Melanie Kühnemann-Grunow
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn es eines weiteren Beispiels bedarf, dass es sich bei der AfD um eine antidemokratische und verfassungsfeindliche Partei handelt, dann sei ein Blick in den vorliegenden Antrag empfohlen. Worum geht es? Es ist hier schon angeklungen. Die AfD möchte mal eben die Kunstfreiheit abschaffen, nicht mehr und nicht weniger. Öffentliche Mittel sollen vor allem für die Aufführung klassischer Theaterstücke und in werkgetreuen – das haben wir auch schon gehört, was auch immer das sein soll – Inszenierungen verwendet werden. Moderne Inszenierungen einschließlich des sogenannten Regietheaters sollen künftig bei der Vergabe von Fördermitteln an zwei Kriterien gemessen werden: Publikumswirksamkeit und kulturelle Relevanz, wobei die AfD natürlich definiert, was publikumswirksam und was kulturell relevant ist. Das ist ein klarer Eingriff in die Kunstfreiheit. Politik hat sich nicht in die Auswahl von Stoffen einzumischen. [Beifall bei der SPD, der CDU, den GRÜNEN und der LINKEN] Genau deshalb sind sowohl die Kunst als auch die Kulturfreiheit im Grundgesetz verankert. Was bedeutet überhaupt publikumswirksam? Unsere Theater sind mega nachgefragt und in der Regel ausverkauft. Das kann es also nicht sein. Wenn Sie sich einmal die Mühe gemacht und sich mit der Auslastung unserer Sprechtheater auseinandergesetzt hätten, würden Sie das auch wissen. Das haben Sie aber nicht getan. Was heißt dann publikumswirksam? Das reizt hier jetzt die Deutschlehrerin in mir, die lange solche Stoffe unterrichtet hat und viel mit Kindern und Jugendlichen ins Theater gegangen ist, vielleicht einen kleinen dramentheoretischen Vortrag über die Wirkung von Theater zu halten. [Niklas Schrader (LINKE): Ja, bitte!] Ich habe aber leider nur drei Minuten Zeit. Ich könnte was über Gottsched sagen, Dramentheorien. Ich könnte hier was über Brecht-Theater sagen. Theater wirkt nämlich immer. Es wirkt immer auf Menschen. Wenn Sie einmal mit Kindern und Jugendlichen im Theater gewesen wären, hätten Sie gesehen, wie lange das auch nachwirkt, wie begeistert Kinder und Jugendliche sind, wenn sie Theater sehen. Es wäre noch zu klären, was kulturell relevant ist. Der Antrag führt einige Autoren auf, die ich mitunter auch sehr schätze. Der Stückekanon unserer Bühnen beinhaltet aber so viel mehr ,und das ist auch gut so, dass er so viel mehr beinhaltet, vor allen Dingen auch viele moderne Stücke, die inzwischen auch schon zur Tradition gehören. Ich habe im Schuldienst übrigens gelernt, dass man vor allem die unterschiedlichen Kulturen und die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe von Menschen berücksichtigen muss, wenn man sie erreichen will. Da habe ich gelernt, dass das Theater außerdem eine universelle Sprache hat, die alle Menschen erreicht. Da Sie aber so dermaßen auf Goethe, Schiller und Co verweisen, empfehle ich der gesamten AfD-Fraktion, mal demnächst in die Vagantenbühne zu gehen, am besten in Lessings Nathan der Weise. In der Ringparabel, meine lieben Kollegen von der AfD, werden durch die drei Ringe und die drei Söhne die drei Weltreligionen beschrieben, die sich um Macht und Überlegenheit streiten. Die Aussage der Ringparabel und des Richters Nathan ist es, dass alle drei recht haben und dass alle drei friedlich miteinander leben sollen. [Beifall bei der SPD – Vereinzelter Beifall bei den GRÜNEN] Theater bildet, hilft neben der heute eingesetzten Enquete-Kommission im Übrigen auch ganz im Sinne der Aufklärung bei Toleranzdefiziten, die wir hier immer wieder auf der rechten Seite erleben. [Zuruf von Dr. Kristin Brinker (AfD)] Wir lehnen diesen Antrag selbstverständlich ab, weil er einen unzulässigen Eingriff in die Kunstfreiheit darstellt. Wir stehen zu unseren Bühnen, und die machen ein super Programm. – Danke! [Beifall bei der SPD, der CDU und den GRÜNEN – Vereinzelter Beifall bei der LINKEN]
