parlament-berlin.de ↗

Louis Krüger

GRÜNE 23.05.2024 Sitzungen 19/48

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Abgeordnete! Ich möchte Ihnen heute die Geschichte von zwei Mädchen erzählen. Die erste ist Anna. Sie wohnt in Marzahn-Hellersdorf und geht dort auf eine Grundschule. Ihre Schule hat eine Personalausstattung von 76 Prozent. Das heißt, jede vierte Lehrkräftestelle an ihrer Schule ist unbesetzt. Und von den Lehrkräften, die es dort gibt, kommen viele über den Quereinstieg. Es gibt dort auch Studierende, die wie an vielen Schulen unterrichten, unter anderem einen Bachelorstudenten, der dort eine Klassenleitung übernommen hat. Das Praxissemester wird an der Schule erst gar nicht angeboten, weil es niemanden gibt, der das begleiten kann. Referendarinnen und Referendare gab es an der Schule schon seit Jahren nicht mehr. Der letzte, den es dort gab, hat sein Referendariat dort fertig gemacht und ist an eine andere Schule gewechselt. Dann gibt es das andere Mädchen, Emilia. Sie wohnt in Steglitz-Zehlendorf und geht dort auch auf eine Grundschule. Diese Schule hat eine Personalausstattung von 103 Prozent. Es gibt an der Schule eine Quereinsteigerin. Es gibt dort auch Studierende – klar, wie an jeder Schule, das habe ich gesagt –, allerdings erst welche, die im Master Lehramt studieren, und die übernehmen natürlich keine Klassenleitung. Wenn es um das Praxissemester geht, ist es so, dass die Schule übernachgefragt ist, und auch Referendare tummeln sich an dieser Schule. Anna und Emilia erfahren bereits mit sieben Jahren, dass ihre Chancen nicht gleich verteilt sind. Natürlich kann aus beiden etwas werden, aber die eine wird viel härter dafür kämpfen müssen als die andere. Anna und Emilia können nichts für diese Ungerechtigkeit. Der Senat hingegen schon. Denn Frau Günther-Wünsch hat als eine ihrer ersten Amtshandlungen die Lehrkräftesteuerung in Berlin zurückgenommen. Wenn sich eine Lehrkraft aussuchen kann, an welche Schule sie geht, wird sie in der Regel an Emilias Schule landen, nicht weil die Schüler in Marzahn-Hellersdorf vermeintlich schwieriger sind als die in Steglitz-Zehlendorf, sondern wegen der dramatisch ungleichen Arbeitsbedingungen. Da ist auch keiner Lehrkraft ein Vorwurf zu machen. Das liegt nicht in ihrer Verantwortung. Es ist der Senat, der hier handeln muss und sich nicht wegducken darf. Wer, wenn nicht Politik, muss die Richtung vorgeben? Wer, wenn nicht wir? [Beifall bei den GRÜNEN – Vereinzelter Beifall bei der LINKEN] Haben Sie Anna schon abgeschrieben? Wollen Sie die Lehrkräfte, die an ihrer Schule sind, sich selbst überlassen? Das ist keine soziale Politik, das wird den Kindern und Lehrerinnen und Lehrern nicht gerecht, und das werden wir so auch nicht hinnehmen. [Beifall bei den GRÜNEN – Vereinzelter Beifall bei der LINKEN] Deswegen haben wir die Forderungen, erstens die Einstellungskontingente wieder einzuführen, damit keine Schule zulasten einer anderen Schule einstellen kann. Zweitens wollen wir Stipendien für Lehramtsstudierende nach dem Modell in Brandenburg einführen, wo sehr gute Erfahrungen gemacht werden. Als Drittes wollen wir die eben gerade schon beschriebenen teils befristeten Teilzeitabordnungen an benachbarte Schulen verstärken, die es ja gerade auch schon gibt. Dahinter steht eine Haltung zu mehr Bildungsgerechtigkeit, eine Haltung, die ich im Senat leider vermisse. Deswegen frage ich Sie direkt, Frau Günther-Wünsch: Was antworten Sie Anna, die in Ihrem Bezirk wohnt, wenn sie Sie fragt: Warum haben Sie die Lehrkräftesteuerung zurückgenommen? – Frau Lasić – Sie werden ja gleich reden, vielleicht können Sie das beantworten –, ich frage Sie: Warum positionieren Sie sich öffentlich zur Lehrkräftesteuerung, können aber eine Senatorin aus Ihrer Koalition nicht dazu bringen, das auch umzusetzen? Wo ist Ihr parlamentarischer Antrag dazu? Eine rot-grün-rote Mehrheit würde es dafür geben. [Beifall bei den GRÜNEN und der LINKEN – Zuruf von Marcel Hopp (SPD)] Jetzt möchte ich noch kurz auf das eingehen, was gestern Abend bekannt wurde. Aus dem Nichts hat die Bildungssenatorin verkündet, nun doch 300 Stellen umverteilen zu wollen. Ist die ganze Kritik also unberechtigt? – Ich sage nein, denn dieses Panikmanöver schadet mehr als es nützt, und das aus drei Gründen. Erstens der Zeitpunkt: Wir sind an einem Zeitpunkt, wo die meisten Schulen ihre Planung für das nächste Schuljahr schon gemacht haben. Das heißt, eine Umplanung ist teilweise überhaupt gar nicht mehr so umsetzbar. Zweitens wurde zwar nur angekündigt, dass eine Umverteilung stattfindet, aber es wurde kein Plan geliefert. Keine Schule weiß, auf welche Lehrkräfte sie verzichten muss beziehungsweise wo sie hingehen. Drittens wird die Umverteilung vor allen Dingen zulasten der individuellen Förderung gehen. Sprachförderung, Kleingruppen, all dies wird mit dieser Planung wegfallen. Deswegen hat es außer viel Unruhe, viel Chaos in den Berliner Schulen nichts gebracht. Die GEW hat sich schon positioniert, Schulleitungsverbände haben sich dagegen positioniert, Sie haben massiv Vertrauen in die Bildungsverwaltung verspielt, und Anna und Emilia nützt das überhaupt nichts. – Vielen Dank! [Beifall bei den GRÜNEN – Vereinzelter Beifall bei der LINKEN]

Alle Reden von Louis Krüger Protokoll ↗