Anne Helm
Herzlichen Dank, Herr Präsident! – Meine sehr verehrten Damen und Herren! Dieser AfD-Antrag ist tatsächlich eine geschichtsrevisionistische Zumutung. Das sehe ich auch so. [Beifall bei der LINKEN, der SPD und den GRÜNEN – Zuruf von Jeannette Auricht (AfD)] Es war erst im letzten Plenum, dass ich davor gewarnt habe, dass Putins imperialistische Umdeutung des 8. Mai ganz eng mit dem Revisionismus der deutschen Nationalisten verwoben ist, und prompt tritt die AfD heute hier den Beweis an. Mit dem Titel „‚Erlöst und vernichtet zugleich‘“ bemächtigt sie sich eines Zitats von Theodor Heuss. Er nannte 1949 den 8. Mai einen Tag, an dem Deutschland erlöst und vernichtet in einem wurde. Er sprach damals aus der Perspektive eines Mannes, der von Trümmern umgeben war, in einem Land, das Europa mit Vernichtung überzogen, [Zuruf von Gunnar Lindemann (AfD)] den grausamsten Krieg des 20. Jahrhunderts entfesselt und das Millionen Menschen ermordet hatte. Deutschland war vor allem moralisch restlos vernichtet. [Beifall bei der LINKEN, der SPD und den GRÜNEN] Diese Analyse pervertiert die AfD nun im Sinne von Höcke, [Zuruf von Gunnar Lindemann (AfD)] um eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad einzufordern. Wenn die AfD von Differenzierung spricht, dann meint sie verwässern, dann meint sie relativeren und verdrehen. [Beifall bei der LINKEN und der SPD – Vereinzelter Beifall bei den GRÜNEN – Beifall von Christian Gräff (CDU)] Jetzt müssen wir hier ernsthaft die Frage diskutieren, ob es zu einseitig sei, den Sieg über Hitlerdeutschland zu feiern. Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung von einem Regime, das Europa mit Krieg und Abscheulichkeiten überzogen hat, die bis dahin als undenkbar galten, von einem System, das Menschen industriell ermordete. Ja, selbstverständlich haben auch Deutsche gelitten. [Jeannette Auricht (AfD): Aber die waren selbst schuld!] Der Krieg brachte Hunger, Krankheit und Tod. Es gab Gewalt und Vertreibungen, aber wer heute so tut, als sei dieses Unrecht mit den Verbrechen des Naziregimes gleichzusetzen – und genau das macht der Antrag –, der verkleistert ganz bewusst die historische Schuld. [Beifall bei der LINKEN, der SPD und den GRÜNEN – Beifall von Christian Gräff (CDU) und Maik Penn (CDU)] Dieser Antrag ist ein Angriff auf die Erinnerungskultur, die von den Opfern der Nazis und ihren Nachfahren gegen erbitterten Widerstand erkämpft werden musste. Im französischen Oradour-sur-Glane verbrannten SS-Männer 642 Menschen lebendig in einer Kirche, darunter 205 Kinder. In Leningrad wurden während der Belagerung rund eine Million Menschen gezielt ausgehungert. 1944 wurden in nur 50 Tagen über 400 000 ungarische Jüdinnen und Juden direkt nach Auschwitz deportiert, fast alle wurden sofort vergast. Auch die sogenannten Endphasenverbrechen gegen die Deutschen selbst verschweigt die AfD. Massenhaft versprengte Soldaten, Zivilisten, Generäle wurden ermordet, weil sie kapitulieren wollten oder auch nur, weil sie nicht bereit waren, ihre Kameraden wegen dieses Vorwurfs zu erschießen. All das wird hier mit keinem Wort erwähnt, aber das Leid nach 1945 ist eine Konsequenz daraus. Niemals kann es ohne diese Verbrechen erzählt werden, niemals ohne Auschwitz, und diese Wahrheit wollen Sie mit Ihrer Gleichsetzung verschleiern. [Beifall bei der LINKEN, der SPD und den GRÜNEN – Beifall von Christian Gräff (CDU)] Ich bin froh, dass das heute deutlich geworden ist. Es sind solche Anträge, die zeigen, warum Gedenkkultur so notwendig ist. Sie ist keine sentimentale Übung. Sie beinhaltet immer den Auftrag des „nie wieder“. Sie ist Widerstand gegen das Wiedererstarken des Faschismus. Genau deshalb stellen Landtagsfraktionen der AfD Anträge, die Mittel für Gedenkstätten zu streichen. Deshalb greifen Sie die Erinnerungskultur an, weil Sie Ihnen im Weg steht. [Beifall bei der LINKEN, der SPD und den GRÜNEN – Beifall von Christian Gräff (CDU) und Maik Penn (CDU)] Abschließend möchte ich Ihnen schöne Grüße aus Thüringen ausrichten. Meine Großmutter wurde selbst als Kind aus Breslau vertrieben. Ich sage Ihnen mal, was ihre Lehre aus dieser einschneidenden Erfahrung ist: zum einen, dass Menschen, die flüchten müssen, Menschlichkeit und Schutz verdient haben, und zum anderen, dass sie sich mit 85 Jahren in Thüringen bei den Omas gegen Rechts engagiert und sich dem Faschisten Höcke und seinen Schergen entgegenstellt. [Beifall bei der LINKEN, der SPD und den GRÜNEN – Zuruf von der AfD] Denn die Lehre aus der Geschichte, auch aus der Geschichte meiner Großmutter, heißt: Nie wieder Faschismus! – Thank you! Merci! Spasibo! [Beifall bei der LINKEN, der SPD und den GRÜNEN]
