beifall bei den GRÜNEN und der SPD) Was mir auch wichtig ist und was ich in den Punkten des Gesetzentwurfs der Staatsregierung bisher nicht sehe: Uns sind alle Schulen wichtig. Deswegen fordern wir sechs Semester Bachelor, vier Semester Master für alle Schulen. Wir unterscheiden da nicht. Die Anforderungen sind unterschiedlich, aber alle Lehrkräfte sind wichtig. (Beifall bei den GRÜNEN) Sehen wir uns noch einmal an, warum die Leute kein Lehramt studieren, oder warum wir sie verlieren. In unserem Entwurf würden wir das erste Staatsexamen streichen. 75 % der bayerischen Lehramtsstudierenden bewerten das Staatsexamen als unangemessen und nicht mehr zeitgemäß. Wenn ich die Lehramtsstudierenden des gymnasialen Lehramts an der TU München hernehme, dann stelle ich fest: 20 % von denjenigen, die die Zulassungsvoraussetzungen erfüllen, treten das Staatsexamen gar nicht erst an. Deswegen fordert der Landestudierendenrat – an dieser Stelle geht ein Gruß an meine Nachfolger:innen als Sprecher – ein Bachelor-Masters-Studium für das Lehramt. Und deswegen fordern wir das auch. Ein Drittel erwägt bereits während des Studiums, ins innerdeutsche Ausland zu wechseln und mit Blick auf das Staatsexamen Bayern zu verlassen. Wenn schon ein Drittel der bayerischen Studierenden überlegt, wegen des Staatsexamens das Land zu verlassen, kann man sich umgekehrt fragen: Schaffen wir es eigentlich, die Leute zu gewinnen, die der Liebe wegen, der Berge wegen, oder warum auch immer im Verlauf des Studiums ins Lehramt nach Bayern wechseln? Deswegen würden wir ein Staatsexamen streichen und das Bachelor-Master-System einführen. Zweitens. Wir würden eine Ausbildung nach Altersstufen einführen: Primarstufe von der Grundschule bis zur sechsten Klasse, Sekundarstufe von der fünften bis zur zehnten Klasse – das ist eine kleine Überlappung – Sekundarstufe II von der zehnten bis zur dreizehnten Klasse und noch eine spezielle Vertiefung für Inklusion. Dazu sage ich ausdrücklich: Diese Vertiefung gilt nicht allein für Förderschulen, sondern für alle Schulen, die inklusiv arbeiten sollen. Das wäre aus meiner Sicht die Riesenchance, die man beliebig ausbauen kann. Das Bachelor-Master-System bietet die Flexibilität, dass man mit diesem Grundgerüst Vertiefungen, Weiterbildungen und Nachqualifizierungen vornehmen kann. Auch ein späterer Wechsel durch die Anerkennung eines Fachbachelors in das Lehramt ist eine der Möglichkeiten, die das Bachelor-Master-System eigentlich bieten soll. Warum sollten wir das den bayerischen Lehramtsstudierenden verwehren? Deswegen fordern wir das Bachelor-Master-System und in diesem Fall die ebenfalls geforderte Ausbildung entsprechend der Altersstufen. Drittens. Wir fordern mehr Praxis. Zumindest bei diesem Punkt stelle ich fest, dass wir uns einig sind. Mehr Praxis ist gut; aber bessere Praxis wäre noch besser. In unserem Gesetzentwurf plädieren wir dafür, dass wir Studierende nicht in das kalte Wasser werfen. Wir wollen ein Praxissemester im universitären Masterstudiengang verankern, damit es begleitet erfolgt und als Verzahnung zwischen universitärer Ausbildung und späterem Schuldienst stattfindet. Im Referendariat ist es ebenfalls wichtig, dass wir Reformen anstoßen. Drei von vier Lehramtsstudierenden in Bayern haben im Studium Angst vor dem Referendariat. Uns steht es nicht zu, zu bewerten, ob dies begründet ist; aber wenn drei von vier Studierenden Angst davor haben und wir Lehrkräfte gewinnen wollen, dann müssen wir uns das anschauen und ändern. (Beifall bei den GRÜNEN) Gerade einmal 5 % freuen sich auf das Referendariat. Dies ist für uns der Grund dafür zu fordern, ein Semester als Praxissemester in das Masterstudium zu integrieren. Der Vorbereitungsdienst soll von 24 auf 18 Monate gekürzt werden, damit das Referendariat nicht länger wird. Im Referendariat soll sichergestellt werden, dass es sich bei Beurteilung und Coaching um zwei verschiedene Bereiche handelt. Diejenigen Leute, die dazu anleiten, bessere Lehrkräfte zu werden, sollten nicht dieselben Leute sein, die die angehenden Lehrkräfte bewerten. Viertens. Wir wollen, dass in allen Lehramtsstudiengängen Zukunftsthemen verankert sind. Dabei geht es um Digitalisierung, Datenkompetenz, interkulturelle Fähigkeiten und Inklusion. Dies alles kann im Studium verankert werden. Vor zwei Jahren waren im Bildungs- und im Sozialausschuss einige Kolleginnen und Kollegen anwesend, als das Pooling-Modell vorgestellt wurde. Dabei ging es auch darum, dass Lehrkräfte der Zukunft in heterogenen und multiprofessionellen Teams arbeiten. Diese Kompetenzen können in das Studium besser eingebaut werden, indem sie Teil der zu vermittelnden Lerninhalte sind. Zum Abschluss stelle ich fest: Für mich stellt unser Gesetzentwurf eine echte Reform dar. Damit trauen wir uns an einige Fragen heran, deren Beantwortung sich die Staatsregierung bisher nicht zutraut. Lehrkräfte sollen den Kindern und Jugendlichen Sicherheit, Orientierung und Selbstvertrauen geben und Bildung vermitteln. Dafür bedarf es einer Ausbildung, die die Lehrkräfte stärkt, mehr Flexibilität durch das Bachelor-Master-System, der Einsparung eines Staatsexamens, zeitgemäßer Studieninhalte, mehr und bessere Praxis und eines Referendariats, das begleitet statt abschreckt. Ich möchte, dass die bayerischen Lehrkräfte von Morgen die bestmögliche Ausbildung erhalten. Dafür braucht es vonseiten der CSU und der FREIEN WÄHLER mehr Mut. Vielleicht bringen Sie diesen Mut ja noch auf. Wir werden im Ausschuss über den Entwurf beraten. Ich freue mich auf die Diskussion. (Beifall bei den GRÜNEN)

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