Sahhanim Görgü-Philipp
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleg:innen! Kinder, die mit psychisch und suchterkrankten Eltern aufwachsen, leben oft in einer Welt voller Unsicherheit, Angst und Überforderung. Sie übernehmen Verantwortung, die sie überfordert, und schweigen aus Loyalität, Angst und Scham oft jahrelang. Untersuchungen zeigen, dass für sie die Gefahr, selbst zu erkranken, wächst. Oft machen sie traumatische Erfahrungen, die ein gesundes Aufwachsen erschweren. Wie viele Kinder im Land Bremen betroffen sind beziehungsweise sein könnten – denn die Dunkelziffer ist hoch –, zeigt die Antwort auf die Frage 1. Der Senat schätzt 26 000 Kinder aus Familien mit psychischen Erkrankungen, hinzu kommen 16 000 bis 20 000 Kinder aus suchtbelasteten Familien. Die Große Anfrage breitet damit ein gesellschaftliches Aufgabenfeld aus, und ich danke ausdrücklich für die ausführlichen und ehrlichen Antworten. Sie zeigen, es gibt gute Ansätze, aber auch viel zu tun, wenn wir den betroffenen Kindern und Jugendlichen wirklich helfen wollen. In den Jugendämtern erfolgt die Erfassung der akuten Situation der Eltern nur bei konkreten Verdachtsmomenten. Einrichtungen wie ReBUZe (Regionale Beratungs- und Unterstützungszentren Bremen) oder „Escape – Ambulanz für junge Menschen mit Suchtproblemen“ fragen gezielt nach familiären Belastungen, aber eine flächendeckende Erfassung fehlt. Das ist ein strukturelles Defizit, um Hilfe maßgeschneidert anbieten und verzahnen zu können. (Beifall CDU) Ein Handlungsauftrag, den wir aus Antwort zu Frage 2 ableiten können. Dass sich der Senat der betroffenen Kinder und Jugendlichen bewusst ist, zeigt die Antwort auf die Frage 3. Das Casemanagement und die Erziehungsberatungsstellen sind auf die Bedürfnisse der Kinder eingestellt. Programme wie „Kidstime“, „Locke-Gruppe“, das Projekt „Eltern PLUS“, Patenschaften bei „PiB – Pflegekinder in Bremen“ sowie das Netzwerk „Kinder psychisch kranker Eltern“ leisten wertvolle Arbeit. Doch die Angebote sind nicht flächendeckend, oft projektbezogen, mit langen Wartezeiten für die Aufnahmen verbunden. Oft sind die bürokratischen Hürden für die Familien zu hoch, wenn der Alltag ohnehin unbewältigbar wird. Liebe Kolleg:innen, eines können wir den Antworten entnehmen: Die Kinder und Jugendlichen brauchen mehr als punktuelle Hilfe. Sie brauchen verlässliche Strukturen und frühzeitige Erkennung und Unterstützung. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU) Die sehr ehrliche Antwort auf Frage 14 zeigt den zukünftigen Koordinationsbedarf an. Während medizinische und suchtspezifische Angebote sich auf die erkrankten Eltern fokussieren, steht das Kind im Zentrum der Kinder- und Jugendhilfe. Eine ganzheitliche Unterstützung der Familien wird dadurch erschwert und darf nicht davon abhängen, was zufällig bekannt ist. Liebe Kolleg:innen, ich entnehme den Antworten einen klaren Handlungsauftrag. Die vielen guten Ansätze müssen im Sinne des Kinderschutzes systematisch zusammengeführt werden. Deshalb kündige ich schon heute einen Antrag an. Notwendig wird meines Erachtens die Erfassung der Formen psychischer und suchtbezogener Belastungen in Familien und ein Überblick über die Bedarfe. Der Ausbau von Nutzenstrukturen, die Familien durch das Hilfesystem begleiten und Hilfen verzahnen, die Stärkung der Prävention in Kitas, Schulen und Kinder- und Jugendhilfe, die Entstigmatisierung und Enttabuisierung durch Öffentlichkeitsarbeit und die Beteiligung von Betroffenen. Meine Damen und Herren, jedes Kind verdient Schutz, Unterstützung (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke) und eine faire Chance auf ein gesundes Aufwachsen unabhängig von der Erkrankung der Eltern. Sozialpolitisch ist ein konsequenter Ausbau der Präventionsarbeit und eine gleichzeitige Intensivierung traumasensibler Unterstützungsangebote dringend notwendig. Doch die ökonomischen Auswirkungen effektiver Präventionsarbeit dürfen nicht unterschätzt werden. Die volkswirtschaftlichen Folgekosten unbehandelter Kindheitstraumata belaufen sich jährlich etwa auf 11 Milliarden. Lassen Sie uns gemeinsam die Verantwortung übernehmen für die Kinder, für die Familien und für unsere Zukunft! – Vielen Dank! (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke)
