Anna Stolz
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Mittelschule ist eine starke Schulart zur individuellen Persönlichkeitsbildung und das Rückgrat der beruflichen Bildung in Bayern. Sie sichert Chancen, sie gestaltet Zukunft für die Ausbildung, für beruflichen Erfolg und für ein selbstbestimmtes Leben. Jeder vierte Schüler geht nach der Grundschule auf die Mittelschule. Es sind mehr als 200.000 Schülerinnen und Schüler, die wir heute ganz besonders in den Mittelpunkt rücken wollen. Die Mittelschule ist ihr Sprungbrett für vielfältige Berufs- und Bildungswege. Deswegen sage ich zunächst einmal unseren Schulleitungen, unseren Lehrkräften, der ganzen Schulfamilie an unseren Mittelschulen meinen besonderen Dank und meine höchste Anerkennung. (Beifall bei den FREIEN WÄHLERN und der CSU) Sie begleiten junge Menschen mit großem Engagement, mit pädagogischem Gespür, mit einem klaren Blick für die individuellen Talente. Sie machen junge Menschen zu starken Persönlichkeiten, und sie führen die Schülerinnen und Schüler zu Abschlüssen, die bei unserer Wirtschaft ganz hoch angesehen sind. Kurz: Sie alle leisten Großartiges für ganz tolle junge Menschen. Damit ist klar: Die bayerische Mittelschule ist Kernfundament für unsere bayerische Wirtschaft, aber darüber hinaus auch für unsere gesamte Gesellschaft. Zur Wahrheit gehört auch: Die Herausforderungen werden größer. Die Schülerschaft wird heterogener, das herausfordernde Verhalten nimmt zu, Basiskompetenzen in Deutsch und Mathematik sinken, und, ja, wir brauchen dringend mehr Lehrkräfte an unseren Mittelschulen. Das ist hier aber keine Frage der Stellen. Wir brauchen mehr Nachwuchs. Einstellung ist hier garantiert. Lieber Michael Koller, vielen Dank auch noch einmal für deine klare Aussage: Solange die Mittelschule wie heute ständig schlechtgeredet wird, bleibt das eine verdammt schwierige Aufgabe. (Beifall bei den FREIEN WÄHLERN und der CSU) Wenn man der Opposition so zuhört, dann meint man, da wird der Kopf in den Sand gesteckt, weil wir ohnehin keine Lehrkräfte haben. Über diese Herausforderung, die da ist – die möchte ich gar nicht abstreiten –, wird gejammert, und das war es. Ich sage Ihnen ganz klar: Das ist nicht mein Weg. Ich kämpfe für diese so wichtige Schulart, auch wenn wir vor Herausforderungen stehen. (Beifall bei den FREIEN WÄHLERN und der CSU) Sie haben scheinbar nicht verstanden, dass es bei dieser Mittelschulinitiative genau darum geht, die Schulart noch attraktiver zu machen und dadurch auch mehr Nachwuchs zu gewinnen. Natürlich haben wir in der Vergangenheit schon viel gemacht. Ich nenne A 13, ich nenne mehr multiprofessionelle Teams, mehr Verwaltungsangestellte. Ich sage aber auch deutlich: Das reicht mir nicht. Deshalb habe ich vor über einem Jahr eine Expertenrunde aus echten Schulpraktikern gegründet. In vielen Treffen wurde intensiv diskutiert. Es wurde um beste Lösungen gerungen, und am Ende standen ganz konkrete Vorschläge für eine Weiterentwicklung und Stärkung unserer Mittelschule. Diese Vorschläge habe ich dann nicht einfach verkündet, sondern ich habe noch einmal die gesamte Mittelschulfamilie in den Prozess einbezogen. Das heißt ganz konkret: Ich habe im November und im Dezember alle Mittelschulen aus ganz Bayern zu vier regionalen Mittelschulwerkstätten eingeladen – ich sage es noch einmal: alle –, um die Ideen der Expertengruppe gemeinsam, intensiv, konstruktiv noch einmal zu diskutieren. Wir haben dann fast 650 Rückmeldungen, sehr viel positives Feedback mit hilfreichen Anregungen aus der Praxis erhalten: nicht von wenigen Einzelnen, nicht aus einem stillen Kämmerlein irgendwo im Ministerium, nicht von einem einzelnen Verband diktiert, sondern wirklich von der Basis, von allen Profis vor Ort, Schülerinnen und Schülern, Schulleitungen, Lehrkräften, Schulaufsicht, Wirtschaft, Verbänden und kommunalen Vertretern. All ihre Expertise und nicht weniger steckt in unserer Mittelschulinitiative. So geht Bildungspolitik in Bayern: bottom-up, nicht top-down, von der Schulfamilie für die Schulfamilie. (Beifall bei den FREIEN WÄHLERN und der CSU) Jetzt muss ich auch noch deutlich sagen: Wenn dieser Beteiligungsprozess von einem Verband als Politshow bezeichnet wird, ärgert mich das. Das ärgert mich so richtig – nicht wegen mir, sondern wegen unserer Schulleitungen und Lehrkräfte, die sich da so engagiert und konstruktiv eingebracht haben. Das war gerade keine Show, das war keine Presseveranstaltung. Ich habe nicht einmal Presse eingeladen. Das war ein echtes, ein höchst demokratisches Beteiligungsformat mit echten Ergebnissen, und das lassen wir uns auch von niemandem, ob Verband oder Opposition, schlechtreden. (Beifall bei den FREIEN WÄHLERN und der CSU) Die Ergebnisse dieser Mittelschulinitiative möchte ich nun kurz noch einmal vorstellen. Ich fasse sie unter die drei Begriffe "Zeit, Zukunft und Ziele" zusammen. Ich beginne mit "Zeit". Zeit" bedeutet: Zeit zum Lernen, Zeit für Entwicklung, Zeit für Basiskompetenzen. Was heißt das konkret? – Das jahrgangsübergreifende Lernen, kurz JAMI, ermöglichen wir künftig noch mehr Mittelschulen. Das heißt, Schülerinnen und Schüler werden in den Jahrgangsstufen 5 und 6 gemeinsam unterrichtet. Sie können bei Bedarf die Jahrgangsstufen 5 und 6 in drei statt in zwei Jahren durchlaufen. Ich drücke es mal mit den Worten eines Schülers aus, der bei einer Mittelschulwerkstatt dabei war. Er hat gesagt: Ich finde es toll, dass die Fünft- und Sechstklässler sich gegenseitig helfen können, dass man zusammenarbeiten darf. Ich wünsche mir, dass andere wissen, wie toll JAMI ist. – Mit JAMI holen wir junge Menschen dort ab, wo sie stehen. Wir geben ihnen die Zeit, die sie für ihren individuellen Lernweg brauchen. Daneben geben wir den Schulen mehr Flexibilität bei der Umsetzung der Stundentafel. Das heißt, Schulen können zusätzlich Zeit gezielt für Deutsch, Mathematik oder Englisch einsetzen, wo Schülerinnen und Schüler besondere Unterstützung brauchen. Mir ist dabei wichtig – ich sage das ausdrücklich –: Kein Fach wird gestrichen oder abgewertet. Die Fächer, aus denen Stundenanteile verschoben werden können, wechseln regelmäßig. So sichern wir zum einen die Basiskompetenzen, zum anderen die Lernziele einer ganzheitlichen Bildung. Als weitere Maßnahme erproben wir in den Jahrgangsstufen 7 bis 9 einen integrierten M-Zug. Damit fördern wir leistungsstarke Jugendliche noch besser. (Zuruf der Abgeordneten Gabriele Triebel (GRÜNE)) Die Schülerinnen und Schüler bleiben dabei in ihrem Klassenverband. Sie werden nicht wieder getrennt, sondern alle behalten die Chance auf einen mittleren Schulabschluss. (Zuruf der Abgeordneten Gabriele Triebel (GRÜNE)) Der klassische M-Zug bleibt selbstverständlich bestehen. Wir eröffnen damit aber noch mehr Wege zum Abschluss und stärken gleichzeitig Mittelschulstandorte. Mit diesen drei Maßnahmen nutzen wir die Zeit für eine noch individuellere Förderung und Persönlichkeitsbildung; denn gute Bildung braucht Zeit für individuelle Wege. Damit komme ich zum zweiten Begriff: "Zukunft". Zukunft bedeutet: Wir gestalten Lernen lebensnah. Wir sichern Übergänge und stärken die Berufsorientierung. Was heißt das konkret? – Künftig wird Projektarbeit schon ab der 5. Jahrgangsstufe systematisch eingesetzt und auch als Leistungsnachweis bewertet. Damit stärken wir eine moderne Prüfungskultur, eine Kultur, die nicht nur Wissen abfragt, sondern Kompetenzen sichtbar macht. Daneben werden auch Abschlussprüfungen in bestimmten Fächern – etwa in Geschichte, Politik, Geografie sowie Natur und Technik – zukünftig stärker projektorientiert gestaltet. Des Weiteren stärken wir mit Intensivpraktika die Berufsorientierung, und zwar begleitend zum Unterricht über einen längeren Zeitraum, wodurch auch mehr Zeit für individuelle Förderung, Beratung und Persönlichkeitsentwicklung entsteht. Das alles wird durch Berufsentwicklungsgespräche zwischen Lehrkräften, Eltern und Schülerinnen und Schülern ergänzt. Gute Bildung macht stark für eine gute berufliche und private Zukunft. Dritter Begriff: "Ziele". Ziele geben Orientierung. Ziele geben Qualität. Ziele helfen dabei, Schulen zu unterstützen. Das heißt wiederum konkret: Zunächst setzen wir auf eine evidenzbasierte Schul- und Unterrichtsentwicklung. Programme wie die Fachintegrierte Leseförderung Bayern – FiLBY – und QuaMath stärken gezielt die Basiskompetenzen. Deshalb weiten wir sie in der Mittelschule deutlich aus. Wir erproben in einem Schulversuch mit der Stiftung Bildungspakt Bayern weitere Tools. Hierzu stärken wir unsere Lehrkräfte gezielt mit Fortbildungen. Daneben machen wir sie im Umgang mit herausforderndem Verhalten resilient; denn wir lassen unsere Lehrkräfte nicht allein. Darüber hinaus – das ist mir ganz wichtig – stärken wir die Schulleitungen. Wir unterstützen Schulen dabei, Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen und Führung und Schulentwicklung gemeinsam zu gestalten. Das heißt, Schulleitung im Team wird künftig an den Mittelschulen eingeführt. Das ist eine Botschaft, die mir wichtig ist: Dafür gibt es auch Ressourcen. Ressourcen wird es für die Schulen zur Umsetzung dieser Initiative auch geben. Gute Bildung gelingt am besten im Team und mit klaren Zielen vor Augen. Dabei unterstützen wir unsere Schulen. (Beifall bei den FREIEN WÄHLERN und der CSU) Liebe Kolleginnen und Kollegen, eine starke Mittelschule bedeutet starke Fachkräfte, eine starke Wirtschaft und ein starkes Bayern. Genau deshalb entwickeln wir die Mittelschule zum Schuljahr 2026/2027 mit mehr Zeit, mit mehr Flexibilität, mit individuellen Wegen, mit mehr Kompetenzen, mit Praxis- und Berufsorientierung, mit starken Lehrkräften, mit Teams und mit Tools weiter. Deshalb starten wir noch heute unsere Imagekampagne zur Mittelschule, damit alle die großartige Arbeit unserer Mittelschulen sehen und sie auch so würdigen, wie sie es verdienen. Die Mittelschule sichert Chancen und gestaltet Zukunft. Die Mittelschule macht stark für jeden Weg. Vor allem aber hat die Mittelschule großartige junge Menschen, einzigartige Talente, auf die wir alle verdammt stolz sein können. (Beifall bei den FREIEN WÄHLERN und der CSU)
