Sahhanim Görgü-Philipp
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleg:innen! Wir bringen heute einen Antrag ein, der sich mit einer drängenden und bisher viel zu wenig beachteten sozialen Realität in unserem Land befasst: der Lebenssituation älterer Menschen mit Migrationsgeschichte in Bremen und Bremerhaven. Vorausgegangen war eine Große Anfrage zu Lebenssituationen von älteren Menschen mit Migrationsgeschichte, die wir in der Koalition auf den Weg gebracht haben. Ich möchte mich für die ausführlichen Antworten bedanken. Sie haben klar die Bedarfe umrissen und schließlich zum vorliegenden Antrag geführt. Liebe Kolleg:innen, es geht um Menschen, die zum Teil seit Jahrzehnten hier leben. Viele von ihnen kamen als sogenannte Gastarbeiter:innen oder Spätaussiedler:innen nach Bremen, haben hart gearbeitet, oft unter schwierigen Bedingungen, und entscheidend zum wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes beigetragen. Ohne sie sähen Bremen und Bremerhaven heute anders aus. Mit tiefem Respekt und aufrichtigem Dank würdigen wir ihre Lebensleistungen. Jetzt im Ruhestand erleben viele dieser Menschen Armut, Ausgrenzung und Unsichtbarkeit. Die Zahlen sind alarmierend. Die Armutsquote bei älteren Menschen mit Migrationsgeschichte lag in Bremen 2021 bereits bei 44,8 Prozent und ist im Jahr 2024 auf 53,3 Prozent gestiegen. Das ist nicht nur ein statistisches Problem, sondern ein gesellschaftlicher Missstand mit dringendem Handlungsbedarf. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD) Die Ursachen sind bekannt: jahrzehntelange Arbeit in schlecht bezahlten, oft prekären Beschäftigungsverhältnissen, fehlender Rentenanspruch, Sprachbarrieren, wenig Anerkennung von Lebens- und Arbeitsleistungen. Die Ausgrenzung setzt sich fort. Viele Angebote der Altenhilfe sind nicht barrierefrei, nicht kultursensibel und schlicht nicht zugänglich. Liebe Kolleg:innen, wir müssen das ändern, und zwar systematisch, nicht punktuell, nicht projektbasiert, nicht irgendwann. Deshalb fordern wir in unserem Antrag die Entwicklung eines strategischen Gesamtkonzepts auf Landesebene, um die Lebenssituationen dieser Menschen nachhaltig zu verbessern. Konkret braucht es eine umfassende Analyse der Bedarfe, Interessen und Ressourcen älterer Migrant:innen in Bremen und Bremerhaven als Grundlage für gezielte Maßnahmen. Liebe Kolleg:innen, lassen Sie mich einen Gedanken einfügen: Nur, weil wir die Bedarfe einer Gruppe in den Fokus rücken, geht damit nicht die Vernachlässigung älterer Menschen ohne Migrationsgeschichte einher. Alle Angebote kommen allen Senior:innen im Land zugute, nur werden sie inklusiver. Dieser inklusive Gesellschaftsansatz prägt unser politisches Handeln. Darüber bin ich auch sehr froh. Die Gruppe 60-plus ist längst nicht einheitlich. Für alle brauchen wir deshalb ein niedrigschwelliges, barrierefreies Beratungskonzept, das mehrsprachig arbeitet und sich an den Realitäten der Zielgruppen orientiert. Der Ausbau aufsuchender, kultursensibler Seniorenarbeit, um gesellschaftliche, kulturelle, politische Teilhabe zu ermöglichen, ist das Ziel dieser Initiative. Verbindliche kommunale Vernetzungsstrukturen zwischen Seniorenarbeit, Integration und Stadtteilarbeit unter aktiver Beteiligung der Migranten-Selbstorganisation sind dafür der Schlüssel. Denn eines ist klar: Die Menschen, um die es hier geht, wollen nicht versorgt werden. Sie wollen beteiligt werden, sie wollen sich einbringen und sie verdienen es, gesehen und ernst genommen zu werden. Liebe Kolleg:innen, dieser Antrag ist ein Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit. Er ist ein Schritt hin zu einer echten Teilhabe. Er ist ein klares Bekenntnis zu einem demokratischen Zusammenhalt, der auf gegenseitigem Respekt basiert. Die Lebensleistung dieser Menschen war und ist groß. Unsere Verantwortung ist es auch. Ich bitte um Ihre Zustimmung. – Vielen Dank! (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD)
