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Katharina Kähler

SPD 10.09.2025 Sitzungen 21/25

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren! Wir beraten heute eine Thematik, die tief in unsere Gesellschaft hineinwirkt und einer wachsenden Zahl von Bremer Kindern und Familien täglich begegnet. Die Mitteilung des Senats macht deutlich: Kinder und Jugendliche, die mit psychisch oder suchterkrankten Eltern leben, sind zahlreich, und sie brauchen unsere besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Psychische Belastungen und suchtbezogene Problemlagen bei Erwachsenen und auch insbesondere bei Eltern nehmen zu. Die Studienlage und die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Etwa jedes fünfte Kind in Bremen lebt mit einem suchterkrankten Elternteil, und rund 28 Prozent sind jährlich von psychischen Belastungen im Elternhaus betroffen. Das entspricht in Bremen bis zu circa 28 000 Kinder und Jugendliche, deren Wohl, deren Entwicklung und deren Chancen auf Teilhabe in besonderer Weise geschützt und gestärkt werden müssen. Beginnen möchte ich mit dem, was hierzu in Bremen bereits gut gelingt: Das Netzwerk der Hilfen ist bereits heute breit aufgestellt und umfasst eine Vielzahl an niedrigschwelligen und spezialisierten Angeboten und Schutzmechanismen sowohl auf institutioneller staatlicher Ebene als auch in der freien Trägerschaft. Das Hilfesystem steht hierbei auf vielen Säulen: die kommunalen Jugendämter, die kinder- und jugendpsychiatrischen Beratungsstellen, ambulante und stationäre Familienhilfe, die Angebote der frühen Hilfen, sowie multiprofessionelle Netzwerke wie das Netzwerk „Kinder psychisch kranker Eltern in Bremen“ bieten hier wertvolle Unterstützung an. Auch die Jugendhilfe und die kommunalen Präventionsketten in Bremen und Bremerhaven sind ganz zentrale Akteure hierbei. Projekte wie „Kidstime“ und wie die „Locke-Gruppe“ bieten konkrete Unterstützungen für Familien, die sich mit psychischen Belastungen auseinandersetzen müssen. Die Erziehungsberatungsstellen, „Frühe Hilfen“ und verschiedene Selbsthilfegruppen, unter anderem auch in Kooperation mit bundesweiten Initiativen wie „NACOA“, sind wichtige Bausteine in unserem Versorgungssystem. Im Bereich Kita tragen Programme wie das sozialpädagogische Programm und der gezielte Einsatz von regionalen Fachkräften für psychische Gesundheit dazu bei, Kinder frühzeitig zu stärken. Unser Suchthilfesystem arbeitet eng und ressortübergreifend mit Jugendämtern, mit dem Gesundheitsamt, mit dem Gesundheitssystem, Kinder- und Jugendhilfeträgern, Drogenhilfeträgern und vielen mehr zusammen. Das Bündnis „Kinder – Sucht – Familie“ ist ein gutes Beispiel für innovative Lösungsansätze und schafft verbindliche Regelungen zum Kinderschutz bei drogen- und suchtbelasteten Eltern, die unter anderem auch mit entsprechenden Verwaltungsanweisungen in den entsprechenden Jugendämtern hinterlegt sind. Es existieren weiterhin mittlerweile acht stationäre Einrichtungen für Eltern und Kinder und daneben eine breite Palette ambulanter Hilfen im Beratungs- und Präventionsbereich. Ganz besonders hervorheben möchte ich hierbei die engagierte Arbeit vieler Fachkräfte, von Hebammen bis zu Sozialarbeitenden, die sich regelmäßig fortbilden und vernetzen und die Fachlichkeit stetig weiterentwickeln und ausbauen, um betroffene Familien gezielt zu erreichen. Es ist schon eine ganze Menge, was hier im Land Bremen für dieses ganz wichtige Thema getan wird, aber gleichzeitig dürfen wir nicht ausblenden, wo unser Hilfesystem noch nicht ausreichend trägt. Die gestiegenen gesellschaftlichen Belastungen, Pandemie, soziale Krisen, wirtschaftliche Unsicherheit führen nicht nur zu steigenden Fallzahlen, sondern offenbaren auch Versorgungslücken. Viele betroffene Familien erreichen die Hilfen zu spät, manchmal erreichen sie sie auch gar nicht. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Scham, Unsicherheit, Angst vor Stigmatisierung, Unkenntnis über das System, fehlende Informationen. An dieser Stelle haben wir noch einen ganz, ganz großen Handlungsbedarf. Gruppenangebote wie „Kidstime“, die nachweislich präventiv wirken, können derzeit leider nur in begrenztem Umfang angeboten werden. Es fehlt der Ausbau flächendeckender, primärpräventiver Maßnahmen, die das Thema psychische Erkrankungen und Sucht frühzeitig enttabuisieren und Eltern sowie Kindern frühzeitig einen niedrigschwelligen Zugang zur Unterstützung ermöglichen. Auch die Wartezeit auf psychotherapeutische Angebote ist gerade im Bereich Kinder und Jugendliche häufig viel zu lang. Die Schnittstellen zwischen Gesundheit, Jugendhilfe und Suchthilfe sind für die steigenden Bedarfe sehr komplex – und wir haben hier deutlich steigende Zahlen und können sicherlich in der nahen Zukunft nicht unbedingt damit rechnen, dass sich das verändert – und die Schnittstellen der beteiligten Institutionen sind für diese komplexen Herausforderungen auch noch nicht ausreichend koordiniert. Diese Koordination muss natürlich auch mit den steigenden Bedarfen mitwachsen. Besonders herausfordernd bleibt die systematische Einbindung aller Berufsgruppen von Ärzt:innen, über Kita- und Schulpersonal bis zu den Eltern selbst. Die Evaluierung neuer Modelle wie das stationäre Eltern-KindTherapie-Angebot oder die Übernahme bundesweiter Programme wie „Verrückt? Na und!“ sollte unbedingt weiter vorangetrieben werden. Ganz wichtig: Wir brauchen unbedingt eine langfristige und verlässliche Finanzierung und mehr rechtskreisübergreifende Angebote, die diese Versorgungslücken schließen. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) An dieser Stelle möchte ich an uns alle gemeinsam appellieren, dies als gemeinsame Aufgabe im Land Bremen und im Bund zu sehen, denn in Zeiten mit steigenden sozialen Herausforderungen und Belastungen schulden wir es allen Kindern, allen Jugendlichen, allen Eltern und Familien in Bremen, die Hilfe zu bekommen, die sie auch brauchen. Das, meine Damen und Herren, schaffen wir nur gemeinsam und das schaffen wir auch nur im Schulterschluss mit der Zivilgesellschaft. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Wir brauchen die flächendeckende Ausweitung sozialpädagogischer Programme, gezielte Entstigmatisierungsinitiativen und wir brauchen ausreichende personelle und finanzielle Ressourcen, damit wir innovative Formate für die dringend notwendige Qualitätssicherung in der Versorgung sichern und um auch den stark steigenden Bedarfen gerecht zu werden. Liebe Kolleginnen und Kollegen, es ist unsere gemeinsame politische Verantwortung, die unsichtbaren Belastungen dieser Kinder und Familien sichtbar zu machen. Genau das tun wir heute auch mit dieser Debatte. Als Regierungskoalition scheuen wir uns wahrlich nicht, dieses Thema durch die vorliegende Anfrage kritisch zu beleuchten und uns dafür einzusetzen, dass es mehr Aufmerksamkeit bekommt. Unser aller Ziel muss es weiter gemeinsam sein, kein Kind und keine Familie in Bremen zurückzulassen, weil gesellschaftlicher Zusammenhalt und Chancengerechtigkeit hier beginnen. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke)

Alle Reden von Katharina Kähler Protokoll (PDF) ↗