Andreas Hanna-Krahl
Sehr geehrter Herr Vizepräsident, geschätzte Kolleginnen und Kollegen! Medizinische Versorgung ist kein Luxus und darf es auch nicht werden. Sie ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge und darf nicht davon abhängen, ob jemand in München oder in einem Dorf im Bayerischen Wald lebt. Gerade im ländlichen Raum spüren wir jedoch, dass dieses Versprechen mehr und mehr unter Druck gerät. Arztpraxen schließen, Wege werden länger und immer mehr Menschen fragen sich zu Recht, was passiert eigentlich, wenn ich krank werde und niemand mehr da ist. Ich begrüße deswegen ganz ausdrücklich, dass wir heute versuchen, über Lösungen zu sprechen. Dabei müssen wir zwei Dinge ganz ehrlich benennen. Erstens betrifft der demografische Wandel auch die Ärzteschaft. Viele der Ärztinnen und Ärzte gehen in den Ruhestand. Außerhalb der Ballungsräume ist das ganz besonders spürbar. Zweitens gibt es seit Jahren deutlich mehr qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber für ein Humanmedizinstudium, als Studienplätze vorhanden sind. Hierbei bleibt trotz aller Bemühungen die Staatsregierung in der Verantwortung. Wer die Versorgung sichern will, muss auch langfristig ausreichend Studienplätze schaffen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir müssen aber auch ganz klar sagen: Die Herausforderungen im ländlichen Raum lassen sich nicht allein dadurch lösen, dass wir irgendwann nach dem Studium mehr Ärztinnen und Ärzte haben werden. Schon gar nicht lösen wir sie dadurch, dass wir Verpflichtungsmodelle für junge Menschen auf den Weg bringen, die sich bereits früh an eine Region binden müssen. Der Antrag als solcher – und das möchte ich betonen – verfolgt allerdings durchaus ein nachvollziehbares Ziel. Ich erkenne ausdrücklich an, dass mit den EU-Medizinstipendien neue Wege gesucht werden, um dem Problem entgegenzutreten. Ich bin aber auch ehrlich: Gänzlich überzeugt mich das nicht. Medizinische Versorgungssicherheit darf nicht davon abhängen, dass junge Menschen früh weitreichende Verpflichtungen eingehen. Sie darf nicht davon abhängen, dass diese Verpflichtungen vielleicht im Zweifel sogar rechtlich fragwürdig sind. Selbst wenn es funktioniert – was ich mir ausdrücklich wünschen würde –, wäre die Wirkung doch erst in vielen Jahren wirklich spürbar. Die Menschen, die auf dem Land aktuell mit diesem Mangel leben, brauchen die Hilfe nicht nach Ende des Medizinstudiums, sondern jetzt. Wir müssen deswegen in Zukunft drei verschiedene Blickpunkte in den Fokus rücken: Erstens. Digitalisierung und Telemedizin müssen konsequent ausgebaut werden. Ärztinnen und Ärzte müssen nicht dauerhaft vor Ort wohnen, um Versorgung zu leisten. Hybride Modelle können gerade im ländlichen Raum spürbar für Entlastung sorgen. Zweitens. Wir brauchen mehr Unterstützung für Gemeinschaftspraxen, kommunale medizinische Versorgungszentren, Zweitpraxen und mobile medizinische Angebote. Diese Strukturen sind oft attraktiver für junge Ärzt:innen und stabiler für die gesamte Region. Drittens – das ist auch mein zentrales Anliegen –: Wir müssen weg von der rein arztzentrierten Versorgung. Pflegefachpersonen, Community Health Nurses, Notfallsanitäterinnen und -sanitäter und alle anderen Gesundheitsberufe können und müssen mehr in die Verantwortung genommen werden und mehr Verantwortung übernehmen. Das Ganze ist niemals ein Notbehelf, sondern vielmehr endlich ein moderner und zukunftsfähiger Ansatz, um die Gesundheitsstruktur auf dem Land am Laufen zu halten. Deshalb lautet mein Fazit: Wir teilen das Ziel, die medizinische Versorgung im ländlichen Raum auch wirklich zu sichern. Im vorliegenden Instrument sehen wir als GRÜNE nicht den überzeugendsten – Sie bemerken schon den Superlativ – Weg. Wir setzen vielmehr auf strukturelle, moderne und teamorientierte Lösungen in der Daseinsvorsorge. Aus diesem Grund werden wir uns bei dem heute vorliegenden Antrag enthalten und warten gespannt die Ergebnisse ab. (Beifall bei den GRÜNEN) Fünfter Vizepräsident Markus Rinderspacher: Vielen Dank, Herr Kollege Hanna-Krahl. – Für die SPD-Fraktion hat Frau Kollegin Ruth Waldmann das Wort.
