Verena Osgyan
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Mein Kollege Stephan Oetzinger hat im Großen und Ganzen schon richtig eingeordnet, was von solchen Planungen zu halten ist, fremdsprachige Studiengänge in Bayern komplett einzustellen. Ich möchte das noch ergänzen: Deutsch war vor über 100 Jahren um 1900 herum tatsächlich eine der führenden Wissenschaftssprachen, wenn nicht die Wissenschaftssprache der Welt. Davon zeugen auch heute noch beispielsweise deutsche Begriffe in der japanischen Wissenschaftsterminologie. Das hat sich seitdem nun einmal geändert. Viele Faktoren wie die Vertreibung der jüdischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, der Zweite Weltkrieg und der Aufstieg der USA zur führenden Leitnation im Kalten Krieg haben dazu geführt, dass ab Mitte des 20. Jahrhunderts – das ist ja auch schon eine Weile her – Englisch die Lingua franca in der Wissenschaft geworden ist. Das zurückdrehen zu wollen, ist weltfremd. Es wurde bereits genannt: Gerade in den MINT-Fächern ist Englisch die führende Sprache. Weniger als 1 % der Publikationen sind auf Deutsch. Das kann man natürlich aus nostalgischen oder auch aus gerechtfertigten sprachpolitischen Gründen beklagen, aber aus praktischer Sicht ist nun einmal ein nationaler Sonderweg kaum möglich und sinnvoll. Es gibt einfach keine kritische Masse an deutschsprachigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mehr, die das noch drehen könnten. Es wäre deshalb ein Weg in die nationale Isolierung gerade in dem Moment, wo es nicht unwahrscheinlich ist, dass mehr internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Weg nach Deutschland finden, weil sie hier eben eine Wissenschaftsfreiheit finden, die ansonsten weltweit unter Druck gerät. Dass man jetzt umschwenkt und nur noch Deutsch als Wissenschaftssprache fordert, funktioniert halt einfach nicht. Man muss natürlich auch sagen: Aus der individuellen Perspektive gerade junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellt sich schon die Frage, ob sie im Zuge ihrer Karriereplanung die Publikation tatsächlich in einer Sprache wählen sollen, die eben wenig zitiert wird und weltweit wenig verstanden wird. Man kann es bedauern, dass es wieder wie im Mittelalter heißt: Germanica non leguntur. In vielen Forschungsfeldern ist es aber nun einmal weder möglich noch sinnvoll, sich gegen den Trend zum Englischen zu stellen. Zu glauben, man könnte durch das Streichen fremdsprachiger Studiengänge Deutsch wieder zum Standard machen, ist, glaube ich, eine sehr verfehlte Annahme. So schießt man sich im Zweifel nur selbst ins Abseits. (Beifall des Abgeordneten Harry Scheuenstuhl (SPD)) Dennoch ist eine Stärkung von Deutsch als Wissenschaftssprache möglich und wünschenswert; das schließt sich auch gar nicht aus. Sinnvolle Vorschläge dazu – das haben wir vorhin auch schon gehört – unterbreitet hier zum Beispiel der Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache, der sich für eine differenzierte Mehrsprachigkeit einsetzt. Das beginnt damit, die Sprachenzentren zu stärken und sicherzustellen, dass bestimmte Studiengänge nicht nur auf Englisch, sondern wahlweise auch auf Deutsch angeboten werden. Da bin ich mit Herrn Oetzinger vielleicht nicht ganz auf einer Wellenlänge, aber nichtsdestoweniger: Man kann an der Stelle vieles Weitere machen, um unter anderem deutschsprachige Publikationen zu fördern. Ich hätte als Vorschlag zum Beispiel eine Förderkulisse für die Übersetzung von Lehrwerken und Monografien sowie die Verdolmetschung auf Wissenschaftstagungen, alles Dinge, die machbar sind. Letztlich ist es auch für internationale Studierende wichtig, während des Studiums verhandlungssichere Deutschkenntnisse zu erwerben, wenn sie als Absolventinnen und Absolventen in Deutschland bleiben und auf dem hiesigen Arbeitsmarkt Fuß fassen wollen. Es gibt außerhalb des akademischen Bereichs schließlich nur wenige rein englischsprachige Arbeitgeber. Auch deshalb braucht es vermehrte Investitionen in Sprachkurse, unabhängig davon, ob die Studiensprache Deutsch oder Englisch ist. An all diesen Vorschlägen könnte man sich orientieren; das haben Sie aber nicht getan. Die starren Vorgaben, die Sie machen wollen, nämlich fremdsprachige Studiengänge einfach auszuschließen, führen nur zu einer nationalstaatlichen Verzwergung der Wissenschaft in Deutschland. Das können wir nicht wollen. Ich fasse zusammen: Deutsch als Wissenschaftssprache zu fördern, ist ein legitimes Anliegen. Das teilen wir hier im Hohen Haus, glaube ich, alle. Hier wird aber das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Es geht zum einen gegen die Interessen der Studierenden und Lehrenden, es ist zum anderen unrealistisch und zumindest so, wie es die AfD vorschlägt, nicht umsetzbar, und es ist ein typischer Schaufensterantrag, wie wir ihn von Ihnen nur allzu gut kennen. Deshalb ist der Antrag abzulehnen. (Beifall bei den GRÜNEN)
