Christian Zwanziger
Sehr geehrter Präsident, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Auch ich finde, Bayern ist ein schönes Land, von der Rhön bis Berchtesgaden, vom Bayerischen Wald bis nach Nördlingen. Es gibt viele schöne Ecken in diesem Land. Ich würde mir wünschen, dass alle, die den "Lonely Planet" international lesen, darüber hinausgehen und alle Teile Bayerns besuchen. Zwar ist Neuschwanstein sicherlich schön, aber es gibt auch viele andere Highlights in Bayern. Die Kolleginnen und Kollegen haben schon ausgeführt, dass Bayern 100 Millionen Übernachtungen hat. Diese sind ungleich verteilt, in Oberbayern und Schwaben sind es ungefähr 62 Millionen, der Rest verteilt sich auf das Land. Herr Kollege Holz, Sie haben die Vielfalt beschrieben. Ich konnte an Ihrer Rede relativ wenig anstößig finden. (Thomas Holz (CSU): Sehr gut!) Andererseits habe ich mich schon gefragt: Bei Ankündigung einer Aktuellen Stunde zum Tourismus habe ich erwartet, dass irgendwie klar wird, wie es mit dem Bayern-Tourismus weitergeht. Vielleicht wird das Tourismuskonzept der Staatsregierung aus dem Jahr 2010 aktualisiert und ins Hier und Jetzt gebracht. (Michael Hofmann (CSU): Die Staatsministerin spricht noch, Herr Kollege!) Das Tourismuskonzept ist aus dem Jahr 2010. Herr Kollege Holz, Herr Kollege Saller und alle Kolleginnen und Kollegen, die nach mir reden, das Schöne am Tourismus ist auch, dass nicht jedem das Gleiche gefallen muss. Mir gefällt wahrscheinlich etwas anderes als Ihnen. Herrn Saller und Frau Müller gefällt wieder etwas anderes. Wir sollten in Bayern für alles Angebote haben. Leider ist der Fokus der landespolitischen Ebene recht schmal. Ich gehe noch kurz auf das Thema Fachkräfte ein. Es kann nicht sein, dass wir in einer Branche wie dem Tourismus händeringend Arbeitskräfte suchen und Bayern trotzdem so rigoros beim Thema Abschieben ist. (Beifall bei den GRÜNEN) Zwar hat das originär nichts mit dem Tourismus zu tun, aber das muss sich ändern. Wir würden dieser Branche einen Gefallen tun. Wer arbeiten möchte und sich nichts zuschulden kommen lässt, der gehört nicht abgeschoben, sondern darf bitte hier arbeiten. Der fehlt sonst den Betrieben. Herr Holz, Sie haben von Urlaub für alle gesprochen. Urlaub für alle ist aber auch ein bisschen ein Trugschluss. Jeder achte Mensch in Deutschland kann sich nicht eine Woche Urlaub im Jahr leisten. Jeder achte Mensch! Da muss ich sagen: Tourismusmarketing ist das eine. Aber wenn wir die Jugendherbergen in Schuss halten würden, wenn wir die Jugendherbergen richtig fördern würden, wenn wir auch andere Angebote unterstützen würden, käme auch der kleine Geldbeutel nicht zu kurz. Das sind dann meistens nicht die Leuchttürme, für die man sich vor Ort vielleicht feiern kann. Aber da müssen wir in die Fläche, damit sich zukünftig sich nicht jeder achte in Deutschland keinen Urlaub leisten kann, sondern viele Menschen auch mit einem kleinen Geldbeutel gerne in Bayern Urlaub machen. (Beifall bei den GRÜNEN) Wir stehen hier im Landtag, es gibt ein Landesmarketing. Aber zu dieser Branche gehört, dass sie so vielfältig ist. Sie wird von vielen einzelnen Unternehmerinnen und Unternehmern geprägt. Diese Angebote schaffen wir alle nicht. Ich habe keinen Kanuverleih an der Altmühl, und Sie betreiben wahrscheinlich auch keinen Campingplatz bei sich vor Ort. Die Brache ist so vielfältig, und alles, was funktioniert, uns zuzuschreiben, wäre genauso falsch, wie alles, was nicht funktioniert, auf uns zu übertragen. Das ist eine vielfältige Branche, das ist eine Chance, und aus meiner Sicht müssen wir uns ansehen, was die strukturellen Dinge sind, die wir für die Branche verbessern können. Da hätte ich schon noch ein paar Ideen: einerseits Urlaub für alle – das habe ich gesagt –, andererseits Nachhaltigkeit. Das steht heute auch im Titel der Aktuellen Stunde. Aber was machen wir denn für die Nachhaltigkeit? – Die Klimakrise ist eine Riesenherausforderung für Bayern. Jetzt kann man sich das schönreden, und manchmal – heute noch nicht – wird dann zum Beispiel ein Klimadiagramm von Mailand neben eines von München gelegt, und die Leute sagen: Mensch, wenn die Leute zukünftig nicht in Italien Urlaub machen, sondern in Bayern, bedeutet das mehr für uns. In Teilen gibt es da vielleicht eine Chance. Aber das ist ehrlich gesagt nicht die Welt, in der ich leben möchte; denn was das dann für Südeuropa heißen würde, in welcher Welt wir dann leben würden, das wäre eine Katastrophe. Aber auch wir in Bayern haben doch mit Hochwassern zu tun. Wir haben mit Niedrigwassern zu tun, die der angesprochene Kanuverleiher nicht lustig findet. Die Schifffahrt an der Donau und am Main findet das auch nicht lustig. Wir haben mit Schneemengen zu tun, die entweder zur Unzeit kommen oder dann nicht liegen bleiben und wegschmelzen. Das sind alles Sachen, die Menschen beschäftigen, die sich in der Natur aufhalten wollen – und viele Menschen wollen wegen der Natur nach Bayern kommen. Je chaotischer, unvorhersehbarer und extremer das Klima wird, desto schwieriger wird es auch für touristische Angebote in der Fläche. Deswegen lautet mein Appell: Tourismus ja, aber Tourismus braucht intakte Natur. Dazu gehören Umweltschutz sowie Klimaschutz, und deswegen müssen wir da endlich aktiver werden. (Beifall bei den GRÜNEN) Nachhaltigkeit geht im Tourismus aber auch konkreter, zum Beispiel bei der Mobilität. Ich habe mich zum Thema Mobilität mit der Kollegin Ministerin in Kirchheim auf der Landesgartenschau auch schon ein bisschen länger duelliert. Ich will weiß Gott nicht sagen, dass Mobilität die einzige Facette der Nachhaltigkeit beim Tourismus ist. Das ist sie natürlich nicht, aber wenn man die Nachhaltigkeit zum Beispiel am CO -Fußabdruck einer Reise misst, dann ist die Mobilität schon ein entscheidender Faktor. Jetzt komme ich auf den "Lonely Planet" zurück: Es freut mich, dass der "Lonely Planet" für nächstes Jahr für Neuschwanstein wirbt, für Rothenburg wirbt und auch für andere Orte in Bayern wirbt. Aber wenn gleichzeitig Züge nach Füssen gestrichen werden und die Menschen von München nach Füssen zukünftig nicht mehr mit dem Zug kommen – am besten vielleicht sogar noch an den Fuß des Berges –, sondern umsteigen müssen, doch ins Auto steigen, dann freue ich mich jetzt schon nicht auf die Debatten, die wir nächsten Sommer haben werden, wenn die Blechlawinen sich wieder in die Täler wälzen. Da könnte man rangehen. Das müssen wir ändern. Es kann doch nicht sein, dass der Freistaat als Besteller des Schienenpersonennahverkehrs Verbindungen zu touristischen Verkehren streicht. Es kann nicht sein, dass das Verkehrsministerium mir antwortet, dass sie für touristische Verkehre nicht zuständig seien. Kolleginnen und Kollegen, das müssen wir ändern, wenn die Staatsregierung das von alleine nicht tut. Ich wünsche uns allen, dass wir den richtigen Schubs in die richtige Richtung geben und das anpacken. (Beifall bei den GRÜNEN) Auch beim Thema Mobilität gibt es, wie es im Tourismus halt so ist, sehr viele kleine Projekte, die natürlich auch Mut machen. Aber sie kämpfen mit schweren Ausgangslagen. Zum Beispiel hat Bad Hindelang in der Anhörung auf Bundesebene zu Protokoll gegeben: Ja, wir in Bad Hindelang sind als Kommune für Tourismus zuständig. Wir sind aber nicht der Träger des ÖPNV vor Ort. Wir führen eine Gästekarte ein, damit unsere Gäste ihr Auto stehen lassen oder am besten gar nicht erst mit dem Auto kommen. Sie können dann vor Ort umsonst Bus oder Bahn fahren. Nur wenn am Wochenende der ÖPNV nicht fährt, weil der Markt Bad Hindelang den ÖPNV nicht plant, dann ist das ein Problem, und das müssen wir auf Landesebene adressieren. – Touristische Verkehre, Ausflugsverkehre, Freizeitverkehre, gehören zum ÖPNV dazu. Da muss der Freistaat endlich umdenken. (Beifall bei den GRÜNEN) Noch ein paar kleinere, konkrete Sachen: In der Corona-Zeit wurde der Ausflugsticker mit dem Ziel der Besucherlenkung eingeführt. Das hat damals Minister Aiwanger eingeführt. Im Wesentlichen wurden auch Parkplätze mit Sensorik ausgerüstet. Als ich zuletzt nachgeschaut habe, waren es 142 Parkplätze mit Echtzeitdaten. Da frage ich mich schon. Die Echtzeit ist meistens ein Problem. Man fährt in München los und weiß, dass der Parkplatz leer ist. Wenn man zwei Stunden später vor dem Parkplatz steht, ist er voll. Die Echtzeitdaten sind einfach nicht State of the Art. Den Ausflugsverkehr frage ich regelmäßig ab: Wie läuft der denn so? Wird er genutzt? – Kolleginnen und Kollegen, wenn der Ausflugsticker 2021 2,8 Millionen Aufrufe hatte, 2022 1,2 Millionen, 2023 640.000 und 2024 – das läuft noch – 340.000 hat – mit schweren Chancen, die 600.000 vom letzten Jahr zu knacken –, dann müssen wir uns doch mal eingestehen: Okay, das war es vielleicht nicht. Dann bitte ich auch darum, dass man sagt: Okay, das war ein Versuch, das kann ich auch eingestehen. Man hat es halt mal probiert. Aber der Ausflugsticker wird die Blechlawinen im Alpenraum offensichtlich nicht steuern. Deswegen bitte her mit neuen Ideen, mit neuen Möglichkeiten für die Kommunen, den ÖPNV auf den Tourismus auszulegen; mehr Power für die Schiene, wenn der Freistaat den Verkehr bestellt. Der Ausflugsticker wird die Besucherströme offensichtlich nicht lenken. (Beifall bei den GRÜNEN) Die Kongressinitiative ist jetzt auch schon ein paar Mal angesprochen worden. Das finde ich gut. Ich finde es gut, dass wir den Eventtourismus und den Tagungstourismus in Bayern stärken wollen. Nur, Kolleginnen und Kollegen, bald geht es um den Nachtragshaushalt. Ich will auch, dass da etwas drinsteht; denn bisher ist die Kongressinitiative subsumiert unter einem Haushaltstitel, der noch gekürzt wurde, in dem auch Tourismusmarketing drinsteht. Ich lese zwar in jeder Pressemitteilung von 25 Millionen Euro über fünf Jahre für den Tagungstourismus, aber das Geld muss dann auch im Haushalt zu finden sein, sonst ist es eine Pressemitteilung und mehr nicht. Legen Sie im Nachtragshaushalt also gerne auch mal nach. Die Seilbahnförderung für die Beschneiung wäre aus meiner Sicht natürlich etwas, wo man Geld auch anders verwenden könnte. Ob jetzt für die Kongressinitiative, für nachhaltige Mobilität vor Ort, für den sanften Tourismus vor Ort, das ist mir ehrlich gesagt egal. Da wird es vielfältige Angebote geben. Wir müssen die Vielfalt des Bayern-Tourismus stärken, und dann bin ich mir auch sicher, dass wir weiterhin sehr gut vom Tourismus und mit dem Tourismus werden leben können. Aber den Status quo zu konservieren ist halt keine Tourismuspolitik, sondern das ist ein Klammern an den Status quo, und das geht in die Hose. Packen wir es deswegen endlich an und updaten den Bayern-Tourismus! (Beifall bei den GRÜNEN)
