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Ferat Koçak

LINKE 21.03.2024 Sitzungen 19/45

Sehr geehrte Präsidentin! Kolleginnen! Heute ist der 21. März, Newroz oder Nouruz – sprich Neujahr – für die Völker Mesopotamiens. In dem Sinne wünsche ich allen ein fröhliches Newroz-Fest! Newroz pîroz be! [Beifall bei der LINKEN und den GRÜNEN – Beifall von Sebahat Atli (SPD)] Und unter uns: Es gibt mindestens sechs Abgeordnete in diesem Saal, die auch Newroz feiern. Und auch für Jesidinnen ist Newroz ein Tag der Hoffnung. Umso wichtiger, dass wir heute gemeinsam den Antrag der Linken beschließen: Stoppt die Abschiebungen von Jesidinnen! Und ich erkläre Ihnen, warum. Es ist gerade mal ein Jahr her, dass der Deutsche Bundestag einstimmig beschloss, den Genozid, den Völkermord durch den sogenannten Islamischen Staat an den Jesidinnen im Irak anzuerkennen. Doch in Deutschland wird wieder regelmäßig in den Irak abgeschoben, und immer öfter trifft das auch Jesidinnen, wie uns aus der Community berichtet wird. Die größte jesidische Diaspora in Europa lebt in Deutschland, geschätzt rund 250 000 Menschen. Pro Asyl schätzt, dass derzeit bis zu 10 000 Jesidinnen ausreisepflichtig und von Abschiebung in den Irak bedroht sind. Jesidinnen haben Ende des vergangenen Jahres teils monatelang in einem Camp auf der Bundestagswiese bei Regen und Schnee ausgeharrt, um gegen ihre Ausweisung zu protestieren, viele von ihnen sogar mit dem extremen Mittel des Hungerstreiks, denn sie haben Angst. Vielleicht hilft es, noch mal ins Gedächtnis zu rufen, wovor sie Angst haben und was 2014 passiert ist. In einem durch den amerikanischen Krieg vollkommen destabilisierten Irak breitete sich der Islamische Staat aus, der mordend und vergewaltigend durch die Regionen zog. Innerhalb weniger Monate wurden bis zu 10 000 Jesidinnen ermordet, 7 000 Frauen und Kinder entführt, verkauft, vergewaltigt und unvorstellbare 400 000 Menschen vertrieben. Im Stich gelassen von der Welt waren es damals jesidische Selbstverteidigungseinheiten, die sich mit der Unterstützung der kurdischen YPG und YPJ dem Islamischen Staat in den Weg gestellt und sehr viele Jesidinnen gerettet haben. Es war die kurdische Frauenbewegung, die mit dem Slogan „Jin, Jiyan, Azadî“ den Vormarsch des Islamischen Staat insgesamt zurückgedrängt hat. Doch diese Menschen leiden in Deutschland wiederum unter politischer Repression. Wer „Jin, Jiyan, Azadî“ – Frau, Leben, Freiheit – ruft und dem Widerstand sowohl gegen den Islamischen Staat als auch gegen das Regime im Iran unterstützt, muss sich auch gegen die Kriminalisierung von Kurdinnen in Deutschland einsetzen. [Beifall bei der LINKEN – Beifall von Werner Graf (GRÜNE)] Mit Erlaubnis der Präsidentin möchte ich den Bundestagsbeschluss von 2023 zitieren: „Ihre sichere Rückkehr“ – also die der Jesidinnen –, „ist aufgrund der hoch volatilen Sicherheitslage, die noch immer in Sinjar vorherrscht, kaum möglich: Immer wieder erstarken lokale Keimzellen des IS in Sinjar oder umliegenden Gebieten.“ Menschenrechtsorganisationen vor Ort berichten Ähnliches. Der Islamische Staat und seine Ideologie sind nicht einfach verschwunden, sondern bedrohen nach wie vor das Leben der Menschen dort. Daher haben mehrere Bundesländer vor dem Hintergrund des Genozids, des Traumas und der aktuell noch drohenden Gefahr beschlossen, Jesidinnen unter keinen Umständen abzuschieben. Aus Berlin – soweit wir zumindest wissen – sind bisher keine Jesidinnen abgeschoben worden, doch möglich ist es. Lassen Sie uns heute gemeinsam ein Zeichen setzen und Jesidinnen, die viel Leid erfahren, den Genozid überlebt und hier Zuflucht gefunden haben, ein sicheres Leben ohne Angst vor Abschiebung an den Ort des Traumas ermöglichen! Bitte stimmen Sie dem Antrag zu! [Beifall bei der LINKEN und den GRÜNEN] Heute ist der Internationale Tag gegen Rassismus, und ich möchte eines kürzlich verstorbenen und heute beigesetzten ehemaligen wissenschaftlichen Mitarbeiters hier im Abgeordnetenhaus, Mitbegründer der Opferberatungsstelle ReachOut Berlin und antirassistischen Aktivisten, Biplab Basu, gedenken. Er war der Anwalt rassistisch entrechteter und diskriminierter Menschen und kämpfte bis zuletzt an der Seite von Betroffenen für eine Gesellschaft ohne Rassismus. Berlin hat einen besonderen Menschen verloren. Biplab Basu wird in unseren Kämpfen weiterleben. – Vielen Dank! [Beifall bei der LINKEN und den GRÜNEN – Vereinzelter Beifall bei der SPD – Zuruf von der LINKEN: Wuh!]

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