Martin Trefzer
Vielen Dank, Frau Präsidentin! – Meine Damen und Herren! In wenigen Wochen gedenken wir des 80. Jahrestags des Kriegsendes in Europa. Es ist gute Tradition, dass wir aus diesem Anlass der getöteten Zivilisten, der Opfer von Kriegsverbrechen und Völkermord, aber auch der gefallenen Soldaten gedenken, und zwar der Soldaten aller Länder. [Beifall bei der AfD] Eine Differenzierung der gefallenen Soldaten nach Nation, Herkunft oder Ethnie sollte dabei nicht im Vordergrund stehen. Der vorliegende Antrag fordert nun, beim Gedenken an die Kriegstoten die Rolle der nichtrussischen Völker der Sowjetunion besonders zu würdigen. Dabei verkennt der Antrag ganz offensichtlich den Unterschied zwischen dem Gefallenengedenken auf der einen Seite und einer historisch-politischen Einordnung auf der anderen Seite. Denn das Gefallenengedenken sollte doch inklusiv und nicht ausgrenzend konzipiert sein, wo auch immer der einzelne Soldat stand und woher er kam. [Beifall bei der AfD] Es ist jedenfalls aus unserer Sicht keine besonders zukunftsweisende Idee, jetzt die einen Kriegstoten gegen die anderen auszuspielen, also in diesem Fall Russen gegen Nichtrussen. Wir halten das nicht für zielführend im Sinne der Völkerverständigung, welche ja gerade eine der Lehren aus dem Krieg ist. Etwas anderes ist selbstverständlich: die historischpolitische Einordnung. Der Streit darüber wird naturgemäß niemals enden. Und natürlich treten bei dieser Betrachtungsweise teilweise große Unterschiede zwischen den Beiträgen und den Opfern der unterschiedlichen beteiligten Armeen, Völker und Länder zutage. Bei den Armeen der Sowjetunion, die mehr Kriegstote zu beklagen hatten als jedes andere Land, kommen besonders viele Paradoxien zusammen. Zunächst verbündeten sie sich mit Hitler, um Polen anzugreifen und Mittel- und Osteuropa gemeinsam aufzuteilen. Auch Finnland wurde von der Sowjetunion überfallen. Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion wuchs Stalin dann in die Rolle des Befreiers hinein, von der er zuvor nie zu träumen gewagt hatte. Doch trotz der Tatsache, dass die Sowjetunion dazu beitrug, Deutschland und Osteuropa vom Nationalsozialismus zu befreien, gilt es festzuhalten, dass es Stalin eben nicht darum ging, Europa die Freiheit zu geben. [Beifall bei der AfD] Es ging Stalin darum, seine eigene Diktatur zu errichten. Demzufolge wurde überall dort, wo sowjetische Soldaten einmarschierten, eine Diktatur nach sowjetischem Vorbild durchgesetzt. Es ist schon erstaunlich, dass einige erst jetzt, nach Putins Neuauflage der stalinistischen Geschichtsklitterungen, merken, wie naiv sie mit der sowjetischen Befreiungserzählung umgegangen sind. Denn natürlich hatte Stalin auch nicht die Absicht, die Eigenständigkeit der Völker der Sowjetunion zu respektieren – ganz im Gegenteil. Die Sowjetunion baute vor allem in der Zeit Stalins auf der Unterdrückung der nicht russischen Völker auf. Gerade die Ukrainer haben Anfang der Dreißigerjahre im Holodomor unvorstellbares Leid erlitten. All das gehört zur geschichtlichen Auseinandersetzung um das Kriegsende dazu, überhaupt keine Frage. Trotzdem, um das noch einmal ganz klar zu sagen, gedenken wir in den nächsten Wochen aller gefallenen Soldaten, egal, auf welcher Seite sie standen, das heißt, wir gedenken wie immer auch der besonders vielen sowjetischen Toten, unabhängig davon, ob die Gefallenen Russen, Ukrainer, Weißrussen, Usbeken, Kasachen, Tadschiken oder Angehörige anderer Völker waren. Für die Gefallenen all dieser Völker legen wir im Treptower Park, in Schönholz und im Tiergarten Kränze nieder, und wir tun dies, obwohl wir wissen, dass diese Ehrenmäler eine propagandistische Zumutung sind. Wir nehmen die stalinistischen Sprüche über die Größe der Sowjetunion, die dort prangern, sehr wohl zur Kenntnis, lieber Herr Otto, und wir sind uns sehr wohl bewusst, dass sie an anderer Stelle durchaus zu kritisieren sind. Aber das Totengedenken ist nach unserer Auffassung nicht der richtige Augenblick für eine solche Auseinandersetzung, weil in diesem Moment die Trauer und der Respekt vor den Toten im Mittelpunkt stehen. [Beifall bei der AfD] Genauso sollten wir es im Umgang mit den unterschiedlichen Völkern der Sowjetunion handhaben. Natürlich war die Einheit der Sowjetunion eine einzige Lüge, aber diese Tatsache sollte uns rund um den 8. Mai nicht davon abhalten, allen gefallenen Soldaten, ungeachtet ihrer Herkunft, die gleiche Reverenz zu erweisen. – Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit! [Beifall bei der AfD]
