Andreas Birzele
Sehr geehrtes Präsidium, liebe Kolleginnen und Kollegen! Kollege Wagle, ich habe in meinen 25 Jahren im Berufsleben als Handwerker bestimmt auch so viele Baustellen gesehen wie Sie; das aber nur als Nebenbemerkung. "Grün" heißt nicht "keine Ahnung von Handwerk". Das Handwerk als Rückgrat unserer bayerischen Wirtschaft und Gesellschaft – oder wie es die Handwerkskammern so trefflich formulieren und wie es heute auch schon gesagt worden ist –: Die Wirtschaftsmacht von nebenan steht heute vor großen Herausforderungen, aber auch vor enormen Chancen. In Zeiten des Fachkräftemangels und angesichts der notwendigen Energie- und Bauwende sowie auch angesichts der Digitalisierung müssen wir uns die Frage stellen, wie wir es schaffen, dass das Handwerk bleibt, was es immer schon war, nämlich stark, innovativ und attraktiv. Eine der drängendsten Herausforderungen ist, wie gesagt, der Fachkräftemangel. Unsere Handwerksbetriebe finden mittlerweile oftmals keine qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr, um die bestehenden Aufträge abarbeiten zu können. So geht es nicht nur mittelständischen Firmen in der Stadt, sondern auch kleineren Betrieben auf dem Land. Aufgrund des demografischen Wandels und der vermehrten "Nur-ein-Studium-macht-glücklich"-Einstellung – was das Studium durchaus machen kann – muss ein Fokus auf der aktiven Integration von Menschen mit Migrationshintergrund liegen. Einige dieser Menschen bringen Fähigkeiten und Fertigkeiten mit, die wir im Handwerk so dringend braucht. Ich habe es in meinem eigenen Betrieb immer wieder feststellen können. Es scheitert oft an den langen Anerkennungsverfahren oder fehlenden fachbezogenen Sprachkenntnissen. Heute ist schon genannt worden: In Bayern stellt das Handwerk 17 % der Betriebe, ist aber für 30 % der gesamten Ausbildungen zuständig. Das ist ein enormes Potenzial für die Integration, welches noch viel effizienter und pragmatischer genutzt werden muss. Gleiches gilt für die Frage, wie man im Handwerk arbeitet. (Beifall bei den GRÜNEN sowie Abgeordneten der SPD) Wir sprechen oft über große Klimaziele und Zeiträume, in denen wir das alles umsetzen wollen. Bayern will alles viel früher tun als der Bund. Die Frage ist nur: Wie wollen wir zum Beispiel die dringend notwendige Bau- und Energiewende fünf Jahre früher schaffen als der Bund, wenn wir uns bei diesem so wichtigen Thema hier schon im Klein-Klein verlieren? Wer soll denn all die Solaranlagen installieren? Wer soll die Häuser energetisch sanieren und die Fenster einbauen? Wer soll die Infrastruktur für die Mobilitätswende schaffen? – Es sind die Handwerkerinnen und Handwerker vor Ort, die bei Wind und Wetter draußen stehen und ohne deren Zutun wir schlichtweg verratzt wären. Wir könnten uns ohne Handwerkerinnen und Handwerker alle gesteckten Jahreszahlen in die Haare schmieren. Wir müssen deswegen das Handwerk als zentralen Akteur auf dem Weg zur Klimaneutralität bis zum Jahr 2040 nach Kräften unterstützen. Das bedeutet unter anderem, in mehr Weiterbildung zu investieren und den Betrieben die notwendigen Mittel an die Hand zu geben, damit sie die Herausforderungen meistern können. (Beifall bei den GRÜNEN) Dabei geht es nicht immer nur um Klimaschutz, sondern auch um die Bäckerinnen und Bäcker, die in der Früh schon in der Backstube stehen, damit wir morgens Semmeln und Brezen haben. Das gilt auch für die Metzgerinnen und Metzger, die uns jeden Tag aufs Neue mit Produkten versorgen, auf die sie zu Recht stolz sein können. Wir müssen schauen, dass wir den bayerischen Handwerksbetrieben nach Kräften unter die Arme greifen und sie für die Zukunft fit machen. Leider sind nicht alle Handwerksbetriebe digital so aufgestellt, wie es nach dem Stand der Technik möglich wäre. Sie stoßen immer wieder an ihre Grenzen, beispielsweise wegen eines fehlenden Glasfaseranschlusses, sodass das Verschicken größerer Dateien nicht möglich ist oder die Teilnahme an neuen Verfahrenstechniken wie zum Beispiel dem 3D-Druck verhindert wird. Gerade in ländlichen Gebieten haben wir hinsichtlich der Infrastruktur noch gewaltig Luft nach oben. Ich weiß garantiert, wovon ich rede. Als Schreinermeister bin ich der SPD wirklich sehr für dieses Thema dankbar. Das Thema lautet: "Handwerk schafft Zukunft für Bayern!" – aber nur derjenige, der die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft. Das Handwerk ist nicht nur zukunftsweisender Wirtschaftszweig, sondern es bewahrt auch unsere Traditionen. In Bayern haben wir eine lange und stolze Handwerksgeschichte, die unser kulturelles Erbe bildet – sei es im Bauwesen, in der Kunst oder in der Herstellung hochwertiger Produkte. Das Handwerk hat es immer schon verstanden, Tradition mit Innovation zu verbinden. Damit uns die Traditionen nicht verlorengehen, muss das Handwerk den Mut haben, neue Wege zu gehen, um zukunftsfähig zu bleiben. Es geht hierbei um die Verbindung von Tradition und Innovation, zwischen Klimaschutz und wirtschaftlichem Fortschritt. Für uns hier bedeutet das, für diese unersetzliche Säule solche Rahmenbedingungen zu schaffen, dass das Handwerk wieder mehr junge Menschen begeistert und sie mit einem Handwerksberuf sowohl die Vergangenheit bewahren als auch die Zukunft gestalten können. Genau das soll das Ziel meiner großen Handwerkstour durch alle bayerischen Regierungsbezirke sein, die ich im Auftrag meiner Fraktion durchführen darf. Wie auf einer Baustelle sollten wir die Herausforderungen gemeinsam angehen. Wir sollten die Energiewende zusammen mit dem Handwerk vorantreiben. Das Ungleichgewicht zwischen akademischer und handwerklicher Ausbildung sollten wir ausgleichen und die Digitalisierung nutzen. Das Handwerk kann die Herausforderungen meistern; darin bin ich mir absolut sicher. Die Frage ist nur, ob wir das hier gemeinsam schaffen. Das Handwerk wird es uns auf jeden Fall danken. (Beifall bei den GRÜNEN sowie Abgeordneten der SPD)
