Dr. Robbin Juhnke
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, mich an dem Text des Antrages zu orientieren und nicht hineinzuinterpretieren, was man da vielleicht hineininterpretieren kann, aber Ihre Ausführungen haben deutlich gemacht, wessen Geistes Kind dieser Antrag ist. Wenn man es auch im Text nicht unbedingt erkennt, aber der Hauch der Reichskulturkammer geht da schon ein bisschen durch Ihre Intention durch. [Beifall bei der CDU, der SPD, den GRÜNEN und der LINKEN – Rolf Wiedenhaupt (AfD): Och nö!] Sie haben damit grundsätzlich einen Dissens mit meiner Fraktion in der Frage, wie wir uns inhaltlich in die Programmgestaltung von Häusern einmischen – nämlich nicht. Sie haben aber auch handwerklich-methodisch ein paar Probleme indiziert, auf die ich eingehen möchte. Die Frage ist: Sie haben in Ihrem Antrag von „Klassikern“ gesprochen, Sie sprechen hier von Goethe, Schiller, Sophokles. Der Klassikerbegriff ist aber dehnbar, den kann man auch anders interpretieren. Ich denke zum Beispiel an das absurde Theater, Eugène Ionesco, „Warten auf Godot“ oder andere Dinge, die längst zu Klassikern ihres Genres geworden sind. Wer will definieren, was ein Klassiker ist? Selbst wenn Sie sich hinstellen und sagen: Wir haben irgendwann eine Liste –, wer auch immer die zusammenstellt, und der Gedanke ist schon, aus meiner Sicht, gespenstisch, kommen Sie zu der Frage, wenn wir Ihrem Text weiter folgen, was werkgetreu ist. Auch darüber kann man sich außerordentlich lange unterhalten. Im Libretto der Walküre steht nicht drin, dass man Flügelhelme tragen muss, die gab es in Germanien übrigens gar nicht, hat sich so eingefügt. [Beifall bei der CDU – Vereinzelter Beifall bei der SPD – Beifall von Daniela Billig (GRÜNE) und Klaus Lederer (LINKE)] Da stand auch nicht drin, dass man einen Brustpanzer tragen muss, wie auf der Germaniamarke von 1901 abgebildet wurde. Das würden Sie da nicht finden. Das heißt, dass es in dieser Frage keine Vorgaben gibt, so vorzugehen. Selbst wenn wir das jetzt alles eins zu eins übersetzen, stellt sich immer noch die Frage, ob das eine moderne Inszenierung ist. Wer soll das entscheiden? Wollen Sie ein Gremium aus Intendanten, Regisseuren und Politikern zusammensetzen, das darüber befindet [Robert Eschricht (AfD): Die Kriterien stehen im Antrag!] – Die stehen so nicht drin, ich habe mir das durchgelesen! –, oder wollen Sie zehn Leute von der Straße holen, die feststellen, ob das noch akzeptabel ist oder ob das schon modern ist? Das finde ich schwierig. Dann unterscheiden Sie zwischen den klassischwerkgetreuen Stücken und den modernen Stücken. Bei den modernen Stücken wollen Sie nach Effizienzkritieren vorgehen, bei den klassisch-werkgetreuen Stücken nicht. Deswegen ist das ein bisschen merkwürdiges Sammelsurium. Da ist es dann egal, ob das Stück erfolgreich ist oder ob es publikumswirksam ist. Da muss ich Ihnen sagen, dass Sie sich auch ökonomisch ins Knie schießen, wenn Sie solche Dinge bruchstückhaft in einem Antrag zusammenschustern. – Die Kulturfreiheitsthematik habe ich schon gestreift. Ich sehe, die Redezeit geht langsam zu Ende. Sie haben einen Punkt, und zwar ist das die Frage der kulturellen Relevanz und der Effizienz von Steuergeldern. Ich finde, es ist vollkommen legitim, dass man diese Fragen stellt. Denn das, was von allen bezahlt wird, muss auch so sein, dass es viele interessiert. Da merken Sie aber auch, dass Gespräche stattfinden, dass man darauf in Zeiten, wo die ökonomischen Ressourcen nicht mehr so sind, wie sie mal waren, sicherlich auch mehr Rücksicht nehmen wird. Aber das überlassen wir den Profis in den Häusern und machen das nicht hier als Politik, weil das der falsche Ansatz wäre. Das sollten wir, wie gesagt, den Profis überlassen. Diesen Antrag hat jedenfalls kein Profi geschrieben. – Vielen Dank! [Beifall bei der CDU und der SPD]
