Ruth Müller
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Lassen Sie uns doch noch einmal zusammenfassen, worum es am 9. Juni geht: Es geht darum, wie unser Europa in Zukunft aussehen soll. Daran, wie die Vergangenheit war, möchte ich heute auch noch erinnern. Ich gehöre einer Generation an, die ohne Großväter aufwachsen musste. Meine Großväter sind auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs geblieben. Sie hatten Wörterbücher mit Sätzen dabei, mit denen man mitteilen konnte, dass die Eltern oder der Pfarrer verständigt werden sollen. Viele von uns gehören einer Generation an, in der die Kriegserinnerungen an Gefallene, Vermisste und Verwundete noch Alltag in den Familien waren und sind. Auch in meiner Familie gab es Flucht, Vertreibung und Nächte in Luftschutzkellern. Mein Bruder und ich gehören zur ersten Generation in unserer Familie, die das nicht selbst erleben musste, aber von den Familienerinnerungen geprägt ist. Solange meine Großmutter lebte, hing in ihrem Wohnzimmer ein Bild der Breslauer Elisabethkirche. Dort hatte sie geheiratet. Dort war ihr Bruder als evangelischer Pfarrer ordiniert worden. Dort wurde mein Vater getauft. Dorthin wollte sie noch einmal. Nie wieder in ihrem Leben hat sie diese Kirche gesehen. Ich gehöre aber auch einer Generation an, die im Kalten Krieg aufgewachsen ist. Unsere Autos und Koffer wurden an den Grenzen zu den osteuropäischen Nachbarn gefilzt, und man hatte stets ein Gefühl der Beklemmung; aber meine Generation hatte auch das große Glück, miterleben zu dürfen, dass Mauern und Grenzen gefallen sind, dass unser Europa immer freier, größer und friedlicher wurde, dass Europa wieder eine Einheit wurde. Das ist der Wunsch vieler Länder und der Grund dafür, warum sie diesem unserem Europa angehören wollen. (Beifall bei der SPD) Deswegen ist es unser Auftrag, jetzt und in Zukunft dafür zu kämpfen, dass die Geschichtsvergessenen, die Geld- und Befehlsempfänger von Moskau und China keine Macht erhalten, um unser Europa zu zerstören und uns einzuschüchtern. (Beifall bei Abgeordneten der SPD) Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, nachdem die Welt im Zweiten Weltkrieg in einem Meer aus Blut, Tod und Tränen versunken ist, haben wir ein großartiges Geschenk bekommen: das Zutrauen, dass wir Demokratie können. Nachdem erst vor wenigen Tagen der Europatag war, können wir feststellen, dass Europa und Demokratie genauso zusammengehören wie Frieden und Freiheit. Weil wir wissen, dass Europa auch junge Menschen begeistert, weil sie an Austauschprogrammen teilnehmen können und schon in jungen Jahren die großartige Erfahrung eines grenzenlosen Europas machen dürfen, hat unsere Bundesregierung mit unserem Bundeskanzler Olaf Scholz das gemacht, was Teile dieser Staatsregierung seit Jahren den jungen Menschen versprechen: Sie hat nämlich das Wahlalter für die Europawahl auf 16 Jahre gesenkt. (Beifall bei der SPD) So sieht Teilhabe und Demokratie auf Augenhöhe aus. Unsere Aufgabe für die junge Generation ist es, die Demokratie in Deutschland und Europa zu verteidigen. Wir werden den Klimaschutz und die Modernisierung der Industrie weiter voranbringen. Wir werden unseren Wohlstand und gut bezahlte Arbeitsplätze sichern und ausbauen. Wir wissen auch, dass eine gerechte Sozialpolitik die Geschäftsgrundlage für eine gelingende Demokratie ist. (Beifall bei der SPD) Wer will, dass nie wieder Frauen um ihre Männer, Brüder und Söhne weinen müssen, und wer will, dass es selbstverständlich ist, dass Kinder und Enkelkinder ihre Väter und Großväter kennenlernen, darf nicht die Totengräber Europas wählen. (Beifall bei der SPD) Wer will, dass nie wieder Großmütter um ihre verlorene Heimat trauern, darf nicht die Feinde der Demokratie wählen. Ich will, dass mein Sohn nur Wörterbücher braucht, in denen etwa Fragen, wo man ein Surfbrett ausleihen kann, wo es eine günstige Übernachtungsmöglichkeit oder das beste Essen der Stadt gibt, übersetzt werden. Das ist das große Zukunftsversprechen Europas: Frieden und Freiheit für alle Generationen. (Beifall bei der SPD)
