Martin Trefzer
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! In wenigen Wochen jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa zum 80. Mal. Die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reichs am 8. Mai 1945 setzte der nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungspolitik ein Ende, die in deutschem Namen unermessliches Leid über die Völker Europas gebracht hatte. So wurde der 8. Mai für Millionen Inhaftierte und Überlebende, die unter der nationalsozialistischen Gewalt- und Vernichtungspolitik gelitten hatten, zum Tag der Befreiung. Und trotzdem taugt der 8. Mai 1945 nicht als allgemeines Symbol der Befreiung, denn während das nationalsozialistische Unrecht durch die Niederlage Deutschlands beendet wurde und im Westen in den Jahren nach der Kapitulation eine Perspektive für die Versöhnung der ehemaligen Kriegsgegner und einen demokratischen Wiederaufbau eröffnet wurde, errichtete Stalin in Osteuropa und im Osten Deutschlands neue Diktaturen sowjetischer Prägung. Dem vorausgegangen war die auch von den Westalliierten beschlossene Vertreibung von circa 14 Millionen Deutschen aus ihrer angestammten Heimat. Dabei kamen circa 2 Millionen Menschen ums Leben. Circa 860 000 deutsche Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt, oftmals mehrfach. Die dabei erlittenen Traumata wurden über Generationen weitergetragen und wirken bis heute fort. Der Begriff der Befreiung wird vor allem den Opfern dieser Kriegsverbrechen, den Opfern von Flucht und Vertreibung und auch den Opfern der rücksichtslosen Sowjetisierung Mittelost- und Osteuropas nicht gerecht, denn jeder, der sich der neuen Diktatur in den Weg stellte, wurde rücksichtslos interniert, deportiert oder liquidiert. So wurde für viele Ostdeutsche und Osteuropäer 1945 lediglich eine Diktatur durch eine andere ersetzt. Es ist gut, dass über dieses Unrecht heute genauso gesprochen werden kann wie über die Millionen Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, [Beifall bei der AfD] ohne das eine Unrecht gegen das andere aufzurechnen. Eine bis heute treffende Bewertung des 8. Mai 1945 stammt von Theodor Heuss, dem späteren ersten Bundespräsidenten. Vier Jahre nach Kriegsende skizzierte er die doppelte Bedeutung des 8. Mai 1945 wie folgt – ich zitiere mit Erlaubnis des Präsidenten –: „Im Grunde genommen bleibt dieser 8. Mai 1945 die tragischste und fragwürdigste Paradoxie der Geschichte für jeden von uns. Warum denn? Weil wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind.“ – Zitat Ende. [Vereinzelter Beifall bei der AfD] Erlösend waren zweifelsohne die Zerschlagung des Nationalsozialismus, die Befreiung der Konzentrationslager und das Ende der Schrecken des Krieges. Vernichtend waren die Schutzlosigkeit gegen die Willkür der Sieger, der Verlust nationaler Selbstbestimmung, [Zuruf von der LINKEN: Heul doch!] die Zerstörung von Städten und Kulturgütern, das Elend der Kriegsgefangenen und Zivildeportierten, der Verlust eines Drittels des Staatsgebiets und die Vertreibung, die deutsche Teilung und schließlich die Errichtung einer neuen Diktatur in der SBZ und der DDR. Erst mit dem Umbruch 1989 und der Friedlichen Revolution in der DDR zerfiel das sowjetische Imperium, und erst der Sturz der SED-Diktatur im Herbst 1989 brachte Ostdeutschland und Berlin die ersehnte Freiheit. [Beifall bei der AfD] Jedes Gedenken an den 8. Mai 1945 muss dieser Ambivalenz des Kriegsendes Rechnung tragen. Die Deutschen sind am 8. Mai 1945 vom Nationalsozialismus befreit worden, aber Freiheit und Demokratie hielten in ganz Deutschland erst 1989 Einzug. Der 80. Jahrestag des Kriegsendes gibt Anlass, zurückzublicken und sich des Krieges, aber auch der Leistungen des Wiederaufbaus nach 1945 und der Versöhnung zwischen den einstigen Kriegsgegnern zu erinnern. 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verneigen wir uns vor den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft. Gleichzeitig ehren wir das Andenken all derjenigen, die der Politik des Krieges, der Vernichtung und der Barbarei Widerstand entgegengesetzt oder schlicht unter widrigen Umständen die Menschlichkeit bewahrt haben. [Beifall bei der AfD] Die Erfahrung von Krieg, Nationalsozialismus und Kommunismus taugt nicht für tagespolitische Polemiken, sondern ist bleibende Verpflichtung, für Frieden, Freiheit und Demokratie einzutreten und insbesondere jeder Form von Totalitarismus entschieden entgegenzutreten. [Beifall bei der AfD – Tobias Schulze (LINKE): Machen wir, keine Sorge!] Das Vermächtnis aus der Geschichte sind Freiheit und Rechtsstaatlichkeit sowie ein friedliches Miteinander souveräner Staaten. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! [Beifall bei der AfD – Anne Helm (LINKE): Eine Zumutung, wirklich!]
