Eva Lettenbauer
Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Wie viele Deutsche braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln? – Einen, weil wir sehr effizient sind und keinen Humor haben. Viele von Ihnen und euch haben das bestimmt auch schon einmal gehört. Gerade das Ausland hat diesen Blick auf uns. Zwar lässt sich über den Humor streiten, aber die Effizienz ist nachgewiesen. Deutschland arbeitet in absoluten Stundenzahlen weniger als viele andere Industrieländer. Unsere Arbeitsproduktivität pro Stunde liegt jedoch unter den allerhöchsten weltweit. Die Beschäftigten geben täglich Vollgas, egal ob in der Werkstatt, im Büro, in der Forschung oder der Pflege. In Deutschland sinkt die durchschnittliche Arbeitszeit deshalb auch pro beschäftigter Person seit Jahrzehnten. Trotzdem wächst das BIP. Wir arbeiten effizient und werden immer effizienter. Rund 29 % der Beschäftigten in Deutschland arbeiten in Teilzeit. Falls es nicht alle wissen, sage ich es noch einmal, um es auf den Punkt zu bringen. Bei Frauen arbeitet jede Zweite, bei Männern etwa jeder Achte in Teilzeit. Die Gründe dafür sind nachvollziehbar. Ein Viertel kümmert sich um Kinder oder pflegebedürftige Angehörige. Ungefähr 10 % nutzen die Teilzeit für Weiterbildung und Qualifikation. Mit Lifestyle hat das nichts zu tun, mehr mit Durchs-Leben-Kommen und Überleben. (Beifall bei den GRÜNEN und der SPD) Trotzdem hat die Union zurzeit ein Lieblingsthema. Sie wälzt ihr eigenes wirtschaftliches Unvermögen auf die Bevölkerung ab. Hören Sie endlich auf, Testballons steigen zu lassen, wie sehr man die eigenen Bürgerinnen und Bürger verunglimpfen oder ihnen das Soziale in der Marktwirtschaft wegnehmen kann. Es gibt nur eine Antwort, wie weit dieser Ballon steigen darf: Gar nicht. Pflegen am Limit, Schrauben im Leerlauf – die Union will, dass alle noch länger arbeiten müssen. Mehrarbeit für die Erschöpften in der Pflege, Stillstand für die Suchenden, beispielsweise im Bereich Automobilzulieferer – das ist blanker Unsinn. (Beifall bei den GRÜNEN) Statt Ihrer Ballons sollten wir eigentlich besprechen, wie alle so viel an Mehrarbeit leisten können, wie sie möchten, damit es in ihr Leben passt und damit es die Wirtschaft stärkt. Voraussetzung dafür sind genug bezahlbare Kitaplätze und zuverlässige Betreuungszeiten in der Krippe, in der Kita, in der Grundschule und darüber hinaus. Zusätzlich benötigen wir deutlich mehr Pflegeangebote, gerade auch ambulante Tagespflege. Das gibt Flexibilität für Arbeitnehmer:innen. Weiter sind mehr steuerliche Anreize für Arbeit, sinkende Transferentzugsraten und mehr Fachkräfteeinwanderung gefragt. Beschäftigte dagegen dafür verantwortlich zu machen, dass daheim eine Menge Arbeit auf sie wartet, ist eine Umkehr der Verantwortung. Schluss damit. Packen Sie endlich an! (Beifall bei den GRÜNEN) Zwei Punkte möchte ich noch ausführen: Wie können im Erwerbsleben alle gesund bleiben? Ein hoher Krankenstand ist kein Zeichen von Faulheit, sondern ein Spiegel der Arbeitswelt. Ein großer Teil der 14,5 Krankheitstage im Jahr geht auf die Langzeiterkrankungen von über sechs Wochen zurück, die den Durchschnitt nach oben ziehen. Die von Söder vorgeschlagenen Karenztage würden an der großen Belastung durch Langzeiterkrankungen betreffend den Rücken und die Psyche überhaupt nichts ändern. Sich dem Highlife für Erkältungsviren im Wartezimmer wegen einer Krankmeldung für einen Tag auszusetzen, schadet Menschen und Wirtschaft, weil dadurch Leute mehr und länger erkranken statt gesund zu werden. Die Lösung besteht in besseren Arbeitsbedingungen, genug Fachkräften in der Kita und in der Pflege, oder sicheren Arbeitsverträgen und realistischen Lieferzeiten statt Lieferfahrern am Limit. Es gäbe so viel anzupacken, beispielsweise mehr flächendeckende Gesundheitsprävention. (Beifall bei den GRÜNEN) Ich komme zum Schluss: Auf dem Arbeitsmarkt suchen gerade immer mehr Leute nach Arbeit. Wann kommt denn endlich die Unterstützung für die Wirtschaft, um wieder stark zu werden und sicher planen zu können? Es braucht billigen, von Autokratien unabhängigen Strom, Netze und Speichermöglichkeiten in Bayern und einen wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandort, der die Augen vor der Zukunft einer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft endlich nicht mehr verschließt. (Beifall bei den GRÜNEN)
