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Hendrik Hering

27.01.2026 Sitzungen 18/100

Meine sehr verehrten Damen und Herren, Herr Ministerpräsident, liebe Kolleginnen und Kollegen, verehrte Gäste! „Eine leere, eiskalte Zelle, eine einfache Baumwolldecke und ein Ofen, in den nur selten ein paar Stückchen Kohle gelegt wurden. Ende Oktober schneite es in der Eifel bereits.“ So erinnerte sich Odile Benoist-Lucy an ihre Haft im Frauenstraflager Flußbach bei Wittlich. Odile Benoist-Lucy war 20 Jahre alt, Französin, Widerstandskämpferin. Ihr Bericht steht für zahllose Frauen, deren Leiden, Mut und Widerstand in der Zeit des Nationalsozialismus viel zu lange nicht beachtet wurden. In diesem Jahr wollen wir erstmals aus verschiedenen Perspektiven an das Schicksal der verfolgten Frauen erinnern. Das ist neu für einen Landtag in Deutschland, obwohl Frauen besonderen Arten der Verfolgung ausgesetzt waren. Warum blieb dies so lange ungesehen und unerforscht? Allein in Yad Vashem ist mehr als die Hälfte der ausgezeichneten „Gerechten unter den Völkern“ weiblich, und doch kennen wir auch diese Retterinnen kaum. Was sagt dies alles nicht nur über die Jahre der Diktatur, sondern auch über Politik und Gesellschaft nach 1945 aus? Meine Damen und Herren, seit drei Jahrzehnten erinnern wir am 27. Januar an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, einen Ort, an dem 7 t Zöpfe und lange Haare noch heute vom Leiden und Sterben von Millionen ermordeter Frauen und Mädchen zeugen. Bislang standen diese spezifischen Erfahrungen von Frauen als Opfergruppe nicht im Fokus des Gedenkens; dabei waren sie keine Randfiguren der NSVerfolgung. Im Gegenteil, das verbrecherische Regime übte gezielte Gewalt gegen sie aus, weil sie Jüdinnen oder Zwangsarbeiterinnen waren, weil sie in den besetzten Ländern wohnten, weil sie zur Minderheit der Sinti und Roma gehörten oder wegen ihrer sexuellen Orientierung, weil sie krank waren, eine Behinderung hatten oder als sozial auffällig galten, weil sie sich im politischen Widerstand oder aus religiösen Gründen engagierten. Ihre Verfolgung glich dabei in vielem derjenigen von Männern, aber nicht in allem. So waren Frauen etwa in besonderer Weise sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Sie wurden zwangssterilisiert, um ihnen das Recht auf Mutterschaft zu nehmen. Sie wurden in Lager- und Wehrmachtsbordellen erniedrigt, für medizinische Experimente missbraucht, in ihrer körperlichen und seelischen Gesundheit zerstört. Hinzu kam die doppelte Belastung: Weibliche Familienmitglieder litten unter der eigenen Verfolgung und trugen zugleich Verantwortung für Kinder, Eltern und Angehörige. Sie verloren soziale Netzwerke, Schutzräume, jede Form der Sicherheit. Sie wurden verfolgt, verschleppt – und vergessen. Ein Beispiel für dieses Vergessen ist das Frauenstraflager Flußbach am Rande der Eifel. Für mich ist dieser Ort genauso Teil unserer Landesgeschichte wie das SS-Sonderlager/KZ Hinzert, das als reines Männerlager heute eine staatliche Gedenkstätte ist. Aber wer kennt Flußbach? Was ist vom einstigen Lager überhaupt noch sichtbar? Wenige Trümmer auf einer grünen Wiese. Verleugnen, vergessen und verdrängen – das ist an vielen Orten noch heute gängige Praxis. Möglichst nichts soll mehr auf Diktatur und Unrecht hinweisen, das in der eigenen Region stattgefunden hat. Eine engagierte, in die Zukunft gerichtete Erinnerungskultur aber wird sich daran messen lassen müssen, ob sie Lücken im öffentlichen Gedächtnis schließt und Verantwortung klar benennt. Dazu gehört auch, ehemalige Lager und Haftstätten für kommende Generationen sichtbar und vor Ort zugänglich zu machen. Hier ist auch in Rheinland-Pfalz noch viel zu tun. Besonders lückenhaft ist unser Wissen über die Verfolgung von Frauen. Hängt es damit zusammen, dass jahrzehntelang hauptsächlich Männer über die NS-Zeit geforscht und geschrieben haben? Wenn ja, beginnt sich das glücklicherweise allmählich zu wandeln. Ich begrüße die Publizistin, Historikerin und ehemalige Leiterin der Gedenkstätte Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, Dr. Insa Eschebach. Wie kaum eine andere haben Sie, Frau Dr. Eschebach, die Geschichte verfolgter Frauen sichtbar gemacht. Viele dieser Frauen, so lernen wir, entwickelten geradezu übermenschliche Kräfte. Unter extremsten Bedingungen und oft im Verborgenen übernahmen sie Verantwortung für sich und andere. Sie mussten das Überleben im Ghetto, im Lager, auf der Flucht oder im Versteck organisieren. Sie hielten die Familien zusammen und bewahrten Menschlichkeit in unmenschlichen Verhältnissen. Emanuel Ringelblum, der Chronist des Warschauer Ghettos, schrieb in sein Tagebuch: „Die jüdische Frau wird einen wichtigen Platz in der jüdischen Geschichte für ihren Mut und ihre Standhaftigkeit einnehmen.“ Nach dem NS-Terror fanden viele der überlebenden Frauen die Kraft, ihr Leben neu aufzubauen, trotz tiefster Traumata, trotz Verlusterfahrungen, Scham, materieller Not und gesellschaftlicher Ausgrenzung. Ich denke dabei auch an die Widerstandskämpferinnen, die nach Kriegsende unser Grundgesetz mitformuliert haben. Eine generelle Anerkennung der Frauen im Widerstand blieb aber lange aus. Erst 2019 beschloss der Bundestag, sie offiziell zu würdigen, und auch der tafel an Franziska Kessel, die jüngste Reichstagsabgeordnete der Weimarer Republik. 1933 verteilte sie Flugblätter gegen die Nationalsozialisten, wurde verraten, verhaftet und misshandelt. Sie starb in einer Haftzelle keine 200 m von hier. Sie wurde nur 28 Jahre alt. Ihr Schicksal zeigt, Frauen nutzten Handlungsspielräume, auch unter Terror und Gewalt. Sie passten sich an neue Rollen an, zeigten Entschlossenheit, Führungsstärke und Mitgefühl. In der Rückschau wurden sie allerdings oft auf fürsorgliche Tätigkeiten und reine Unterstützung reduziert. Doch dieses Bild greift zu kurz. Tatsächlich übernahmen auch sie Schlüsselrollen im Widerstand und riskierten damit genauso ihr Leben wie Männer. Umso erschreckender ist es, dass ihr Einsatz und ihr Leiden auch nach 1 945 nicht oder nur unzureichend gesehen und anerkannt wurde. Die Gründe sagen viel über das Verdrängen und Verleugnen einer ganzen Generation aus und ebenso über die Gesellschaft der frühen Bundesrepublik. Politik, Justiz, Wissenschaft und Medien wurden nach Kriegsende überwiegend von Männern geprägt, deren Erfahrungen in Krieg, Gefangenschaft und Widerstand als repräsentativ gesehen wurden. Weibliche Erfahrungen von Verfolgung und sexualisierter Gewalt passten hingegen nicht in dieses Deutungsmuster. In Rheinland-Pfalz lagern einzigartige historische Quellen, die dieses erneute Unrecht bezeugen: die Akten des Amts für Wiedergutmachung in Saarburg. Sie dokumentieren viele Tausende Einzelschicksale – Anträge, eidesstattliche Versicherungen, Gutachten, persönliche Beweismittel. Sie zeigen, was Menschen – Frauen wie Männer – damals verloren haben: Gesundheit, Freiheit, Wohnung, Beruf, ihre gesamte Existenz. Sie machen allerdings auch die administrative Seite des Unrechts sichtbar, die Hürden und das Versagen staatlicher Stellen. Oft wurde Frauen ein Anspruch auf sogenannte Wiedergutmachung verweigert, weil man sie gar nicht als eigenständige Verfolgte betrachtete. Die spezifischen Formen weiblicher Verfolgung wurden nicht als solche anerkannt, sondern galten als „privates Schicksal“. Frauen, die keine Haft nachweisen konnten, sondern etwa Vergewaltigung oder Zwangsabtreibung erlitten hatten, hatten in diesem System kaum eine Chance auf Anerkennung. Das hing auch mit dem Frauenbild der frühen Bundesrepublik zusammen, das im Kern seit dem Kaiserreich unverändert geblieben war. So galt auch nach 1945: Die Frau existiert primär für andere. Mit umso größerer Sorge sehen wir aktuell wieder, dass rechtsextremistische Kreise ein autoritäres Rollenbild der Frau zelebrieren und weibliche Unterordnung als naturgegeben verkaufen. Der Trend der sogenannten Tradwifes ist mehr als nur ein Lifestyle im Retro-Look. Er kann einer Demokratie gefährlich werden, und zwar nicht, weil sich einzelne Frauen freiwillig für Hausarbeit oder Kinder entscheiden, sondern wegen des ideologischen Rahmens, in den dieses Modell von Antidemokraten bewusst gestellt wird. Demokratiefeinde erkennt man auch daran, dass sie Frauen zurück an den Herd bringen, sie aus dem öffentlichen Raum drängen, sie politisch mundtot oder wirtschaftlich abhängig machen wollen. Demokratiefeinde treten Frauenrechte mit Füßen. Annedore Leber, die Widerstandskämpferin und SPD-Politikerin, mahnte 1947 im Bundestag eindringlich: „Die Zeit erlaubt keinem von uns zu ruhen und auf ein Wunder zu hoffen.“ Ihr Appell ist heute, drei Generationen später, aktueller und dringlicher denn je. Meine Damen und Herren, wir müssen beginnen, endlich die ganze Geschichte zu erzählen. Wir müssen sagen, wie es wirklich war. Frauen waren ebenso Leidtragende der Verfolgung in der NS-Zeit wie Männer, aber sie waren oft mehr noch als Männer belastet, ausgeliefert, gepeinigt. Diese Gedenkstunde kann nur ein Anfang sein, die Biografien verfolgter Frauen auch in Rheinland-Pfalz tiefer zu erforschen. Hier gibt es noch erheblichen Nachholbedarf, aber jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Die Stimmen der Verfolgten – Frauen wie Männer – verpflichten uns: Lassen Sie uns Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde mit ganzer Kraft verteidigen. Die mutigen Frauen von damals haben es vorgemacht. Sie sind heute unsere Vorbilder. Meine Damen und Herren, im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus bitte ich Sie, sich nun von Ihren Plätzen zu erheben. (Die Anwesenden erheben sich von ihren Plätzen – Stilles Gedenken) Vielen Dank. (Die Anwesenden nehmen ihre Plätze wieder ein) Musik Katja Zakotnik, Cello Wiegala Ilse Weber (1903–1944) Erica Zingher: Wir hörten soeben das Schlaflied „Wiegala“ von Ilse Weber, entstanden im Ghetto Theresienstadt. Auch sie wurde von den Nationalsozialisten in Auschwitz ermordet. Liebe Anwesende, ich darf Ihnen jetzt die schon erwähnte Frau Dr. Insa Eschebach vorstellen und sie herzlich begrüßen. Frau Dr. Eschebach, 15 Jahre haben Sie die Gedenkstätte Ravensbrück geleitet. Wir freuen uns sehr, dass Sie da sind. Herzlich willkommen, und ich darf Sie ans Redepult bitten. Gedenkansprache Dr. Insa Eschebach: Herr Landtagspräsident, Herr Ministerpräsident, sehr geehrte Damen und Herren! Zunächst danke ich herzlich für die Einladung, heute zu Ihnen sprechen zu dürfen. Rasse und Geschlecht waren die zentralen Koordinaten der nationalsozialistischen Politik. Rassen- und geschlechterpolitische Ziele und Maßnahmen des NS-Regimes betrafen nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche, von der Familie über die Justiz bis hin zu den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs. Jeder Erlass, jede Durchführungsverordnung zugunsten von Frauen, Müttern und Familien – seien es Ehestandsdarlehen oder Kinderbeihilfen, seien es Mutterkreuze oder Mutterschutz – regelte zugleich den Ausschluss von Frauen, von jüdischen Frauen, von „fremdvölkischen“ Frauen, von sogenannten erbkranken, minderwertigen und asozialen Frauen. Das NS-Regime sah sich einer zweifachen Gefahr ausgesetzt: einerseits einer Bedrohung von innen durch als krankhaft und minderwertig erachtete Personen. Deren „minderwertiges Erbgut“ sollte aus dem Volkskörper ausgeschieden und durch Eingriffe in Leib und Leben – von der Zwangssterilisation bis zum Massenmord – ausgemerzt werden. Etwa 5.000 Menschen starben allein infolge von Zwangssterilisierungen, etwa 90 % von ihnen waren Frauen. Dem Euthanasie-Programm, der vom NS-Regime propagierten „Vernichtung unwerten Lebens“, sind deutlich mehr Frauen als Männer zum Opfer gefallen, weil die bei weiblichen Patienten geringer eingeschätzte Arbeitsleistung offenbar einen wesentlichen Selektionsfaktor darstellte. Neben der Gefahr von innen sah sich das NS-Regime bekanntlich auch von außen bedroht, durch die Vermischung der deutschen „Volksgemeinschaft“ mit anderen Rassen, die ethnisch oder eugenisch als minderwertig galten: Juden, die im deutsch dominierten Europa vollständig der Vernichtung anheimfallen sollten, Sinti und Roma, Fremd- und Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter aus dem Osten sowie die slawische Bevölkerung, die man im Zuge des Zweiten Weltkriegs planvoll – ich zitiere – zu „zig Millionen“ verhungern ließ. Polnische und russische Zwangsarbeiterinnen im Deutschen Reich mussten seit 1941 auch im schwangeren Zustand arbeiten und wurden zu Abtreibung und Sterilisation gedrängt. Fehlgeburten wurden herbeigeführt, Neugeborene den Frauen weggenommen und durch gezielte Vernachlässigung getötet. Von den deutschen Jüdinnen und Juden, die ab 1941 deportiert und getötet wurden, waren fast zwei Drittel Frauen, ebenso 56 % der Sinti und Roma, die die SS 1944 in Auschwitz mit Giftgas ermordete. Eine konkrete Zahl der Frauen unter den Millionen Ermordeten wird wohl immer unbekannt bleiben. Sehr geehrte Damen und Herren, in der Öffentlichkeit ist die Verfolgung von Frauen in der NS-Zeit und damit die Bedeutung der Kategorie Geschlecht lange Zeit nur unzureichend beachtet worden. Landtagspräsident Hendrik Hering hat eben schon darauf hingewiesen. Unter den Verfolgten des NS-Regimes konstituierten die männlichen politischen Gefangenen eine unausgesprochene Norm, der gegenüber jede andere Gruppe mehr oder minder als marginal platziert wurde. Einige Beispiele: Frauen verschwanden hinter der Anonymität des Worts „Häftling“. Auch „bei Zwangsarbeitern denkt man an erwachsene Männer, nicht an unterernährte kleine Mädchen“, so Ruth Klüger, die als Wienerin jüdischer Herkunft im Alter von 13 Jahren im Steinbruch des KZ Groß-Rosen arbeiten musste. In der DDR wurden männliche KZ-Häftlinge als „ruhmreiche Helden des antifaschistischen Widerstandskampfs“ gewürdigt, der Frauen gedachte man bestenfalls als „tapfere Mütter und Schwestern“ oder auch als „wehrlose Opfer der faschistischen Bestie“. Die Vorstellung, dass es sich bei den verfolgten Männern eher um Kämpfer, bei Frauen hingegen eher um Opfer handle, hält sich bis in die Gegenwart. Im Folgenden möchte ich Ihnen einige Beispiele dafür geben, warum Frauen verfolgt wurden und auf welch vielfältige Weise Frauen Widerstand geleistet haben. In den Erinnerungskulturen beider deutscher Teilstaaten blieben die Frauen unter den NS-Verfolgten wie gesagt weitgehend unsichtbar. Wann hat sich das geändert? In der Bundesrepublik war es die Frauenbewegung und damit die im bzw. nach dem Krieg Geborenen, die in den späten 1970er-Jahre n nach der sozialen Realität von Frauen im „Dritten Reich“ zu fragen begannen. Im Zentrum stand auch hier zunächst der Widerstand, mit dessen Hilfe man einen „positiven Beitrag der Frauen zur Geschichte“ aufzeigen wollte, mit dem Schwerpunkt auf Frauen in der Arbeiterbewegung. Zu dieser Zeit ging es auch darum, den „linken Widerstand“ zu würdigen, der durch den Kalten Krieg in Vergessenheit geraten war. Ein zweiter Schwerpunkt der historischen Frauenforschung galt dann in den 1980er-Jahren der Täterinnenperspektive und führte zu Debatten um die Täter- und Mittäterschaft von Frauen in der NS-Zeit. Jüdische Frauen, Sintize und Romnja waren in diesen Jahren noch so gut wie kein Thema, anders als in den USA. Hier waren es Historikerinnen jüdischer Herkunft, die in den 80er-Jahren neue Fragen stellten wie: Unterschieden sich die Verfolgungserfahrungen jüdischer Männer und Frauen? Gab es gleiche oder unterschiedliche Überlebensstrategien? Fest steht, dass aufgrund von möglicher Schwangerschaft, Abtreibung, sexueller Belästigungen, Demütigungen und Vergewaltigungen jüdische Frauen besonders gefährdet waren. Einige Überlebende berichten, dass Frauen, die sich bei Hausdurchsuchungen in den Ghettos zusammen mit anderen versteckt hatten, um der Deportation zu entgehen, genötigt waren, ihre Babys, wenn diese weinten, zu ersticken, um nicht die gesamte Gruppe in Gefahr zu bringen. Gleichwohl war diese Debatte um die Bedeutung von Geschlecht im Kontext des Genozids an den Juden immer wieder begleitet von einem Zweifel: Ist es angesichts des Völkermords nicht doch moralisch fragwürdig, über diese Dinge zu sprechen? Entehrt das Thema Sexualität nicht das Gedenken der Toten? Ist die Frage nach der Kategorie Geschlecht nicht überhaupt grundsätzlich trivial? Joan Ringelheim prägte in jenen Jahren die bis heute gültige Formel: „Different Horrors, Same Hell“. Nach dem Fall der Mauer nahmen in Deutschland die Forschungen zu den bislang marginalisierten Verfolgtengruppen Fahrt auf. Die großen KZ-Gedenkstätten, aber auch zivilgesellschaftliche Initiativen, Geschichtswerkstätten, Verfolgtenverbände und andere mehr recherchierten Biografien. Die soziale Bandbreite und weltanschauliche Vielfalt der NS-Verfolgten zeigte sich mehr und mehr. 1992 wurden auch die ersten Stolpersteine vor den Wohnorten NS-Verfolgter durch den Künstler Gunter Demnig gesetzt. Ehemalige Verfolgte, die bis dahin geschwiegen hatten, begannen, ihre Erinnerungen an die NS-Zeit aufzuschreiben: Ich erinnere an Ceija Stojka, die gemeinsam mit ihrer Mutter das sogenannte Zigeunerlager Auschwitz, dann das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück überlebte. 1945 wurde die damals Elfjährige im KZ Bergen-Belsen befreit. Ceija Stojka arbeitete im Nachkriegsösterreich als Marktfahrerin und veröffentlichte 1988 ihr erstes Buch „Wir leben im Verborgenen. Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin“. Nach dieser Veröffentlichung fassten auch andere Roma und Sinti den Mut, ihre Geschichte und Identität zu zeigen und ihre Angelegenheiten in die Hand zu nehmen. Ich erinnere aber auch an ein kleines Mädchen, ein im KZ Ravensbrück inhaftiertes Roma-Kind, das, wie es heißt, bereits plapperte, aber nie lachte. Auf die Frage nach ihrem Namen habe sie „Evelyn“ gesagt. Auf die Frage „Warum bist Du eingesperrt?“ habe sie mit schwacher Stimme geantwortet: „Ich bin politisch.“ Sie kannte auch ihre Nummer. Die Aufseherinnen ließen sich dies gern wiederholen und lachten darüber. Wir wissen nicht, ob Evelyn Ravensbrück überlebt hat. Ich erinnere an Martha Wölkert, der man am 16. Juni 1941 auf dem Marktplatz ihrer Heimatstadt Ahrendsee ein Schild umhängte mit der Aufschrift „Ich bin eine Sau, war deutsche Frau. Ich verkehre mit Polen“ und ihr die Haare scherte. Nach diesem Akt öffentlicher Demütigung wurde sie, von einem Spielmannszug begleitet, durch die Stadt geführt. Dies alles, weil sie zwei polnischen Zwangsarbeitern ein paar alte Kleidungsstücke ihres Mannes geschenkt hatte. Wegen „Verkehr mit Fremdvölkischen“ waren im KZ Ravensbrück etwa 3.500 Frauen inhaftiert, unter ihnen auch Martha Wölkert. Ich erinnere an Mary Pünjer, die mit der Diagnose des SS-Arztes Dr. Friedrich Mennecke – ich zitiere –: als „Volljüdin“ und „aktive (‚kesse‘) Lesbierin“ aus Ravensbrück in die Heil- und Pflegeanstalt Bernburg überstellt wurde. Die Hamburgerin war eine der 1.600 Frauen, die im Frühjahr 1942 in Bernburg im Rahmen der „Aktion 14f13“ mit Giftgas ermordet wurden. Ich erinnere an Marianne Scharinger, die, weil sie in vier Fällen Abtreibungen an anderen Frauen durchgeführt hatte, zunächst sechs Monate Kerkerhaft verbüßen musste. Anschließend wurde sie – wie andere „Engelmacherinnen“ auch – als sogenannte Berufsverbrecherin qualifiziert und verbrachte sechs weitere Jahre in den Konzentrationslagern Lichtenburg und Ravensbrück. Nicht aus ethnischen oder eugenischen Gründen, sondern weil sie Kritik geübt und Widerstand geleistet haben, wurden zahllose Frauen verfolgt. Hier sind zuerst die Tausende Frauen zu nennen, die in den besetzten europäischen Staaten Widerstand gegen die Deutschen geleistet haben und dafür Gefängnis- und Konzentrationslagerhaft verbüßten oder auch exekutiert worden sind. Erinnert sei beispielsweise an Violette Szabo, Denise Bloch und Lilian Rolfe, britische Fallschirmspringerinnen, die die SS in Ravensbrück mit Schusswaffen hinrichtete. Ich erinnere an Sophie Scholl, die vom Volksgerichtshof wegen des Verteilens von Flugblättern zum Tode verurteilt wurde. Aus einer Vernehmung vom 18. Februar 1943 ist folgender Satz der damals 22-Jährigen überliefert: „Die geistige Freiheit des Menschen wird in einer Weise eingeschränkt, die meinem inneren Wesen widerspricht.“ Ich erinnere an Elisabeth von Thadden. Sie war an keinen Umsturzplänen beteiligt, hatte keine Flugblätter verteilt oder verbotene Schriften publiziert. Sie hatte im Rahmen des teils konservativen, teils liberalen Solf-Kreises in Berlin Gespräche geführt. Dafür allein ließ die NS-Justiz sie hinrichten. Elisabeth von Thadden ist eine von 334 Frauen, die in Plötzensee mit der Guillotine enthauptet wurden. Ich erinnere an Doris Maase, die 1935 bei einem Treffen mit einer Kontaktperson des kommunistischen Widerstands verhaftet wurde. Ihre Ehe mit ihrem als „arisch“ geltenden Ehemann schützte sie vor der Deportation in ein Vernichtungslager. Sie überlebte die KZ Lichtenburg und Ravensbrück, arbeitete nach 1945 als Ärztin und vertrat die KPD im Stadtrat von Düsseldorf. Ich erinnere an Martha Fuchs, Mitglied der SPD und Abgeordnete im Braunschweigischen Landtag, die 1933 all ihre Ämter verlor und 1944 ins KZ Ravensbrück deportiert wurde. Sie überlebte und wurde 1946 Ministerin für Wissenschaft und Volksbildung des damaligen Landes Braunschweig und damit die erste Ministerin in Westdeutschland nach 1945. Ich erinnere an Helga Barth, religiöse Sozialistin, von der folgende Worte überliefert sind: Wenn der Nationalsozialismus „von uns Dinge verlangt, die mit dem Willen Gottes […] im Widerspruch stehen, so werden wir den schärfsten Kampf dagegen führen […]. Und eine Übertretung und geradezu Verhöhnung des Gottesgebots sehe ich in der Behandlung der Judenfrage.“ Helga Barth starb im Alter von 33 Jahren im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Ich erinnere an Katharina Mangold, Mitglied im Katholischen Frauenbund Deutschlands. Wegen regimekritischer Äußerungen wurde sie verhaftet und schließlich nach Ravensbrück überstellt, wo sie mit gleichgesinnten Katholikinnen heimlich Bibelandachten durchführte. 1946 wurde Katharina Mangold Vorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbunds in Frankfurt am Main. Ich erinnere an Erna Ludolph, Zeugin Jehovas, die zunächst wegen Verweigerung des Hitlergrußes, dann wegen des Verteilens eines offenen Briefs ihrer Religionsgemeinschaft verfolgt wurde. Im KZ Ravensbrück verweigerte sie gemeinsam mit 400 weiteren Zeuginnen Jehovas die Anfertigung von Nähtaschen für die Wehrmacht. Die Verweigerung des Kriegsdienstes in jeder Form war für diese Religionsgemeinschaft zwingend. Ich erinnere nicht zuletzt an Marlene Dietrich, die sich in den USA für ausgewanderte Jüdinnen und Juden sowie für politische Verfolgte einsetzte. In dem ihr eigenen Duktus sagte sie 1944 in einer an Wehrmachtsangehörige gerichteten Rundfunkansprache: „Jungs, opfert Euch nicht. Der Krieg ist doch Scheiße [und] Hitler ist ein Idiot.“ Nach 1945 international geehrt, wurde die Schauspielerin in Deutschland noch lange Jahre als „Landesverräterin“ geächtet. Deutlich wird: Die Kritik und der Widerstand gegen das NS-Regime – natürlich auch der von Männern – gleicht einer unglaublich vielstimmigen Erzählung. Kritik und Widerstand kamen aus sehr unterschiedlichen Milieus und waren durch unterschiedliche Überzeugungen – politische, soziale, anarchische, religiöse, humanitäre – gespeist. Wenn man sich nun fragt, was aus dieser Geschichte zu lernen sei, dann vielleicht dieses: Offene demokratische Gesellschaften begeben sich in Gefahr, wenn sie die ihr eigene Vielstimmigkeit unterdrücken und beseitigen wollen. Die heutigen Kritiker der Demokratie sind keine Nazis, wie Jens-Christian Wagner neulich hervorhob, aber sie bedienen sich ihrer Mittel: Angstmacherei, vor allem gegenüber den „Fremden“, aber auch gegenüber Transpersonen, Schüren des Nationalismus, Diffamieren politisch Andersdenkender als Volksfeinde. Die Auseinandersetzung mit inhumaner Praxis in der eigenen Geschichte ist notwendig, um Alarmzeichen wie diese zu erkennen. Abschließend komme ich noch einmal zurück auf unsere männlich dominierte Erinnerungskultur, die weder den Motiven von Kritik und Widerstand von Frauen noch ihren Überlebensstrategien einen besonderen Raum einräumt. Auch die Rückkehr aus den Lagern und Gefängnissen, die Versuche eines „Lebn aufs neu“, wie es im Jiddischen heißt, sind weiterhin Forschungsdesiderate. Dass Frauen ohne männliche Begleitung reisten, war Mitte des vorigen Jahrhunderts immer noch nicht selbstverständlich. Im Chaos des Kriegsendes wurden unbegleitete Frauen durchaus als Freiwild wahrgenommen, und zwar in erster Linie auch von Rotarmisten. Die Italienerin Fausta Finzi, eben aus Ravensbrück befreit, schildert entsetzliche Szenen, die sich in Neubrandenburg zugetragen haben: „Olga und Gina werden unten in einem Zimmer eingesperrt, und Livia muss anderthalb Stunden lang diesen schrecklichen Russen ertragen.“ Die Wienerin Irma Trksak hat im Jahr 2007 rückblickend ihre Vergewaltigung im Mai 1945 folgendermaßen kommentiert: „Ausgerechnet ein Rotarmist, der für uns mit dem Glorienschein der Helden und Kämpfer gegen Hitler versehen wurde, erweist sich als gemeiner Vergewaltiger von Frauen, die unter widrigsten Umständen das KZ überlebt hatten. Das war für uns schon eine herbe Enttäuschung. Wir haben es niemandem erzählt. […] Wir haben uns für den Rotarmisten geschämt.“ Es entsteht der Eindruck, als habe den Betroffenen vor allem in ihren frühen Berichten die Sprache gefehlt, um die Vergewaltigung beim Wort zu nennen. Beispielsweise heißt es, eine Kameradin war „in den Händen der Soldaten“ oder musste „den Russen erdulden“ oder auch: „Wenn sie etwas zu viel getrunken hatten, war es doppelt unangenehm.“ Die Schwierigkeit, sexuelle Gewalt als solche zu benennen, scheint zuallererst der Scham geschuldet zu sein: Erzählt wird, was gesellschaftlich erlaubt ist, zumal die Frauen mit der Unterstellung rechnen mussten, sie hätten sich freiwillig mit den Männern eingelassen. Oder aber das Erlebte passte nicht in das Bild junger Kommunistinnen, die dann, wie Irma Trksak, erst Jahrzehnte später über ihre Erfahrung sprachen. Die Rückkehr in die Heimat gestaltete sich häufig nicht wie erträumt. Die Ereignisse unter deutscher Besatzung, heroische Erzählungen über militärische Aktionen des nationalen Widerstands wie überhaupt die Kriegs- und Hafterfahrungen von Männern dominierten die öffentliche Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Von den weiblichen Deportierten wurde in weiten Teilen Europas angenommen, sie hätten sich ihre Rettung durch sexuelle Dienstleistungen erkauft. Allein schon als Frau verhaftet worden zu sein, konnte zur damaligen Zeit als Schande gelten. Womöglich hatte sich der Ehemann in der Zwischenzeit eine Geliebte genommen, die Kinder waren gewachsen und erkannten die Mutter nur noch mit Mühe, die Frauen selbst waren älter geworden. „Niemand verstand, was wir erlebt hatten“, so Simone Veil, die im Alter von 17 Jahren nach Auschwitz deportiert worden war. „Wir waren wie lästige Besucher von einem anderen Planeten.“ „Die Nachbarn liefen herbei, um die ‚Deportierte‘ zu sehen. Ich war die Attraktion des Stadtviertels.“ So beschrieb Micheline Maurel ihre Rückkehr nach Toulouse. „Die Fragen, die man mir stellte, waren immer die gleichen. ‚Hat man Sie auch vergewaltigt?‘ […] und ‚Wie kommt es, dass Sie nicht gestorben sind?‘“ Jüdische Frauen, die zunächst in die Heimat zurückkehrten, mussten erkennen, dass von ihren Familien in der Regel kaum jemand überlebt hatte. In Europa war der Antisemitismus zudem mit dem Kriegsende nicht einfach verschwunden. Zurückgekehrte jüdische Frauen trafen sowohl in West- als auch in Osteuropa häufig auf Nachbarinnen und Nachbarn, die sie denunziert oder aus ihren Häusern vertrieben hatten. In Polen mündete dieser Nachkriegsantisemitismus sogar in mörderische Gewaltausbrüche. Das Pogrom in Kielce am 4. Juli 1946, bei dem 42 jüdische Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt ermordet wurden, war nur eines unter mehreren. Sowohl in der Emigration als auch bei ihrer Rückkehr in die Heimat stießen die Frauen immer wieder auf die Erwartung, die KZ-Haft möge als bloße Episode gelten, die die Betroffenen durch den Beginn eines normalen Lebens möglichst zügig hinter sich lassen sollten. Hinzu kommt, die Mehrheit der Überlebenden war jahrzehntelang von jeder Entschädigung ausgeschlossen. Zwangssterilisationen, sogenannte Asoziale und Berufsverbrecher, Sinti und Roma, Homosexuelle, ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter und andere mehr galten lange nicht als entschädigungswürdig. Es war eine Mischung aus Rachsucht und Ressentiment, Pedanterie und Ignoranz, die den Umgang der westdeutschen Demokratie mit den ehemals Verfolgten auszeichnet. Dass die meisten der überlebenden NS-Verfolgten gestorben sind, ohne je als solche anerkannt zu werden, ist eine zusätzliche Hypothek, mit der wir in Deutschland leben müssen. Vielen Dank. Erica Zingher: Frau Dr. Eschebach, vielen Dank für diese sehr eindringlichen Schilderungen. Danke, dass Sie auch – wie ich es angekündigt hatte – über den Widerstand der Frauen gesprochen haben. Ich denke, einiges von dem, was Sie angesprochen haben, nehmen wir auch gleich in eine Gesprächsrunde mit, die hier stattfinden wird. Bevor wir aber mit unseren Gästen sprechen, möchte ich die Historikerin Dr. Lena Haase entschuldigen, die heute leider nicht dabei sein kann, da sie erkrankt ist. Biografien verfolgter Frauen Schulprojekt des Gymnasiums Nackenheim unter der Leitung von Anja Windmöller Bevor wir gleich mit drei Nachfahrinnen verfolgter Frauen ins Gespräch gehen werden, hören Sie erst einmal ein wenig mehr über die Biografien dieser verfolgten Frauen und ihrer Familien von den Schülerinnen des Gymnasiums Nackenheim. Ich bitte meine Gäste, schon jetzt hier vorne Platz zu nehmen. (Es wird eine Toncollage mit gesprochenen Zitaten abgespielt) Stimmen: Sie wurde denunziert. Im Flüsterton: Sie wurde denunziert und die ganze Zeit überwacht. Riesige Maschinen, permanente Feuchtigkeit, Arbeit ohne Unterbrechung. Von 352 überlebten 32. Und ich bin die Tochter, Enkeltochter und letzte noch Lebende meiner Familie. Und plötzlich war meine Mutter nicht mehr da. Im Flüsterton: Zwangsarbeit, Verfolgung, Ungewissheit. Hoffnung. Erinnerung. Stimme. Erzähle, erzähle, welche Gräueltaten uns angetan worden sind! (Ende der Toncollage – Die Schülerinnen halten ein großformatiges Foto hoch) Lara Roth: Ein Foto. Ein Alltagsmoment. Aufgenommen vor dem Krieg: Maria Bremser mit ihrer kleinen Tochter Rosi im Arm. Rosi ist heute hier. Leonie Zerr: Maria Bremser, geborene Ott, kam 1906 in der Mainzer Neustadt zur Welt. Mit neun Geschwistern erlebte sie eine unbeschwerte Kindheit. Sie arbeitete für die jüdische Kanzlei Kramer Kallman. Als die Eigentümer das Land verlassen mussten, wechselte sie als Sekretärin zu Opel. Lara Roth: 1939 begann für Maria eine Zeit großer seelischer Not. Leonie Zerr: Ihre Tochter Rosi erinnert sich: Lara Roth: „Sie konnte den Alltag nicht mehr bewältigen. Sie missachtete die Verdunkelungspflicht, weil sie die Dunkelheit nicht ertrug. Heute würde man das eine Depression nennen.“ Leonie Zerr: Der Druck der Behörden wuchs. Maria wurde in die Städtische Klinik Mainz eingewiesen. Rosi lebte fortan bei der Großmutter und besuchte ihre Mutter in der Klinik. Lara Roth: „Sie war an ihr Bett gefesselt, in einem Saal mit zwölf Patienten. Medikamente gab es nicht.“ Leonie Zerr: Es folgten weitere Aufenthalte in Nervenkliniken. 1944 wurde Maria nach Hadamar verlegt. Lara Roth: 75 km von Mainz entfernt. Leonie Zerr: In der Tötungsanstalt Hadamar wurden zwischen 1941 und 1945 fast 15.000 Menschen ermordet, im Rahmen der nationalsozialistischen sogenannten Euthanasie-Programme und unter aktiver Beteiligung des Personals. Lara Roth: Der Familie teilte man mit, Maria sei am 1. Juni 1944 an „Herzschwäche“ gestorben. Leonie Zerr: Eine gezielte Täuschung. Lara Roth: Maria Bremser wurde in Hadamar ermordet. Rosi war neun Jahre alt. Leonie Zerr: Heute erinnert ein Stolperstein vor ihrem ehemaligen Wohnhaus in Gustavsburg an Maria Bremser. (Die Schülerinnen halten ein zweites großformatiges Foto hoch) Lola Arens: Ein Foto. Ein stiller Moment. Aufgenommen nach dem Krieg: Rosa Keck mit ihrer Tochter Melanie an der Hand. Carmen, Tochter von Melanie, Enkeltochter von Rosa, ist heute hier. Marie Korner: Rosa Keck lebte in den 1930er-Jahren mit ihrer Familie im Rheinland. 1 938 flohen sie nach Belgien, um der nationalsozialistischen Verfolgung von Sinti und Roma zu entgehen. Lola Arens: Sicherheit fanden sie dort nicht. Marie Korner: 1944 deportierten die Nationalsozialisten die hochschwangere Rosa und ihre Familie nach Auschwitz-Birkenau. Kurz nach der Ankunft brachte sie ihren zweiten Sohn zur Welt. Lola Arens: Er starb nach zwei Monaten. Marie Korner: Der Alltag im Konzentrationslager war geprägt von Hunger, Krankheit und Tod. Rosa und ihre Familie wurden Opfer der medizinischen Experimente von Josef Mengele. Ihre Mutter Auguste Pohl starb kurz nach der Ankunft an den Folgen. Lola Arens: Rosa überlebte Auschwitz. Und Ravensbrück. Und Bergen-Belsen. Fast ihre gesamte Familie wurde von den Nationalsozialisten ermordet. Marie Korner: Ihr Überleben wurde zum Auftrag: zu erinnern, zu erzählen, zu mahnen. Diesen Auftrag gab sie weiter an ihre Tochter Melanie: Lola Arens: „Liebes Kind, geh raus. Erzähle! Erzähle, was man unserer Familie angetan hat.“ Marie Korner: Melanie Spitta, 1946 geboren, machte dies zu ihrer Lebensaufgabe. Sie wurde Bürgerrechtlerin und Filmemacherin. Ihr Dokumentarfilm „Das falsche Wort“ gehört zu den wichtigsten filmischen Arbeiten über den nationalsozialistischen Völkermord an Sinti und Roma. 2005 starb sie in Frankfurt am Main. Lola Arens: Ihre Tochter Carmen führt Rosas Auftrag heute weiter. (Die Schülerinnen halten ein drittes großformatiges Foto hoch) Leonie Zerr: Ein Foto. Eine Erinnerung. Aufgenommen 1938: Theresa Böhm lächelt in die Kamera. Ihre Enkeltochter Mascha Krink ist heute hier. Lara Roth: 1931 verließen Theresa Böhm und ihr Ehemann Herbert ihr Zuhause in Baden. Auf der Suche nach Arbeit und einer besseren Zukunft machten sie sich auf den Weg. Leonie Zerr: Quer durch Deutschland. Zu Fuß. Mit drei kleinen Kindern. Lara Roth: Zeitweise mussten die Eltern betteln, um ihre Kinder zu ernähren. 1933 kamen sie in Zwickau an. Eine Notwohnung am Stadtrand. Herbert, von Beruf Zimmermann, wurde wiederholt Arbeit im Straßenbau zugewiesen. Er nahm sie jedes Mal an und gab sie nach kurzer Zeit wieder auf. Leonie Zerr: Das genügte. Lara Roth: Die Familie geriet ins Visier des sogenannten Wohlfahrtsamts. Sie wurden überwacht, kontrolliert, denunziert. Leonie Zerr: Die nationalsozialistischen Behörden stuften Theresa und Herbert als sogenannte Asoziale ein. Lara Roth: 1939 entzogen sie ihnen das Sorgerecht für ihre sieben Kinder. 1940 wurden die Eltern in die Landesarbeitsanstalt Bräunsdorf in Sachsen eingewiesen. Leonie Zerr: Die Nationalsozialisten nannten es „Umerziehung“. In Wirklichkeit: Zwangsarbeit, Hunger, Demütigung. Lara Roth: Theresas Entlassung erfolgte nach drei Monaten. Herbert wurde in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert, später nach Ravensbrück. Dort verliert sich seine Spur. Leonie Zerr: Vermutlich wurde er von den Nationalsozialisten ermordet. Lara Roth: Theresa blieb allein zurück. Sie stellte Anträge, bat um Rückgabe der Kinder, kämpfte. Vergeblich. Leonie Zerr: Erst nach dem Krieg konnte sie drei ihrer Kinder wiedersehen. Nicht, weil man sie ihr zurückgab, sondern weil die Kinder fortliefen. Zu Fuß, von Sachsen nach Niederbayern. Lara Roth: 1952 starb Theresa Böhm in Niederbayern an Krebs. Sie wurde 43 Jahre alt. (Die Schülerinnen halten ein viertes großformatiges Foto hoch) Marie Korner: Ein Foto. Eine Begegnung. Aufgenommen 2018: Odile Benoist-Lucy im Zeitzeugengespräch mit der Historikerin Dr. Lena Haase. Lola Arens: Odile Benoist-Lucy, 1921 in einem Pariser Vorort geboren, stammte aus einer französischen Offiziersfamilie. 1942, mit 20 Jahren, sprühte sie mit ihrer Schwester Protestbotschaften gegen die deutschen Besatzer an Häuser ihres Heimatorts. Marie Korner: Die Folgen: Verhaftung, Verurteilung, Deportation ins Deutsche Reich als sogenannte Nacht-und-Nebel-Häftlinge. Lola Arens: Im April 1943 deportierten die Nationalsozialisten Odile in das Frauenstraflager Flußbach bei Wittlich. Dort musste sie Zwangsarbeit leisten. In ihrer Autobiografie schreibt sie: Marie Korner: „Riesige Maschinen, permanente Feuchtigkeit, Arbeit ohne Unterbrechung. Um uns zu wecken, richtete die Aufseherin einen starken Wasserstrahl auf uns, der uns vor Kälte zittern und vor Müdigkeit beben ließ.“ Lola Arens: Weitere Stationen der Haft folgten. Nach zwei Monaten wurde sie nach Flußbach zurückverlegt, unter verschärften Haftbedingungen. Marie Korner: „Eine leere, eiskalte Zelle, ein Brett als Bett, eine einfache Baumwolldecke. Kaum Kohle für den Ofen.“ Lola Arens: Odile fand Halt bei anderen inhaftierten Frauen, ebenfalls Widerstandskämpferinnen. Von Flußbach aus wurde sie weiterdeportiert, nach Bergen-Belsen und in die Strafanstalt Fuhlsbüttel. Im Mai 1945: Befreiung durch britische Truppen. Marie Korner: Odile kehrte nach Frankreich zurück. 1960 fing sie als Referentin bei der Europäischen Kommission an. Ihr Engagement galt der europäischen Einigung. Lola Arens: Odile Benoist-Lucy starb 2024 in Paris. Sie wurde 103 Jahre alt. (Die Schülerinnen halten alle vier großformatigen Fotos hoch) Annabell Kurz: Maria Bremser, Rosa Keck, Theresa Böhm, Odile Benoist-Lucy: Sie stehen stellvertretend für die unzähligen Opfer nationalsozialistischer Verfolgung und Gewalt. In den Gesprächen mit den heute hier anwesenden Frauen wurde uns deutlich, wie wichtig es ist, ihren Biografien eine Stimme zu geben; denn Erinnerung bedeutet mehr als Gedenken. Sie bewahrt Würde und fordert Verantwortung. Erica Zingher: Vielen Dank an die Schülerinnen des Gymnasiums Nackenheim für diese biografischen Vorstellungen. Gesprächsrunde Moderiertes Gespräch mit Nachfahrinnen verfolgter Frauen und Expertinnen über die Auswirkungen der Verfolgung auf die Familien bis heute Ich darf jetzt die drei Frauen begrüßen, die hier mit mir sitzen: Mascha Krink, Carmen Spitta und Rosi, Rosi aus Mainz. Das ist kein Zufall. Es klingt vielleicht ein bisschen komisch, wenn ich eine ältere Frau einfach Rosi aus Mainz nenne, aber wir kommen gleich darauf zu sprechen. Wir wollen das Gehörte jetzt vertiefen mit diesen drei Frauen, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit dieser nationalsozialistischen Verfolgungsgeschichte verbunden sind, sei es durch die unmittelbare eigene Erfahrung oder die Erfahrung aus der eigenen Familie. Ich beginne mit Ihnen, Rosi. Wir haben gerade von Ihrer Mutter gehört. Sie waren noch ein Kind, als Ihre Mutter ermordet wurde. Können Sie uns vielleicht einmal mit zurücknehmen in die Vergangenheit? Was hat das für Sie damals als Kind bedeutet? Rosi aus Mainz: Das war im Dritten Reich. Wenn ich heute Depression höre: Jeder Fünfte ist schon deprimiert heutzutage. Im Dritten Reich gab es das nicht. Das war schon das Todesurteil, praktisch. Meine Mutter hat sich verändert. Kritisch wurde es bei Kriegsbeginn. Da gab es die Verdunkelungspflicht. Meine Mutter hat das irgendwie nicht eingesehen. Das war schon ein krankhafter Zustand. Das ging dann ganz schnell. Man ist schließlich ständig überwacht gewesen von irgendwelchen Ortsgruppenleitern und so, die da immer zu Gange waren. Man hat dann meinen Vater unter Druck gesetzt, seine Frau ins Krankenhaus zu bringen. Das sei Gefährdung der Allgemeinheit, wenn sie die Rollläden hochzieht. Das gehe nicht. Sie kam dann ins Städtische Krankenhaus, und das war praktisch der Anfang vom Ende. Ich sehe sie heute noch in einem Zwölfer-Zimmer – nicht wie heute, Einbett-, Zweibettzimmer –, in einem großen Krankensaal, die Arme ans Bett gefesselt. Medikamente? Man hat das ja nicht behandelt. Depression, das gab es gar nicht. Erica Zingher: Wurde auch nicht so genannt, nicht? Rosi aus Mainz: Ja, das gab es nicht. Ich habe sie dort als Kind besucht mit meiner Großmutter, und dann war sie irgendwann weg. Dann kam sie in die Eichbergklinik in der Nähe vom Kloster Eberbach. Da haben wir sie auch noch einmal besucht. Meine Mutter war nicht auffällig, aber sie war eben krank im heutigen Sinn. Heute könnte man das behandeln, aber damals war das das Ende. In der Klinik haben wir sie noch einmal kurz besucht. Ich vergesse das nie, da hat sie uns aus einem vergitterten Fenster heraus begrüßt. Und dann war sie weg. Dann kam sie nach Hadamar, und irgendwann kam der Sarg zurück. Herzversagen. Ich weiß noch, jeder hat gewusst, dass das alles nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Erica Zingher: Haben Sie das damals als Kind auch schon so verstanden? Rosi aus Mainz: Nein, das habe ich nicht gewusst. Ich kann mich nur noch an die Beerdigung meiner Mutter erinnern. Der Sarg kam dann, und der stand in Gustavsburg in dem Hauptweg im strömenden Regen. Das vergesse ich nie. Als Einzige hat meine Großmutter den Mut besessen zu sagen: Jetzt haben sie Deine Mutter auch noch umgebracht. – Das hat die Oma gesagt, aber ich konnte mir darunter nichts vorstellen. Es ist erst später herausgekommen, was da alles war. Erica Zingher: 80 Jahre später – wir haben das schon gehört – wurde dann ein Stolperstein gesetzt für Ihre Mutter vor ihrem früheren Wohnhaus. Was hat das für Sie bedeutet? Mit diesem Stolperstein ist, so wie ich es verstanden habe, auch das Wissen darüber gekommen. Rosi aus Mainz: Das war eine ganz tolle Sache. Das war eine gewisse Anerkennung. Das Wissen und das Nichtvergessen. Das ist doch heute das Problem, es wird alles vergessen. Das weiß heute kaum noch ein junger Mensch. Wenn das nicht in den Schulen dargestellt wird, wer soll denn das wissen? Erica Zingher: Mit diesem Stolperstein wurde auch ein bisschen recherchiert zu Ihrer Mutter, und Sie haben noch einmal mehr erfahren von Dingen, die Sie nicht wussten? Rosi aus Mainz: Also, ich persönlich kann gar nichts recherchieren. Meine Enkelin Paula ist meine persönliche Assistentin. Sie hat es recherchiert und auch die Liste aus Hadamar zugeschickt bekommen. Da hat man wirklich amtlich gesehen, dass meine Mutter dort umgekommen ist. Erica Zingher: Weil Sie schon Ihre Enkelin genannt haben: Die unterstützt Sie auch dabei, Rosi aus Mainz zu sein? So habe ich Sie schon genannt, Rosi aus Mainz. So sind Sie auf Instagram aktiv. Ihre Familie, Ihre Enkelin unter anderem, unterstützt Sie dabei. Sie nehmen Videos auf und erzählen von Ihrer Geschichte, aber überhaupt auch aus der Vergangenheit, von der Geschichte der Stadt Mainz. Sie sprechen mittlerweile auch viel mit jungen Menschen, sind auch an Schulen. Wie kam es dazu? Warum ist Ihnen das so wichtig, dieses Erzählen, und dass Sie so viele Menschen erreichen wollen, vor allem die jungen Menschen? Rosi aus Mainz: Ich bin dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Meine Enkelin, überhaupt meine Enkel haben gesagt, Oma Du weißt noch so viel von früher, erzähl doch mal was. – Ich persönlich kann nichts aufnehmen, ich bin da technisch auf dem hinterletzten Stand, aber meine Enkel und meine Enkelin, wenn die dann zugange sind, nehmen immer etwas auf von der Stadt oder von früher oder wie es damals war. Es gibt ja nicht mehr so viele, die das alles wissen. Erica Zingher: Sie können mehr über Rosi aus Mainz erfahren. Schauen Sie einmal bei Instagram vorbei, geben Sie ein: „Rosi aus Mainz“. Da ist sie mittlerweile ziemlich erfolgreich. Vielen Dank erst einmal an dieser Stelle. Rosi aus Mainz: Darf ich sitzen bleiben? So viel Prominenz, ich fühle mich ein bisschen beeindruckt. (Vereinzelt Heiterkeit im Hause) Erica Zingher: Sie dürfen noch ein paar Minuten bei uns sitzen bleiben. Frau Krink, jetzt wurde von Rosi schon dieses Vergessen angesprochen. Wer weiß denn eigentlich noch etwas? Wissen die jungen Menschen noch Dinge? Wird vielleicht auch bewusst weggeschaut und verdrängt? Bei Ihnen weiß ich, Ihnen war es irgendwann auch ein persönliches Anliegen, über Jahrzehnte hinweg die Geschichte Ihrer Familie zu recherchieren und dann auch irgendwann öffentlich zu machen. Wann war der Moment, wenn es solch einen Moment gab, als Sie gesagt haben, dieses Schweigen über das Unrecht und dass es nicht in der öffentlichen Wahrnehmung ist, möchte ich ändern? Mascha Krink: Es gab nicht diesen einen besonderen Moment. Das kann ich schon einmal so vorwegnehmen. Ich habe die Geschichte meiner Großeltern öffentlich gemacht, weil ich finde, dass Schweigen ein Teil des Unrechts war, und weil ich finde, dass dieses Schweigen bis heute noch nachwirkt. Mein Vater kam zweijährig in ein nationalsozialistisches Kinderheim, in dem er blieb, bis er erwachsen war. Ich habe einen Vater erlebt, der Zeit seines Lebens gesucht hat, nämlich nach seinen Eltern, und überhaupt nie irgendwas erfahren hat. Das hat Jahrzehnte gedauert. Irgendwann Anfang der 90er-Jahre bin ich in seine Fußstapfen getreten und habe die Suche übernommen und Archive angeschrieben und in kürzester Zeit erfahren, dass sie als „asozial“ stigmatisiert waren. Das hat natürlich auch in mir einen Riesenschreck ausgelöst. Ich brauchte – das weiß ich noch – Wochen, um mich davon zu erholen und das für mich einzuordnen, was das bedeutet. Ich habe natürlich auch sehr viel darüber gelesen. Die Forschung zu den als „asozial“ und „kriminell“ Stigmatisierten hat auch erst in den 1990er-Jahre n begonnen. Das ist einfach so gewachsen. Ich finde es wichtig, dass es passiert, weil ich finde, dass Unrecht so lange nicht vorbei ist, solange es verschwiegen oder verleugnet oder auch nur relativiert wird. Ich will damit versuchen, diesen Menschen ein bisschen Würde zurückzugeben. Erica Zingher: Lassen wir uns einmal bei diesem Schweigen bleiben. Ich denke, einerseits haben viele unterschiedliche Opferfamilien erlebt, dass es manchmal in der Familie Schweigen gab, weil es für die Überlebenden eigentlich kaum möglich war, das eigene Trauma zu berühren, dafür Worte zu finden. Anderen wiederum war es ein unfassbar wichtiges Anliegen zu sprechen. Darauf kommen wir auch gleich noch zu sprechen. Dann gibt es aber auf der anderen Seite dieses gesellschaftliche und auch das politische Schweigen und das kollektive ganz bewusste Wegschauen, das Verdrängen, das „Wir wollen uns jetzt anderen Dingen zuwenden“. Würden Sie einmal versuchen, das zusammenzufassen und uns zu schildern, was genau dieses kollektive Wegschauen, dieses kollektive Verdrängen für Nachkommen, für die Überlebenden selbst, tatsächlich bedeutet? Mascha Krink: Ich habe mir hier einen schönen Satz aufgeschrieben, den würde ich dazu als Erstes einmal sagen: Mich bewegt, dass das Unrecht mit dem Ende des Nationalsozialismus nicht vorbei war, sondern sich im Schweigen und in der Verleugnung und auch in der fehlenden Anerkennung fortgesetzt hat. – Das ist, finde ich, eine zentrale Aussage, die ich dazu machen kann. Es ist doch so, wenn ein Mensch geboren wird, dann hat dieser Mensch im besten Fall Vater und Mutter und eigentlich auch Großeltern. Die sind dabei, wenn man in die Schule kommt. Die sind bei den Abschlüssen dabei. Die sind vielleicht noch dabei, wenn man heiratet und eigene Kinder bekommt. Das war bei uns alles nicht so. Es gab einfach große Lücken. Es gab nicht nur diese Lücken, sondern diese Lücken bestanden zum Großteil aus Schweigen, weil mein Vater nichts wusste. Er wusste, dass sein Vater im Konzentrationslager war, aber er dachte, er war Widerstandskämpfer, und hatte mehrfach diese Rente beantragt, aber nicht bekommen. Ich bin in der ehemaligen DDR aufgewachsen, da war es noch ein bisschen anders, glaube ich, als hier. Er hatte nichts herausbekommen und sich darüber immer gewundert. Damit ging natürlich ein Schweigen einher, aber eher gesellschaftlich. Ich glaube, mein Vater hätte nicht geschwiegen. Erica Zingher: Dieses Schweigen, Frau Spitta, in der eigenen Familie, das haben Sie gar nicht erlebt, sondern im Gegenteil: Sie sind in einer hochpolitischen Familie aufgewachsen, einerseits mit dem Engagement Ihrer Mutter, Melanie Spitta – das haben wir schon vorgestellt bekommen –, aber Sie sind auch mit den Erfahrungen Ihrer Großmutter aufgewachsen. Können Sie das einmal für uns ein bisschen greifbarer machen, ein bisschen schildern? Was hat das für Sie bedeutet, als junges Mädchen in einer so politischen Familie aufzuwachsen mit diesen beiden Erzählungen? Carmen Spitta: Sehr schwer, sehr belastend. Von klein auf wurde sie mir in die Wiege gelegt, die Verfolgungsgeschichte meiner Großmutter. Schonungslos ging man mit mir um. Was bedeutet das, wenn man von klein auf immer wieder diese Geschichten erzählt bekommt, was für Gräueltaten meiner Großmutter angetan worden sind? Oder wenn ich als Kind, junge Frau, zu Hause im Bett lag und nachts steht Mama in der Tür und sagt: Tita, schläfst Du noch? – Dann kam von mir: Nein, jetzt nicht mehr. – Dann war Stille, und dann stand sie da in der Tür und fragte: Meinst Du, unser Rudi lebt noch? Wie soll man als Kind dann normal wieder einschlafen? Das war dann schon ein Ritual, dass wir in die Küche gegangen sind, uns einen Tee gekocht und ins Leere geschaut haben. Diese tiefe Trauer, die auch meine Mama mit sich trug, die hat sie mir weitervererbt, auch diesen Kampf, Aufklärungsarbeit zu leisten. Das war ihr Lebenswerk. Das war auch das Ungerechte, was man uns Sinti angetan hat. Dass auch wir Wiedergutmachung bekommen, also unsere Menschen, nach all dem, was man ihnen angetan hat. Für mich ist es eine – immer noch – unfassbare Belastung, mit dem Warum aufzustehen. Warum ist meine Familie ausgerottet? Sie haben doch nichts getan. Sie wollten doch nur leben. Das ist deutsche Geschichte. Ich muss noch dazusagen, für mich war es immer unerträglich. Morgens oder mittags oder abends am Esstisch ging es bei uns nur um Robert Ritter und Eva Justin, die Rassenforscher, um Dr. Mengele, Dr. Klein, Eva Braun, Sophie Ehrhardt und, und, und. Das ist für ein Kind, für eine junge Frau unerträglich. Erica Zingher: Man schafft es nicht, eine Antwort auf dieses Warum zu bekommen, wie Sie sagen. So kreist die ganze Familie eigentlich immer um diese Frage – Sie haben es schon angesprochen –: die fehlende Anerkennung für das Unrecht, das den Sinti angetan worden ist. Ich glaube, es ist wichtig, das an dieser Stelle noch einmal zu erwähnen, weil ich denke, vielen ist das wahrscheinlich gar nicht so präsent. Bis in die 1980er-Jahre fehlte es an dieser Anerkennung, und auch auf Entschädigung warteten die Überlebenden. Sie mussten tatsächlich darum kämpfen. Ich glaube, heutzutage denken wir, die Auseinandersetzung, wenn wir solche Gedenktage haben, das ist ganz normal, dass darüber gesprochen wird. Nein, Überlebende unterschiedlicher Opfergruppen mussten um Entschädigung kämpfen. Wenn Sie mit diesem ganzen Wissen, auch mit Ihrer eigenen Prägung heute, in die Zukunft blicken und vielleicht einen Wunsch äußern könnten, wie aus diesen Erfahrungen eine Erinnerungskultur heute zukunftsgewandt aussehen müsste, was wäre dieser Wunsch? Carmen Spitta: Ganz wichtig ist, dass man uns zuhört und lernt, auf Augenhöhe mit uns zu kommunizieren und uns zu fragen, was unser Wunsch für die Zukunft ist. Das ist das eine. Das andere ist: Da drüben sitzen sie. Das sind unsere nächsten Generationen, und da kämpfe ich auch. Intensiv gehe ich an Schulen, spreche mit Jugendlichen. Nie wieder dürfen diese Gräueltaten passieren. Gerade in der heutigen Zeit, in der wir uns befinden, in der sich unsere Welt nach rechts dreht, ist es so unglaublich wichtig, Toleranz zu zeigen, auch den Mut zu haben, dem Fremden gegenüber, und nicht gleich mit diesen Voreinstellungen und diesem Unwissen und Angst vor dem Fremden aufzutreten. Erica Zingher: Frau Krink, ähnlich, kann man sagen, war auch die späte Anerkennung der unter anderem als „asozial“ Verfolgten. Sie wurden erst 2020 vom Bundestag anerkannt. Das muss man sich vor Augen führen: 2020, das ist quasi noch um die Ecke. Was würden Sie sagen, was zeigt diese späte Anerkennung? Vielleicht auch, was sagt das immer noch aus über unseren gesellschaftlichen Umgang mit Themen wie Armut und Ausgrenzung, aber eben auch mit der Frage von Schuld? Mascha Krink: Die Anerkennung 2020 ist nicht einfach vom Himmel gefallen, sondern kam aufgrund einer Petition, die Frank Nonnenmacher und Ines Eichmüller gestartet haben. Das heißt, es ging sozusagen von den Opfern aus, aber immerhin ist es dann passiert. Das ist großartig. Ich finde, die verleugneten Opfergruppen sind Opfer einer Willkür, einer nationalsozialistischen Willkür. Man ist wegen nichts verhaftet worden, und in den meisten Fällen haben die Menschen ihre Haftstrafe abgebüßt – für Betteln: eine Woche Gefängnis, für ein Mal jemanden um irgendetwas bitten. Das ist kaum noch vorstellbar. Ich finde, dass die als „kriminell“ und „asozial“ stigmatisierten Häftlinge als besonders minderwertig eingestuft wurden und dadurch ausgegrenzt und natürlich bis ins Tiefste beschämt wurden. In jedem Fall. Die späte Anerkennung zeigt, dass wir Armut bis heute als persönliches Versagen werten und nicht als politische Verantwortung. Wir haben diesen Verband gegründet. Ich bin Gründungsmitglied und darf das sagen, dass ich das bin. Dieser Verein heißt vevon. Wir haben einen Leitsatz, der lautet: Kein Mensch war zu Recht in einem Konzentrationslager. – Für mich persönlich bedeutet er auch, dass auch heute gelten sollte, kein Mensch darf zu Recht arm, wohnungs- oder obdachlos sein. Es gibt ein wunderschönes Zitat von Primo Levi, das heißt: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“ Erica Zingher: Vielen Dank an dieser Stelle schon einmal an Frau Krink, Frau Spitta und Rosi, dafür, dass Sie heute hier sind, dafür, dass Sie im Rahmen dieser Gedenksitzung über diese Dinge gesprochen haben. Es ist mir ein besonderes Anliegen, noch einmal darauf hinzuweisen, dass es nicht einfach ist, sich immer wieder in diese Öffentlichkeit zu begeben und in einer sehr komprimierten Form in wenigen Minuten über diesen tiefen Schmerz, über diese Erfahrung in der Familie, über diese Verluste zu sprechen. Deshalb trotzdem vielen Dank, dass Sie das immer wieder tun, dass Sie hier waren und das alles mit uns geteilt haben. Ich glaube, wir können einerseits sagen, wir haben ganz unterschiedliche Geschichten gehört, und Ihre Familien sind sehr individuell. Andererseits sind es alles Geschichten von Ausgrenzung und von politischem Schweigen; auch das haben wir gehört. Ich glaube, das ist ein Impuls oder etwas, das wir mitnehmen sollten, dass dieses ständige Kämpfen um Anerkennung oft wie eine zweite Traumatisierung war für die Überlebenden und es sich für Nachfahren auch so anfühlen kann. Deshalb – das ist heute auch in den Reden angeklungen – ist sie so wichtig, diese Anerkennung, auch heute noch, auch wenn sie dann vielleicht viel zu spät kommt. Wir haben eben auch, wenn man diese drei Frauen hier sitzen sieht, sehr viel von Widerstand und Kraft gehört und von dieser unermüdlichen Arbeit, nicht aufzuhören. Deshalb noch einmal vielen Dank, dass Sie da waren, und ich darf Sie jetzt erst einmal wieder auf Ihre Plätze zurückbitten. (Anhaltend Beifall im Hause) Nun darf ich das Wort übergeben an Ministerpräsident Alexander Schweitzer und darf Sie ans Redepult bitten. Ansprache

Protokoll ↗