Sascha Karolin Aulepp
Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine Damen und Herren Abgeordneten! Es ist immer gut und wichtig, dass sich die Debatte hier im Hohen Haus darum dreht, wie wir gut qualifiziertes Personal für unsere Kinder in Bremen und Bremerhaven gewinnen und halten. Denn das steht am Anfang – das ist leider nicht von allen Rednerinnen und Rednern betont worden –, dass wir für jedes Kind einen Kitaplatz brauchen und die bestmögliche Förderung in unseren Einrichtungen. Kein Kind darf außen vor bleiben. (Beifall SPD, CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wir haben die Zahl der in unseren Kitas beschäftigten pädagogischen Fachkräfte drastisch gesteigert, besonders stark seit 2023, von 4 200 auf knapp 4 700 – eine höhere Steigerungsrate als die Steigerungsrate bei Kindern. Ich weiß nie, ob ich das hier so laut sagen soll, aber der Finanzsenator ist gerade nicht da: Bertelsmann bescheinigt uns Jahr für Jahr vorbildliche Fachkraft-Kind-Schlüssel im Bundesvergleich, und Bertelsmann ist nicht unbedingt dafür bekannt, dass sie Bremen nach dem Mund reden. Da sind wir wirklich nicht schlecht. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Dass man sich das rauspickt, was am plakativsten zu benutzen ist – das ist ja auch schon deutlich geworden –, auch das gehört zu Politik dazu. Ich will trotzdem ein bisschen inhaltlich werden. (Abgeordneter Frank Imhoff [CDU]: Dann ist ja alles gut! – Abgeordnete Sandra Ahrens [CDU]: Ich kann Ihnen gerne die Rahmenbedingungen zitieren!) Die Studie ist in Auftrag gegeben worden von uns und der Arbeitnehmerkammer als Resultat des Kitagipfels, übrigens, Herr Voigt, vor dem FDP-Antrag. Zu der Legendenbildung, dass das alles so lange gedauert hat, weil wir das unterm Deckel halten wollten, können Sie mal mit René Böhme reden. Ordentliche wissenschaftliche Arbeit braucht ihre Zeit! (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Fünf Gründe sind es, die in der Studie genannt werden. Die sollte man vielleicht auch differenziert betrachten, es lesen und sich eingehend mit der Materie befassen, sonst fängt man noch an, Dinge hinzuzudichten. Frau Ahrens, ich weiß, Sie kennen sich super aus, aber wenn man alles, das mit dem Thema auch nur ansatzweise zu tun hat, in einen Topf wirft, dann kommt vielleicht am Ende an der ein oder anderen Stelle Zahlensalat raus. (Beifall SPD – Abgeordnete Sandra Ahrens [CDU]: Ich kann Ihnen gerne alle Seitenzahlen aus der Studie nennen!) Ich habe die Studie gelesen, Frau Ahrens. Die Menschen, die in Niedersachsen leben, zur Ausbildung nach Bremen kommen und dann auch gerne da, wo sie wohnen, arbeiten wollen, die machen einen großen Teil aus. Das finde ich ärgerlich, weil ich finde, Niedersachsen sollte gefälligst bedarfsgerecht ausbilden. Das tun die nicht. Aber als Motiv für die Kolleginnen und Kollegen finde ich das total nachvollziehbar. Der zweite Punkt ist: Wir haben Fachkräftemangel im sozialpädagogischen Bereich in vielen Berufsfeldern. Dass die Fachkräfte gerne im schulischen Ganztag arbeiten wollen, das freut mich als Bildungssenatorin, ärgert mich als Kindersenatorin. Das weite Feld der Kinder- und Jugendhilfe und der Integration, ich glaube, da bin ich mir mit Kollegin Schilling und dem gesamten Senat einig: Als politisch und gesamtgesellschaftlich verantwortungsvolle Menschen freuen wir uns, wenn wir auch da Fachkräfte in ausreichender Zahl finden. Vielleicht bei motivierten Fachkräften noch ein kleiner Exkurs zur hohen Teilzeitquote: Das liegt natürlich auch daran, dass in Bremen Frauen, die Kinder haben und sich um ihre Familie kümmern, relativ früh wieder mit einer geringeren Stundenzahl einsteigen können und nicht ganz zu Hause bleiben. Wenn Frauen gar nicht arbeiten, dann ist nämlich die Vollzeitquote besser, das ist aber für diese Frauen überhaupt nicht besser. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Berufliche Weiterentwicklung ist auch ein zentrales Motiv. Es ist schon gesagt worden: Der Abschluss als Erzieherin, als Erzieher ist für viele Menschen Eintrittskarte in akademische Berufe. Da das vor allen Dingen Frauen betrifft, finde ich, sollte uns das nicht grämen, sondern im Gegenteil, ich finde es immer gut, wenn Menschen sich weiterqualifizieren. Die Haltung, die wir an anderer Stelle auch schon gesehen haben: Das ist irgendwie doof, wenn Kolleginnen aus der Hauswirtschaft pädagogische Tätigkeiten anstreben, weil die fehlen ja dann bei den Reinigungskräften – das ist keine kollegiale Haltung, meine Damen und Herren, und auch keine frauenpolitisch akzeptable. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Rund ein Fünftel, das sind nun die im Titel angesprochenen, entscheiden sich aufgrund der hohen Belastung, der fehlenden Personalressourcen und des schwierigen Arbeitsklimas für einen Ausstieg aus der Kindertagesbetreuung. Ja, meine Damen und Herren, da müssen wir ansetzen und da setzen wir auch an. Der erste Punkt ist die Frage nach Wertschätzung und besserer Bezahlung. Notwendig ist laut Studie eine bundesweit einheitliche finanzielle Aufwertung. Es ist schon gesagt worden: In den letzten zehn, fünfzehn Jahren haben Gewerkschaften richtig viel erstritten, was Entgelt und zusätzliche Freizeit angeht. Da ist aber noch Luft nach oben, insbesondere wenn man sich anguckt, wie viel man in Ausbildungsberufen verdient, die was mit Technik oder was mit Geld zu tun haben, im Unterschied zu denen, in denen man was mit Menschen zu tun hat. Das ist unsere gesamtgesellschaftliche Aufgabe. (Beifall SPD – Zuruf Abgeordneter Ole Humpich [FDP]) Ausbildung attraktiver machen: Herr Voigt, wenn Sie sagen, der Senat habe PiA immer weiter geschwächt – ich finde, wir sollten hier bei der Wahrheit bleiben. Das ist schlicht falsch. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Die Studie fordert einen Dialogprozess zur Weiterentwicklung der Erzieher:innenausbildung und da haben wir mit der Verantwortungsgemeinschaft für die Ausbildung in Erziehungsberufen auch schon etliche Dinge angestoßen und umgesetzt. Der Quereinstieg ins zweite Weiterbildungsjahr zur Erzieherin und der Quereinstieg für Kindertagespflegepersonen ins zweite Ausbildungsjahr der SPA-Ausbildung sind zwei Beispiele, wir bleiben da aber nicht stehen. Insbesondere die stärkere Theorie- und Praxisverzahnung war ein großes Anliegen und das werden wir zum kommenden Schuljahr umsetzen. Aber ja, wir müssen auch die Arbeitsbedingungen verbessern. Wir müssen Praxisanleitung, Stärkung der Konfliktlösungskompetenzen von Einrichtungsleitungen und multiprofessionelle Teams in den Blick nehmen. Die systemischen Kitabegleitungen, die wir gemeinsam mit dem Sozialressort anstoßen, sind ein Baustein, die Inklusionsberatung und auch die SozPäds, die wir in den Einrichtungen schon haben. Und ja, wenn wir alle Kinder erreicht haben werden, dann müssen wir dafür sorgen, dass da, wo die Herausforderungen besonders groß sind, auch reagiert wird. Das hat die Koalition mit dem Beschluss zum BremKTG gerade beschlossen. Zur Vertretungsreserve: Herr Fricke, als Mitglied der Bildungsdeputation sollte Ihnen die Konstruktion der Stadtteilschule bekannt sein, auf die ich mich bezogen habe. Da ist dann auch deutlich, wie man das macht, mit so einem zentralen Vertretungspool, und wo die angehenden Fachkräfte herkommen. Das finde ich eine gute Idee und ich glaube, das sollte man auch umsetzen. Nicht zuletzt möchte ich auf den vierten Punkt eingehen, der in der Studie prominent betont wird. Der ist: Neue Wege in den Beruf ermöglichen. Das haben wir mit der Änderung des BremKTG in der letzten Plenarsitzung des Landtags getan. Wir müssen auch weiterhin diese Menschen qualifizieren. Das tun wir auch. Da sind bereits die Ersten in der Weiterbildung zur Erzieherin, zum Erzieher. Daher ist das der richtige Weg. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wir haben in der letzten Deputation verabredet, dass wir die Studie da inhaltlich und ausführlich erörtern. Ich glaube, das macht auch Sinn. – Ich bedanke mich trotzdem für diese Debatte! (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke)
