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Holger Fricke

BÜNDNIS DEUTSCHLAND 10.09.2025 Sitzungen 21/25

Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Die Horrormeldungen aus der Kinder- und Bildungsbehörde reißen nicht ab: hoher Krankenstand, eine Zunahme von Burnout bei den Fachkräften, 48 Prozent aller Erstklässler kommen mit Sprachdefiziten in die Schule. Dazu kommen steigende Zahlen der W+E-Kinder. Inzwischen sind es wohl über 500 Schülerinnen und Schüler, die zusätzliche, kraftraubende Hilfe benötigen. 2 500 bedürftige Kinder aus Bremen haben noch nie eine Kita von innen gesehen, und jetzt kam eine 83 Seiten starke Studie des Sozialwissenschaftlers René Böhme vom Institut Arbeit und Wirtschaft heraus; 83 Seiten, die es in sich haben. Zehn Jahre nach Berufseinstieg arbeiten nur noch 36 Prozent der Erzieherinnen und Erzieher in Bremer Kitas. Mit dieser hohen Fluktuation ist Bremen mal wieder ein Schlusslicht im bundesweiten Vergleich. (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND) Für die Studie wurden rund 1 100 angehende aktive und ehemalige Erzieher und Erzieherinnen online befragt. Hinzu kamen ausführliche Interviews mit Kitaträgern, Erzieherschulen, Aussteigern und Fachkräften. Es gibt einen bunten Strauß von Gründen, warum so viele Fachkräfte in Bremen hinschmeißen. Viele Erzieher gehen ins niedersächsische Umland, wo bessere Wohn- und Arbeitsbedingungen herrschen. Die Lautstärke in den Kitas wird auf Dauer für viele Fachkräfte immer unerträglicher. Häufig sorgt ein schlechtes Betriebsklima in vielen Bremer Kitas für den Ausstieg. (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND) Viele Erzieher:innen nutzen ihre Ausbildung aber auch als Sprungbrett. Sie wechseln den Job, gehen an Ganztagsschulen, sie arbeiten in der Jugendhilfe oder im Bereich Streetwork. Bereits während der Ausbildung planen viele Erzieher:innen, nur kurz in den Bremer Kitas zu arbeiten. Einige wollen auch nach der Ausbildung studieren oder sich anders weiterbilden. Dazu kommt die immer weiter steigende Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen und mit der sinkenden Betreuungsqualität. Viele Fachkräfte kritisieren fehlende Vertretungsreserven, zu große Gruppen und eine hohe Quote an Förderkindern. (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND – Abgeordneter Jan Timke [BÜNDNIS DEUTSCHLAND]: Jawohl!) Meine Damen und Herren, das ist nichts Neues. Bereits im März 2023 berichtete der „Weser-Kurier“ von Kindertagesstätten in BrennpunktStadtteilen, in denen jedes vierte Kind eine Beeinträchtigung hat. Trotz der Einführung von speziellen Inklusionsbeauftragten hat sich die Situation seitdem dramatisch verschlechtert. (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND) Auch ein Grund, der unnötig ist: In Bremen fühlen sich die Fachkräfte von der Politik nicht genug wertgeschätzt. (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND) Erzieherinnen und Erzieher sind häufig verzweifelt. Ihr Ziel, die Situation von Kindern zu verbessern, können sie schwer bis gar nicht umsetzen. Böhme sagte gegenüber dem „Weser-Kurier“: „Viele haben mir gesagt: Ich bin froh, dass heute nichts passiert ist.“ Weit über die Hälfte der über 1 100 befragten Erzieherinnen und Erzieher arbeiten bereits in Teilzeit. Als Hauptgründe für Teilzeit werden hohe emotionale Belastung bei der Arbeit und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf genannt. Vierzig Prozent der Teilzeitkräfte sind aber bereit, ihre Arbeitszeit aufzustocken, wenn ihre Arbeit besser bezahlt wird und die Arbeitsbedingungen endlich verbessert werden. (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND) Die Idee für die Studie, die von der Bildungsbehörde und der Arbeitnehmerkammer finanziert wurde, entstand nach dem ersten Bremer Kitagipfel. „Manchmal führen schon Einzelkonflikte in der Ausbildung dazu, dass angehende Erzieherinnen und Erzieher abbrechen“, sagte Böhme, zum Beispiel, wenn das Arbeitsklima beim Praktikum nicht gut ist oder jemand sich mit der Anleiterin nicht versteht. Es gibt unter den Erziehern alarmierend viele enttäuschte und ausgebrannte Mitarbeiter. In der Ausbildung wird den Erziehern beigebracht, wie sie individuell auf einzelne Kinder eingehen können, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND) Fachkräfte werden häufig mit zwanzig Kindern alleingelassen. Doch wie soll sich die Situation verbessern? Peer Rosenthal, Chef der Arbeitnehmerkammer in Bremen, schlägt Ausbildungs-Coaches vor, die angehende Erzieherinnen und Erzieher intensiv begleiten. Deren Ziel soll es sein, die Ausbildungsabbrüche zu vermeiden. Größere Kitas, sagt er, hätten teils bereits Springerpools, um Krankheitsfälle aufzufangen. Für kleinere Kitas ist das kaum machbar. Hier könnte ein übergeordneter Springerpool helfen. Wo er die Fachkräfte hernehmen will, verrät er uns leider nicht. (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND) Unsere Bildungssenatorin Sascha Aulepp kam auch zu Wort, in diesem „Weser-Kurier“-Artikel. Sie sagte, noch immer würden Fachkräfte für die Kitas und die Ganztagsschulen gebraucht, mindestens im hohen dreistelligen Bereich. „Aber es ist für uns genauso wichtig, die Fachkräfte in unseren Einrichtungen zu halten.“ Das klappt ja laut der Studie überhaupt nicht. (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND) Genau wie Rosenthal schlägt die Senatorin vor, einen Vertreterpool einzurichten. Wie sie Fachkräfte dafür gewinnen will, wird sie uns ja hoffentlich gleich verraten. (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND) Meine Damen und Herren, ein Ende des Kitadramas scheint aber wohl nicht in Sicht zu sein. – Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall BÜNDNIS DEUTSCHLAND)

Alle Reden von Holger Fricke Protokoll (PDF) ↗