Andre Folkert Minne
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren! Die Große Anfrage der Regierungsfraktionen benennt ein reales und drängendes Problem. Kinder, die mit psychisch oder suchterkrankten Eltern aufwachsen, tragen ein deutlich höheres Risiko für eine eigene gesundheitliche und soziale, emotionale Belastung. Es ist richtig, dass die Politik diesen Kindern endlich mehr Aufmerksamkeit schenken muss, doch was die Realität in Bremen angeht, bleibt der Senat eine überzeugende Antwort auf die strukturellen Herausforderungen schuldig. Die Schätzungen des Senats gehen davon aus, dass in Bremen bis zu 28 000 Kinder betroffen sind, wenn man psychische Erkrankungen der Eltern betrachtet, und bis zu 20 000 bei suchterkrankten Eltern. Wir sprechen also von Zehntausenden Kindern, die in hoch belastenden Familiensituationen leben. Zum Vergleich: 2023 waren es 57 550 Kinder unter 13 und, in Relation, gesamt 68 000 Familien mit Kindern unter 18. Dennoch existieren weder eine zuverlässige statistische Erhebung noch ein zentrales Monitoring-System, das diese Problemlage systematisch erfasst. (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND) Die Landesregierung arbeitet mit Hochrechnungen auf Basis bundesweiter Daten. Das allein zeigt schon, dass man weder den Umfang noch die Tiefe des Problems tatsächlich kennt. (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND) Noch gravierender ist jedoch, dass es im Land Bremen bis heute kein verbindliches rechtskreisübergreifendes Gesamtkonzept gibt. Die wenigen Hilfen wie ReBUZ, die Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Modellprojekte wie „Kidstime“ oder „Locke-Gruppe“ wirken isoliert, sind nicht flächendeckend verfügbar. Der Austausch zwischen Jugendhilfe, Psychiatrie, Schulen, Suchthilfe erfolgt nur situativ in Einzelfällen oder über das persönliche Engagement einzelner Fachkräfte. Die strukturell verankerte Koordination fehlt dabei vollständig. Der Senat räumt es sogar unumwunden ein und verweist lapidar auf Haushaltsengpässe, die eine systematische Verbesserung angeblich unmöglich machen. Es verwundert daher nicht, dass viele betroffene Familien nie Kontakt mit diesem Hilfesystem bekommen können – aus Angst vor Stigmatisierung, aus Unkenntnis oder weil es schlicht und einfach keinen Zugang gibt. Die Wartezeiten auf Therapieplätze für Kinder und Jugendliche sind unzumutbar. Wer heute psychisch erkrankt ist, wird oft monatelang vertröstet, in einem Lebensalter, in dem jeder Monat zählt, vielleicht sogar jeder Tag. Die Antwort des Senats liest sich hingegen wie ein Katalog vertaner Chancen. (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND) Zwar lobt man die Projekte wie das Patenschaftsmodell des Fachdienstes „PiB – Pflegekinder in Bremen“ oder den begrenzten Einsatz regionaler Fachkräfte für psychische Gesundheit in Kitas, doch diese Angebote sind weder flächendeckend noch strukturell verlässlich abgesichert. Mit Verlaub, wenn das Wohl von 10 000 Kindern zur Dispositionsmasse des Haushalts wird, ist etwas grundlegend falsch. (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND) Besonders kritikwürdig ist auch, dass der schulische Bereich weitgehend außen vor bleibt. Zwar werden Veranstaltungen zur Suchtprävention angeboten, doch sobald es darum geht, Kinder mit familiären Belastungen aktiv in Hilfe zu vermitteln, endet die Zuständigkeit. Dabei ist doch gerade die Schule oft der einzige Ort, an dem Kinder regelmäßig und über längere Zeit hinweggesehen werden können. Hier müssen wir ansetzen mit verbindlichen Ansprechpartnern, festen Meldewegen, schulübergreifenden Handlungskonzepten. Wenn Kinder im Unterricht stiller werden, unkonzentriert oder sich aggressiv im Verhalten zeigen, dann darf das nicht länger nur als Erziehungsproblem abgetan werden. Auch medizinisch klafft eine Versorgungslücke. Dass Bremen keine systematische Sensibilisierung der Kinderärzteschaft organisiert, ist schwer nachvollziehbar. Diese Berufsgruppe hat die Chance, sehr früh regelmäßig mit Familien in Kontakt zu stehen. Doch weder erfolgt eine flächendeckende Information über Hilfen, noch gibt es koordinierte Verweisstrukturen. Das Gleiche gilt für Erwachsenenpsychiater, die mit erkrankten Eltern arbeiten und kaum Schnittstellen zur Jugendhilfe oder Kinderpsychologie kennen. Wir brauchen daher endlich eine Kehrtwende. Wir brauchen verlässliche Netzwerke, klare Zuständigkeiten und eine Strategie, die nicht am Ressortdenken scheitert. (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND) Es reicht nicht, mit Modellen zu experimentieren, solange Tausende Kinder durchs Raster fallen. Bremen braucht keine weiteren Absichtserklärungen, sondern konkrete Maßnahmen. (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND) Der Aufbau zentraler Koordinierungsstellen, flächendeckende Schulungen der Fachkräfte, die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen in Schulen und Öffentlichkeit sowie eine deutliche Ausweitung präventiver Gruppenangebote wie „Kidstime“ oder die „Locke-Gruppe“, das wäre der erste Schritt in die richtige Richtung. Solange dies nicht geschieht, bleibt die Realität in Bremen: viel Bedarf, wenig Hilfe und eine Politik, die das Problem zwar erkennt aber nicht entschlossen handelt oder sogar wegschaut. (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND) Für uns als Fraktion BÜNDNIS DEUTSCHLAND ist klar: Die Kinder brauchen keine Debatten, sie brauchen Taten, und zwar jetzt. – Ich danke Ihnen! (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND)
