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Cindi Tuncel

Die Linke 10.09.2025 Sitzungen 21/25

Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Wir reden heute über eine Bevölkerungsgruppe, die Bremen und Bremerhaven mit aufgebaut hat und trotzdem viel zu oft am Rand steht: ältere Menschen mit Migrationsgeschichte. Die Zahlen aus den Antworten zu unserer Großen Anfrage sind alarmierend. Über 42 Prozent der Menschen mit Migrationsgeschichte sind armutsgefährdet, bei den über 65-Jährigen sogar 53 Prozent, mehr als jede oder jeder Zweite. Zum Vergleich: Bei älteren Menschen ohne Migrationsgeschichte liegt die Quote bei nur 17 Prozent, was natürlich immer noch viel zu viel ist. Diese Kluft ist nicht vom Himmel gefallen, sie ist Ergebnis von Jahrzehnten prekärer, oft körperlich harter Arbeit, niedriger Löhne und lückenhafter Absicherung. Jahrzehntelang haben diese Menschen in den härtesten Jobs gearbeitet, in der Industrie, auf den Werften, im Bau, in der Reinigung, in der Pflege. Sie haben unsere Städte und unsere Wirtschaft mit aufgebaut. Trotzdem wurden sie oft prekär beschäftigt, waren oft die Ersten, die von Arbeitslosigkeit betroffen waren, konnten häufig nur Jobs mit niedrigen Löhnen finden und werden später dann mit geringer Rente abgespeist. Das ist nicht einfach Pech im Lebenslauf, das ist strukturelle Ungerechtigkeit, meine Damen und Herren. (Beifall Die Linke, SPD – Lachen Abgeordneter Heiko Strohmann [CDU]) Es hört im Alter nicht auf: Sprachbarrieren, fehlende Informationen, kulturelle Hürden in der Pflege und im Gesundheitssystem, viele nehmen Vorsorgeuntersuchungen selten wahr, leiden häufig unter chronischer Erkrankung oder Depression. Nicht selten führt der Rückzug ins Private zur Isolation. Das ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite zeigt sich, dass sich in Deutschland und vor allem in Bremen inzwischen einiges getan hat und ein Umdenken eingesetzt hat. Gerade Bremen und Bremerhaven sind Vorreiter für eine vielfältige Gesellschaft und haben früh angefangen, Menschen mit Migrationsgeschichte als Teil der gesamten Stadtgesellschaft anzusehen. Das Resultat sind Leuchtturmprojekte, Organisationen wie SiS e.V. („Seniorpartner in School“), Seniorengruppen in Gröpelingen, das Sprachcafé „Hoffnung“ in der Vahr. Sie leisten großartige Arbeit, aber viel zu oft auf Basis befristeter Projektmittel und ehrenamtlicher Selbstausbeutung. Ehrenamt allein kann nicht die Lücken einer unterfinanzierten Sozialpolitik schließen, meine Damen und Herren. Meine Damen und Herren, trotz weniger Hilfen seitens des Bundes haben wir in Bremen in den letzten beiden Legislaturperioden viel geschafft. Wir haben erreicht, dass Senioren mit Migrationsgeschichte durch Projekte wie die Senior:innenbegleiter:innen in SiS e.V. eine feste Anlaufstelle haben, mit Beratung zu Pflege, Gesundheit und sozialen Fragen in der Muttersprache und auf Augenhöhe. Wir haben mehrsprachige Gesundheits- und Pflegeinformationen eingeführt, damit ältere Menschen mit Migrationsgeschichte nicht an Formularen oder komplizierten Arztbriefen scheitern, sondern ihr Recht kennen und nutzen, meine Damen und Herren. (Beifall Die Linke, SPD) Das sind Schritte, die in die richtige Richtung gehen, aber sie reichen noch nicht. Darum bringen wir als Koalition zwei Anträge auf den Weg, die die Lebenssituation von älteren Menschen mit Migrationserbe verbessern. Den debattiert. Wir brauchen – das hat meine Kollegin Frau Görgü-Philipp schon gesagt – ein umfangreiches Konzept, um die Lebenssituation von Senioren mit Migrationsgeschichte zu verbessern. Zum Beispiel sind Beratungs- und Informationsangebote notwendig, die niedrigschwellig, barrierearm und genau die Bedarfe von den Menschen in Bremen und Bremerhaven abdecken. Zentral ist dabei die Kommunikation. Sprachliche und kulturelle Bedürfnisse älterer Migranten müssen wir berücksichtigen, sonst erreichen unsere Angebote sie nicht. Wir können schon jetzt auf Strukturen zurückgreifen, wir fangen nicht bei null an. Wichtig ist aber, dass wir die bestehenden Netzwerke, Communitys von Migranten erreichen und einbinden, meine Damen und Herren. Sehr geehrte Damen und Herren, die erste Generation von Migrant:innen, damals noch Gastarbeiter genannt, hat unser Bremen und Bremerhaven mit aufgebaut. Sie haben geschuftet, Steuern gezahlt, Kinder großgezogen, und jetzt im Alter verdienen sie Respekt, Anerkennung und konkrete Verbesserungen. Es geht uns um Gerechtigkeit, es geht um Solidarität, es geht um die Frage, ob wir Menschen, die jahrzehntelang Teil dieser Gesellschaft sind, im Alter im Stich lassen. Die Linke setzt sich dafür ein, dass ihre Lebensleistung nicht vergessen wird und dass sie endlich die Teilhabe und Wertschätzung bekommen, die ihnen zustehen. – Danke für die Aufmerksamkeit! (Beifall Die Linke, SPD)

Alle Reden von Cindi Tuncel Protokoll (PDF) ↗