Klara Schedlich
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Aus der aktuellen Bildungs- und Ausbildungssituation leitet sich deutlich Handlungsbedarf ab. Auf der einen Seite haben wir einen großen Fachkräftemangel, auf der anderen Seite zu wenig Ausbildungsplätze, die werden dann auch nicht alle besetzt, und dann brechen auch noch viele Menschen ihre Ausbildungen wieder ab. Und dann, darum geht es heute, haben wir auch noch circa 2 500 Jugendliche, die nach Ende der 10. Klasse weder weiter in die Schule gehen noch eine Ausbildung beginnen. Wir wissen nicht, und das, liebe Kolleginnen und Kollegen, kann man Versagen nennen, was überhaupt mit diesen jungen Menschen passiert. Ein System zu schaffen, welches alle Jugendlichen auffängt und ihnen ein gutes Angebot macht, dieses Ziel teilen wir alle. Alle Jugendlichen Berlins sollen ihre Optionen kennen und eine Anschlussperspektive haben. Keine einzelne junge Person darf mehr verloren gehen. [Beifall bei den GRÜNEN – Beifall von Franziska Brychcy (LINKE) und Niklas Schrader (LINKE)] Letztes Jahr hat die Bildungssenatorin in der Presse für die Fachwelt überraschend verkündet, sie wolle als Antwort das 11. Pflichtschuljahr einführen. Wir haben von Anfang an klar gesagt, was nicht hilft. Es hilft nicht, die jungen Menschen, die das Schulsystem bisher schon nicht erreicht hat, noch ein Jahr weiter in die Schule zu schicken. Deshalb ist es gut, dass schnell davon abgesehen wurde, dieses weitere Jahr Schulpflicht in den allgemeinbildenden Schulen stattfinden zu lassen. Wir freuen uns auch, dass unser Hinweis, hier auf bestehende Strukturen zu setzen, aufgegriffen wurde und wir mittlerweile vor allem über eine Ausweitung und Flexibilisierung der Integrierten Berufsausbildungsvorbereitung sprechen. Diese an vielen Oberstufenzentren angebotene Orientierungsausbildung ist ein sehr erfolgreiches Modell. Hier können Personen, die zwar schon wissen, welche Branche sie ungefähr spannend finden, aber noch keinen konkreten Beruf im Blick haben, ein Jahr lang die berufliche Schule und ihre Angebote kennenlernen, am Unterricht teilnehmen und, ganz wichtig, verschiedene Praktika machen. An dieser Stelle vielen Dank an die Oberstufenzentren und alle beteiligten Lehrkräfte für ihre wichtige Arbeit in diesem Feld! [Beifall bei den GRÜNEN – Beifall von Elke Breitenbach (LINKE)] Um das dem Ganzen eigentlich zugrunde liegende Problem aber zu benennen: Es fehlt an beruflicher Orientierung, und dafür in erster Linie verantwortlich sind und bleiben die allgemeinbildenden Schulen. Hier muss Berufsorientierung ernster genommen werden, damit wir gar nicht erst diese 2 500 Jugendlichen haben, die ohne Perspektive aus den Schulen kommen. Mit dieser hohen Zahl dürfen wir uns nicht zufriedengeben. Frau Senatorin, wenn es Ihnen wirklich darum geht, den Jugendlichen, die das System bisher nicht erreicht hat, ein System zu bauen, welches ihnen endlich gerecht wird, dann nehmen Sie auch die Allgemeinbildung in den Blick, und sorgen Sie dafür, dass Schulen endlich aufs Leben vorbereiten und nicht nur auf den nächsten Abschluss. [Beifall bei den GRÜNEN und der LINKEN] Die Ankündigung der Senatorin ist einige Monate her. Ein fertiges Konzept gibt es leider immer noch nicht. Welche zusätzlichen Ressourcen die beruflichen Schulen für die Umsetzung bekommen, welche Rolle die Jugendberufsagenturen spielen sollen, wer genau ausgenommen ist vom 11. Pflichtschuljahr, all das ist noch nicht final geklärt. Auch noch nicht ausgereift: Wie sollen die Schülerinnen und Schüler an die Schulen verteilt werden? Die jetzt vorliegende Idee der Ankerschulen setzt nun auf Wohnortnähe. Ich bitte Sie: Hören Sie den Schulleitungen und Eltern zu, die sagen, dass dies bedeutet, dass teilweise die gleichen Jugendlichen mit den gleichen Klassenkameradinnen und Klassenkameraden wieder im Klassenraum sitzen werden, einfach nur 50 Meter weiter an einer anderen Schule. Ich hatte übrigens die Hoffnung – aber vielleicht redet ja Frau Khalatbari auch noch und wird die noch erfüllt –, dass heute aufgeklärt wird, ob jetzt auch für alle Jugendlichen Schulplätze angeboten werden können, wenn das 11. Pflichtschuljahr eingeführt wird. Neulich im Ausschuss hieß es noch, es könnte ungefähr 150 Plätze geben, also 150 Plätze bei 2 500 Jugendlichen, über die wir sprechen. Das passt eindeutig noch nicht zusammen. Deswegen lassen Sie mich an dieser Stelle sagen: Schulpflicht ist nicht nur die Pflicht für Kinder hinzugehen, sondern vor allem auch die Pflicht des Senats, ein gutes Angebot mit genügend Plätzen zu schaffen. [Beifall bei den GRÜNEN] Die wichtigsten Punkte noch einmal zusammengefasst: Das Perspektivenjahr für gelingende Berufsorientierung besteht aus drei Bausteinen. Wir brauchen früher und gute Berufsorientierung in den Schulen. Wir brauchen eine Flexibilisierung und die Ausweitung der Plätze in der IBA. Und wir brauchen eine umlagefinanzierte Ausbildungsplatzgarantie, um sicherzustellen, dass es genügend Ausbildungsplätze für all die angehen Azubis gibt. Hier und auch bei der Schaffung von genügend Praktikumsplätzen spielen die Betriebe eine wichtige Rolle und tragen eine große Verantwortung. Das Ganze ist ein Gemeinschaftsprojekt. Ankündigungen helfen den jungen Menschen nicht. – Frau Günther-Wünsch, sprechen Sie mit den Akteurinnen und Akteuren, gerne in Zukunft auch frühzeitig. Alle sind bemüht, hier etwas Gutes draus zu machen, und bedienen Sie sich gerne weiterhin an unseren Ideen und an den Ideen generell der demokratischen Opposition. Sie dürfen die auch als Ihre eigenen verkaufen. Uns ist nur wichtig, dass was Gutes daraus wird. – Danke schön! [Beifall bei den GRÜNEN – Vereinzelter Beifall bei der LINKEN]
